Satiriker

Zum 80. – lästern, lachen, leben mit Hans Scheibner

„Mindestens schon dreimal“ ist Hans Scheibner in der Laeiszhalle aufgetreten – zuletzt bei seiner Nachfeier zum 75. Geburtstag im September 2011

„Mindestens schon dreimal“ ist Hans Scheibner in der Laeiszhalle aufgetreten – zuletzt bei seiner Nachfeier zum 75. Geburtstag im September 2011

Foto: Andreas Laible / HA

Der Satiriker feiert an diesem Sonnabend in der Laeiszhalle 80. Geburtstag – mit dem neuen Programm „Skandale und Liebe“.

Hamburg.  Ist er etwa ein Leisetreter oder sogar ein bunter Vogel geworden? Hans Scheibner fiel es nie schwer, sich zu öffnen, mit seiner Meinung hat er selten hinter dem Berg gehalten. Er ist Liedermacher, Kabarettist und Autor. Und doch überrascht der kleine, kompakte bärtige Mann auch im Alter noch. Die türkisfarbenen Schuhe, neudeutsch Sneakers, leuchten regelrecht beim Gang zum Großneumarkt. „Papa, du musst neue Schuhe haben!“, hat ihm Franca, die jüngste seiner vier Töchter im Alter von 24 bis 29 Jahren, kürzlich geraten. Gesagt, getan.

Kurz nachdem das Ziel, ein Lokal mit Außengastronomie, erreicht ist, streift Scheibner seine legere grüne ­Jacke ab – zum Vorschein kommt ein poppig-rotes Hemd, über dem sich ­blaue Hosenträger spannen. „Das macht doch nichts, das merkt doch keiner“!?

Von wegen – Hans Scheibner, Texter jenes gleichnamigen Kleinkunst-Gassenhauers und von Hits wie der früheren Szene-Hymne „Hamburg 75“ oder „Schmidtchen Schleicher“, fällt auf. Zwar ist der Satiriker nicht mehr ganz so präsent wie „...scheibnerweise“ (ARD) in den 80er-Jahren oder mit seinem Hund als „Walther & Willy“ bei „DAS“ im NDR-Fernsehen in den Nullerjahren. Doch den Weg vom Treffpunkt an der Laeiszhalle – hier hat er sicherheitshalber seinen Mercedes-Kombi vom gebührenpflichtigen Parkplatz entfernt – hätte der Hobby-Tennisspieler und -Golfer wohl auch komplett per pedes geschafft. Die Laeiszhallen-Bühnen betritt Scheibner indes schon an diesem Sonnabend wieder. Dann feiert der geborene Hamburger, der sich noch immer gern Lästerlyriker nennt, seinen 80. Geburtstag – beim Auftakt seiner ­Jubiläumstournee mit Band unter dem Titel „Skandale und Liebe“.

„Der 27. August ist ja sowieso ein verlorener Tag“, merkt Scheibner am Tisch ironisch an. Mit Publikum gefeiert hatte er schon seinen 75. Geburtstag, vor fünf Jahren indes nachträglich und einmalig mit Weggefährten wie Pianist Gottfried Böttger und Überraschungsgästen wie Schauspieler Volker Lechtenbrink, inzwischen wie Scheibner Träger der Senator-Biermann-Ratjen-Medaille. Der Lästerlyriker gehört längst auch zum Hamburger Kulturgut und ist hierzulande jetzt einer der dienstältesten Satiriker.

Umso erstaunlicher und frischer der kreative Output in jüngster Zeit: Gleich 15 Lieder, bis auf eine aktualisierte Version von „Das macht doch nichts ...“ durchweg Neukompositionen, hat Scheibner auf seiner neuen CD „Und plötzlich ist der Himmel wieder offen“ eingespielt. Titel wie „Die Luft wird knapp“, der „Rentner-Song“ oder „Alicia“: Textzeilen wie „Ich stand schon auf dem Abstellgleis, aber plötzlich bin ich wieder so verrückt und heiß“, zeugen von Selbstironie des satirischen Stehaufmännchens.

Sein Freund, der Berliner Liedermacher Reinhard Mey, hatte ihn zu den Aufnahmen inspiriert – den ersten Lästerliedern nach zehn Jahren Pause. Und selbst ist der (späte) Vater: Scheibner allein sorgt für die weitere Verbreitung der Songs: „Ich stelle das auf Facebook und YouTube, mache Videos und schneide die Filme“, erzählt er. „Das muss man heute draufhaben, sonst kann man ja nicht mehr mithalten in der digitalen Welt.“ Als aber auch sein Verlag mit dem Wunsch nach einem neuen Buch zum 80. Geburtstag an ihn herantrat, hatte der Autor im ersten Quartal 2016 richtig gut zu tun. Seine Weihnachtssatiren „Wer nimmt Oma?“, die er mit seiner zweiten Ehefrau Petra Verena Milchert, Tochter Raffaela und Pianisten-Freund Berry Sarluis alljährlich auf Vorweihnachtstournee spielt, und „Wohin mit Oma?“ hatten sich bereits zu Bestsellern entwickelt. „In den Himmel will ich nicht“ (List-Verlag) vereint nun biografische Erzählungen, die einer satirischen Rückschau gleichen, indes auch einige neue Ansichten bieten.

Im Buch spart er auch den „Lysistrata“-Eklat nicht aus

Scheibners typische, naiv-doppelbödige Erzählweise zieht sich durch fast alle 30 Kapitel. Sie reichen von seiner Kindheit und Jugend in den zerbombten Stadtteilen Hoheluft und Lokstedt, der Zeit beim theater53 an der Rothenbaumchaussee (mit dem Ende April gestorbenen Schauspielerkollegen Uwe Fried­richsen) weiter zu seinem Einstieg in die Hamburger Szene. Auch den Eklat um sein Lied „Lysistrata“, als er in der „NDR Talk Show“ aus Anlass des 30-jährigen Bestehens der Bundeswehr in Abwandlung das Tucholsky-Zitat sang „Mit Mördern teilen sie (die Frauen) ihre Betten“, spart er nicht aus. Scheibner verlor zunächst seine damalige Kolumne im Abendblatt, danach auch seine ARD-Sendung. Das Buch gerät so zur Zeitreise – bis hin zur Gegenwart.

Auseinandersetzungen mit der sogenannten besseren Gesellschaft ist der gelernte Verlagskaufmann (bei Axel Springer) im Laufe seines Satiriker-Lebens ebenso wenig aus dem Weg gegangen wie jenen mit dem Militär und der Kirche. „Was sind überhaupt religiöse Gefühle?“, fragt der bekennende Freigeist. „Damit kann man von der Hexenverbrennung bis zum Kopfabschlagen jeden religiösen Wahnsinn begründen“, meint er. „Ich habe Skandale doch nie absichtlich herbeigeführt. Die ergaben sich immer nur so“, hat Scheibner einmal gesagt. Er sagt es heute noch.

Ist er, der Lästerlyriker, womöglich sogar ein Hanseat? „Ich war schon immer ein begeisterter Hamburger“, bekennt Scheibner, der nur mit seiner ersten Ehefrau mal einige Jahre außerhalb Hamburgs gelebt hat. „Ein Hanseat? Das ist ein Mensch, der sich immer noch nicht abgewöhnt hat, ehrlich zu sein. Da gilt noch der Handschlag“, antwortet er.

„Hier an der Poolstraße habe ich auch mal zwei Jahre gewohnt, in einer Dachgeschosswohnung“, erzählt Hans Scheibner beim Gang zurück zum Auto. Ein weiterer Rückblick verbietet sich.

In den Himmel, sagt der Jubilar schließlich, möchte er ja nicht. Er befürchtet, dass sich dort schon all die Bischöfe, Kardinäle und geistlichen Brüder aufhalten, mit denen er sich auf der Erde herumgeschlagen hat. Dann doch lieber erst mal per Pkw zurück in Hamburgs grünen Nordosten, nach Wohldorf-Ohlstedt. Dort lebt er seit gut 25 Jahren. Lästert und lacht sich eins.

„Skandale und Liebe“ Premiere Sa 27.8., 20.00, Laeiszhalle, Kl. Saal, Eingang Gorch-Fock-Wall, Karten ab 26,60 in der Abendblatt-Geschäftsstelle, Gr. Burstah 18-32, u. an d. Ak.
„In den Himmel will ich nicht!“ (393 S., List-Verlag, 18 Euro, auch als Hörbuch) „Und plötzlich ist der Himmel ... “ (CD)