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Fatih Akin: „Notfalls überfalle ich auch ’ne Bank“

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Fatih Akin, 43,
lebt mit seiner Frau
und zwei Kindern
in Ottensen

Regisseur Fatih Akin, 43, lebt mit seiner Frau und zwei Kindern in Ottensen

Foto: Nicolas Guerin / Getty Images

Der Regisseur hat den Jugendbuch-Bestseller „Tschick“ verfilmt. Ein Gespräch über Regie-Träume, Geld und die Lage in der Türkei.

Hamburg.  Fatih Akin ist ein paar Minuten zu spät. „Viel Verkehr heute, sorry“, sagt er, wirft Autoschlüssel, Handy, ein paar zerknüllte Geldscheine auf den großen Resopaltisch und holt erst mal Kaffee. In den hohen Räumen der Firma Post Republic an der Gaußstraße ist morgens um zehn noch nicht viel los, auch wenn hier gerade der vor einigen Monaten gedrehte „MTV unplugged“-Auftritt von Marius Müller-Westernhagen final geschnitten wird. Regie: Fatih Akin. Ist wichtig, aber noch wichtiger ist im Moment „Tschick“, die Verfilmung des gleichnamigen Jugendbuch-Bestsellers von Wolfgang Herrndorf, die an diesem Donnerstag in die Kinos kommt. Regie: Fatih Akin. Nach „Solino“ (2002) erst der zweite Akin-Film, bei dem der Hamburger mit türkischen Wurzeln nur Regie führte, an Stoffentwicklung und Produktion aber nicht beteiligt war.

Am Donnerstag läuft „Tschick“ bundesweit an. Stimmt es, dass Sie den Film gedreht haben, weil Sie dringend Geld brauchten?

Fatih Akin: Ich war nicht in Existenznöten, aber ich wollte eigentlich einen anderen Film drehen und habe die Finanzierung nicht zustande bekommen. Drei Monate vor Drehbeginn ist dem Projekt der Stecker gezogen worden. Das hat bestimmt auch mit meinem Film „The Cut“ zu tun, der finanziell gefloppt war. Plötzlich war ich dann nicht mehr der erfolgreiche Filmemacher, der alle Finanzierungen durchbekommt. Natürlich fängt man dann an, sich Sorgen zu machen. Ich hab schließlich ’ne Firma und muss Leute bezahlen, und wenn ich meine Familie ernähren muss, dann mach ich alles, dann überfall ich auch eine Bank. Egal. Aber an dem Punkt war ich noch nicht. Hab dann überlegt, ans Theater zu gehen, um den Sommer zu überbrücken, aber das war nicht so meins, das ganze Gesabbel da. Und um an der Hochschule für Bildende Künste zu unterrichten, war ich zu spät dran, die Bewerbungsfrist war abgelaufen. Meine Frau meinte, wir sollten erst mal in den Urlaub fahren. Ich mach mir da mehr Gedanken. Aber dann kam das Angebot, „Tschick“ zu drehen.

Also eine gut bezahlte Auftragsarbeit im richtigen Moment, aber eigentlich kein typischer Fatih-Akin-Film?

Ich mache nur Fatih-Akin-Filme, das Geld geht ja auf mein Konto (lacht). Mich interessiert nicht ein bestimmter Stil oder eine bestimmte Handschrift. Wenn ich einen Brief schreibe, denke ich ja auch nicht: Oh, ist das jetzt noch meine Handschrift, sondern höchstens: Kann man das noch lesen? Ich mache die Filme, die ich machen möchte, das war schon immer so. Natürlich war „Tschick“ ein Regiejob, kein Filmemacherjob, denn ich habe ja weder das Drehbuch geschrieben noch produziert. Was man dazu wissen muss: Ich wollte schon früh selbst die Rechte an „Tschick“ kaufen. Hat nicht geklappt, aber ich war schon an dem Stoff dran, bevor das Angebot kam. Wenn ich selbst ein Drehbuch schreibe und produziere, brauche ich sehr viel Zeit, ich will aber nicht nur alle drei bis fünf Jahre einen Film ins Kino bringen, sondern alle anderthalb oder zwei. Dafür muss ich zwischendurch auch mal nur Regie führen. Außerdem warte ich schon seit Jahren auf ein gutes Angebot aus Hollywood. Da muss ich natürlich zeigen, dass ich so was kann: Fremder Produzent, fremdes Studio, ich lediglich als Regisseur engagiert. „Tschick“ beweist genau das. Auch mir selbst.

Sie träumen also von Hollywood?

Ich würde da nicht hinziehen, aber gerne mal dort arbeiten. Seit „Auf der anderen Seite“ habe ich einen Agenten in den USA, aber was ich bisher angeboten bekam, war entweder Stuss oder eben nicht meins. Zum Beispiel sollte ich mal einen Roman von Philip Roth verfilmen, der im jüdischen Milieu einer amerikanischen Vorstadt der Sechziger spielt. Ich bräuchte Jahre, um mich da wirklich reinzufühlen. Ich bin kein Regisseur, der alles aus dem Stand kann, ich muss immer einen Draht zum Stoff haben.

Und wie sieht es mit deutschem Fernsehen aus?

Ich würde gerne einen „Tatort“ mit Sibel Kekilli drehen. Und einen mit Til Schweiger. Vielleicht würde es ganz schnell knallen, aber auf diesen clash of egos hätte ich Bock. Wäre eine Herausforderung. In Deutschland hatte ich den Ruf, immer nur meine eigenen Dinger zu machen. Mit „Tschick“ habe ich das durchbrochen und nun gibt’s plötzlich viel mehr Regieangebote. Ob da was von Matthias Schweighöfer kommt, von Til Schweiger oder Elyas M’Barek – ich schau mir alles an.

Noch einmal zurück zu „Tschick“: Autor Wolfgang Herrndorf hatte ja einen Hirntumor und hat sich 2013 das Leben genommen. Entsteht daraus ein besonderer Respekt vor dem Stoff?

Vor dem Stoff nicht, aber vor Herrndorf. Ich hab ihn zwar nicht mehr kennengelernt, aber trotzdem versucht, den Film so zu gestalten, dass er ihm gefallen könnte. Durch Drehbuchautor Lars Hubrich, der ja ein enger Freund von ihm war, hatte ich eine Verbindung zur Herrndorf-Welt. Er war so etwas wie mein Kompass.

Ihre Eltern kommen aus der Türkei, Sie haben viele Filme gemacht, in denen das Leben der Deutschtürken und auch das Leben in der Türkei Thema ist. Mit welchem Gefühl
blicken Sie heute, nach dem Putschversuch, auf dieses Land?

Ich war lange nicht mehr dort, weil ich wahnsinnig viel gearbeitet habe und anderthalb Jahre keinen Urlaub hatte. Rein filmisch ist nach „The Cut“ das Thema Türkei und die Aufarbeitung der türkischen Geschichte für mich erst einmal abgeschlossen. Was mich bei meinen Filmen angetrieben hat, war immer auch die Frage: Wo gehöre ich hin, wo will ich arbeiten? Und die Antwort ist: Ich gehöre hierhin. Nach Hamburg. Die Türkei ist die Heimat meiner Eltern, ich liebe das Land und habe dort viele gute Freunde, aber meine eigene Heimat ist Deutschland. Und deshalb denke ich, dass ich mich künftig mehr mit den Problemen hier in Deutschland auseinandersetzen sollte, als mit denen in der Türkei.

Dennoch werden Sie ja eine Meinung zu den Entwicklungen dort haben ...

In den vergangenen Jahren hat sich die Situation in der Türkei sehr zugespitzt, es ist alles viel radikaler geworden. 2004, auch schon unter Erdogan, war ich dort und habe „Auf der anderen Seite“ gedreht, da war die Türkei so liberal wie nie zuvor. Von Erdogan gab es 2013 sogar eine Botschaft an Armenien mit dem Tenor „Euer Schmerz ist unser Schmerz“. Nur ist die Lage heute so: Die Türkei grenzt an ein Kriegsgebiet und die ganze Welt – von Putin über Obama bis zu den Chinesen und den Golfstaaten – will in Syrien Einfluss zu nehmen. Eine solch extreme Situation führt zu einer extremen Reaktion der Politik. Wenn es so starke Unsicherheiten gibt, dann ist schnell der Wunsch nach einem starken Mann da, nach einem, der sagt, wo es langgeht. Das erklärt einiges von dem, was in der Türkei vor sich geht. Stell dir nur mal vor, wie es in Deutschland aussehen würde, würde gerade in Dänemark oder Holland Krieg geführt.

Und woher kommt die große Unterstützung der Deutschtürken für Erdogan?

Sie ist eine Konsequenz deutscher Politik der vergangenen 20, 30 Jahre. Man war hier nicht in der Lage, die Menschen mit Mi­grationshintergrund als Teil unseres Volkes zu begreifen. Die meisten, die Erdogan unterstützen, kommen aus der gesellschaftlichen Mitte. Sie zahlen ihre Steuern, sind nicht kriminell, sprechen Deutsch, die Kinder gehen auf deutsche Schulen. Aber sie sind in ihrem Stolz verletzt, weil sie sich in Deutschland als Bürger zweiter Klasse fühlen. Jetzt reagieren sie trotzig. Türkische Regierungen vor Erdogan haben daran auch ihren Anteil: Für sie waren die Deutschtürken schlicht Bauern. Und dann kam Erdogan und gab ihnen Selbstbewusstsein. Was übrigens oft vergessen wird: Etwa die Hälfte der Türken unterstützt Erdogans AKP nicht.

Nach „The Cut“ gab es Anfeindungen aus der rechtsextremen und ul­tra-nationalistischen Ecke in der Türkei, sogar Morddrohungen. Passen Sie jetzt sehr genau auf, wie Sie sich zu innertürkischen Problemen äußern?

Ja, natürlich, aber das hat auch mit den oft verkürzten Darstellungen in den Medien zu tun. Da klingt dann manches viel pauschaler als ich es gemeint habe. Wir leben zwar im Twitter-Zeitalter, aber mit drei Zeilen kann man die Welt nicht erklären. Wenn du das tust, bist du auf dem Niveau der AfD. Und was die Vorbildfunktion unserer Demokratien angeht: Wie viele auf deutschem Niveau gibt es denn? Weltweit betrachtet wenige. In Amerika gilt doch: Wer das Geld hat, hat die Macht. Daran ändert auch ein schwarzer Präsident nichts. Weiße Bullen knallen Schwarze ab, das ist die Realität. Ich bin mal von Florida quer durchs Land bis nach North Dakota gefahren. Das ist Dritte Welt! Eine Überschwemmung und überall fällt der Strom aus. Die meisten Leute sind fett, weil sie kein Geld für gesunde Lebensmittel haben. Aus dieser Perspektive ist die Türkei sicher ein sehr viel modernerer Sozialstaat als die USA.

Und jetzt? Erst mal Urlaub machen und aus der Ferne hoffen, dass „Tschick“ ein Kinohit wird?

Nein, ab 20. Oktober drehe ich in Hamburg mit Diane Krüger, Denis Moschitto, Ulrich Tukur und wahrscheinlich Edgar Selge den Thriller „Aus dem Nichts“. Das Drehbuch haben Hark Bohm und ich geschrieben. Momentan ­casten wir gerade für die letzten Rollen. Parallel arbeite ich am Drehbuch zum Heinz-Strunk-Roman „Der goldene Handschuh“. Beide Filme sollen 2017 in die ­Kinos kommen. Der Urlaub muss warten.

„Tschick“ läuft ab Donnerstag in zahlreichen Hamburger Kinos; www.tschick-film.de