Hamburg

Dockville-Festival feiert zehntes Jubiläum

Die spektakulären Sonnenuntergänge haben beim Dockville-Festival, wie hier 2015, schon so manche Hippie-Seele beflügelt und zu Tänzen animiert

Die spektakulären Sonnenuntergänge haben beim Dockville-Festival, wie hier 2015, schon so manche Hippie-Seele beflügelt und zu Tänzen animiert

Foto: Marcelo Hernandez

Das Open-Air-Festival in Wilhelmsburg startet an diesem Wochenende mit Musik und Kunst. Ein Rückblick mit dem Gründer Enno Arndt.

Hamburg.  Am Anfang, da müssen Ideen wild wuchern dürfen. So wie die rund zwei Hektar große Wiese mit Blumen und Brombeersträuchern, die Enno Arndt vor zehn Jahren in Wilhelmsburg entdeckte, als er mit seinem Roller durch den Hafen fuhr. Schon seit geraumer Zeit war damals der Wunsch in ihm gewachsen, ein Festival zu veranstalten, dass die Menschen nicht bloß frontal mit Musik beschallt. Sondern eines, das „die Kunst in das Leben zurückholt“. Ein Festival wie das Dockville, das an diesem Wochenende mit viel Rock, Pop, Electro, Hip-Hop und Punk, mit Bands wie Foals, Milky Chance, OK Kid und Schnipo Schranke, aber auch mit Kunstinstallationen und Performances sein zehntes Jubiläum feiert.

Arndt, heute 44 Jahre alt, stammt aus der Hamburger Kunst-, Comic- und Subkulturszene. Anfang der Nuller-Jahre wirkte er im Club-Konglomerat des Nobistor-Komplexes, buchte unter anderem Bands und DJs für Läden wie das Phonodrome. Die Humoristen von Studio Braun zählten zu seinen Nachbarn in der heutigen Endo-Klinik, die damals ein Sammelbecken für wunderschönsten Irrsinn war. Für Techno und Coun­try, für Tanz und Tohuwabohu. Und dieses Asyl für die anarchische Seite des Pop wurde, als es Ende 2005 schließen musste, zur wichtigen Keimzelle für die heutige Hamburger Musiklandschaft. Tino Hanekamp, der am Nobistor die plüschige Weltbühne betrieb, verarbeitete das Ende nicht nur in seinem Roman „So was von da“, sondern gründete mit den Weggefährten von einst das neue Refugium Uebel & Gefährlich. Und Enno Arndt, der erdachte das Dockville.

Daniel Richter regte an, die Elbphilharmonie aufzubauen

„Am Nobistor hatte jeder die Möglichkeit, sich neu zu erfinden. Das hat mich inspiriert“, sagt Arndt, ein groß gewachsener Typ mit blondem strubbelige Haar und ruhiger Ausstrahlung. In seiner Wohnung in der Schanze sitzt er unter einem Hafengemälde des Hamburger Musikers und Künstlers Jakobus Durste­witz, der von Beginn an das farbenfrohe Artwork für das Dockville schuf. Das passt. Denn die Liaison verschiedener Kultursparten war von Anfang an Ziel des Dockville. Und so rekrutierte Arndt unter anderem Dorothee Halbrock und Laura Raber, die damals in Lüneburg Angewandte Kulturwissenschaften studierten, um ein Kunst-Konzept für die Industriebrache am Reiherstiegknie zu entwickeln. Ein Coup gelang dem Team, als sie Daniel Richter für die Dockville-Premiere gewinnen konnten. Der Malerstar, damals noch in Hamburg ansässig, regte an, einfach mal flugs selbst – zudem günstiger und schneller – die Elbphilharmonie aufzubauen. Aus Containern und Segeltuch.

Das erste Dockville mit rund 5000 Gästen war ein grandioser Mix aus Improvisation, Witz und Pioniergeist – und das nicht nur vonseiten der Organisatoren. Viele Besucher aus Hamburg radelten für das Open-Air-Debüt erstmals durch den alten Elbtunnel bis auf die Elbinsel. Ein großes schönes Staunen war das. Der Auftakt mit Tocotronic, 2Raumwohnung und Turbostaat fühlte sich sehr familiär an. Künstler, Fans und Veranstalter testeten im wahrsten Wortsinn gemeinsam das Gelände.

„Die Fläche war sabschig, wir hatten längst nicht die Infrastruktur wie heute“, erinnert sich Arndt. Mehrfach fiel bei den zwei Imbissbuden der Strom aus, was die Umstehenden mit Applaus quittierten. Dieses Gefühl, Teil von etwas Neuem und Aufregendem zu sein, prägte die ersten Dockville-Jahre stark.

Das Dockville ist ein wildes Wunderland

Die Besucher bejubelten vor den Bühnen nicht nur Acts wie Fettes Brot, Kettcar, Jan Delay, Klaxons und Friska Viljor. Sie tanzten auch auf versteckten Lichtungen und wandelten durch einen Zauberwald, der von skurrilen Kunsttieren bevölkert wurde. Oder sie verpassten die „großen“ Bands, weil sie in einer Hütte einer kanadischen Polka-Pop-Kapelle lauschten, um im Anschluss in dem Mini-Dampfbad „Detox I“ zu entgiften.

Ein wildes Wunderland – das seinen Charme weitestgehend bewahren konnte. Obwohl sich die Zuschauerzahl mit heute mehr als 20.000 Gästen gut vervierfacht hat. Und obwohl sich der Ablauf erheblich professionalisiert hat.

„Zu sehen, wie der Dockville-Keim gewachsen ist, wie die Menschen in diesem Kosmos aufgehen, ist wirklich schön“, sagt Arndt, der in der Hochphase derzeit 300 Mitarbeiter beschäftigt.

Mittlerweile wird das Dockville mit 100.000 Euro von der Kulturbehörde unterstützt. In den ersten zwei Jahren erhielt das Festival lediglich jeweils rund 16.000 Euro Förderung von der Internationalen Bauausstellung (IBA) sowie der Gartenschau 2013 (IGS). „Doch dann haben wir uns da heraus gelöst, weil wir gemerkt haben, dass das politisch heikel ist“, erzählt Arndt. Damals tobten Diskussionen, IBA und IGS würden zu offensiv in den Stadtteil eingreifen. Das Festival wollte nicht in den Assoziationsstrom der Gentrifizierung geraten. Um sich stärker mit dem Viertel zu verbinden, wurde 2008 das Lüttville gegründet, eine Ferienfreizeit für die Nachbarskinder. Eine von vielen Ideen: Auch das Jugendfestival Daugh­terville, das Hip-Hop-Event Spektrum und die Kunstwochen Artville gehören nun zum Kreativkonglomerat Dockville.

Trotz dieser Komplexität bleibt die Grundphilosophie: Das Festival bietet kein Programm für saturierte Fans, die ihren Musikgeschmack bestätigt sehen möchten, sondern eher für junge (oder jung gebliebene) Neugierige. Für Arndt ist es daher wichtig, Künstler zu finden, „die gerade dabei sind, ihren eigenen Charakter zu entwickeln, die was zu sagen haben, die auf der Bühne explodieren“. Eine gute Devise für die Zukunft.

Dockville Fr 19.8.–So 21.8., Schlengendeich 12 (S Veddel + Shuttle),www.msdockville.de