Literatur

Das sind die besten Romane des Jahres 2016

Die Longlist des Deutschen Buchpreises steht: Hier lesen Sie, welche Autoren es in die Runde der letzten 20 geschafft haben.

Frankfurt/Hamburg.  Welches Buch ist der beste deutschsprachige Roman des Jahres? Der Deutsche Buchpreis ist für Autoren und Verlage ein erstrebenswertes Ziel. Wer ihn gewinnt, erhält jede Menge Aufmerksamkeit – und außerdem 25.000 Euro. Wer ihn gewinnt, der darf außerdem damit rechnen, dass sein Verlag sofort die Druckmaschinen anwerfen lässt (oder mehr E-Books in seine Bilanz mit aufnimmt).

Ausnahmslos alle Buchpreis-Siegertitel seit dem Premierenjahr 2005 waren Verkaufserfolge, der eine mehr, der andere weniger. Und im Sog des Siegers sind es stets immer weitere Bücher, die vom Label „Deutscher Buchpreis“ profitieren. Bevor feststeht, welcher Roman der Roman des Jahres ist, wird ausgesiebt: Die Jury legt erst eine Longlist mit 20 Titeln fest, dann eine Shortlist mit den sechs Finalisten, ehe der Preisträger am 17. Oktober am Vorabend der Buchmesse im Frankfurter Römer bekannt gegeben wird.

Gesucht wird der Nachfolger des letztjährigen Preisträgers Frank Witzel, der für seinen experimentellen Riesenroman „Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969“ ausgezeichnet wurde. Wobei es besonders die Longlist ist, die die Vielfalt der deutschsprachigen Literatur abbildet. 20 Titel, 14 Autoren, sechs Autorinnen, vier aus Österreich, zwei aus der Schweiz. Debütanten, Altmeister, Sprachspieler, Geschichtenerzähler, Dialog-Könige, Metaphern-Könner: Auch in der 2016er-Auslese – 178 literarische Werke wurden insgesamt gesichtet – lässt sich feststellen, wie ideenreich, wild, populär und unterschiedlich Literatur sein kann.

Wie zuletzt in jüngerer Zeit häufiger beschäftigen sich auch diesmal gleich mehrere Romane mit einem der drängendsten Probleme der Jetzt-Zeit. Das Flüchtlingsthema hat Eingang, direkt und durchaus auf die aktuellen Zustände zielend oder vermittelt, in die gegenwärtige Romanproduktion gefunden.

Was deutlich macht, wie wichtig Literatur auch hinsichtlich unseres gesellschaftlichen Alltags ist: Sie erzählt uns, wer wir sind und was bei uns los ist, auch in Zeiten großer Hitze. (tha)

„Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“
Joachim Meyerhoffs romanhaft erzähltes Leben ist in Buchform einer von mehreren autobiografischen Zyklen, die derzeit in der Gegenwartsliteratur Furore machen. Karl Ove Knausgårds radikales „ Min Kamp“-Projekt, Andreas Maiers ernste Wetterau-Saga, Gerhard Henschels komischer ewiger Bildungsroman in mehreren Bänden – und dazu, vielleicht als eine Art Mix dieser drei, Meyerhoffs auf der Theaterbühne geborenes Kunstwerk „Alle Toten fliegen hoch“. Der dritte Band „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ (KiWi, 352 S., 21,99 Euro) ist wieder ein Ausbund an Menschlichkeit, Herzenswärme, Komik und auch Ehrlichkeit. Wir treffen den immer noch jungen Helden als Schauspielschüler in München. Er ist kein Naturtalent und muss tüchtig leiden. Außerdem lebt er bei seinen geistigen Getränken zugetanen Großeltern. Diesen beiden, der Schauspielerin Inge Birkmann und dem Philosophen Hermann Krings, setzt Meyerhoff ein Denkmal.

„Ein langes Jahr“
„Ein langes Jahr“ (Jung und Jung, 212 S., 20 Euro) ist der erste Roman der Österreicherin Eva Schmidt nach fast 20 Jahren und ein kleines, feines Buch. Nämlich eine literarische Collage, die vom alltäglichen Leben und Sterben der Menschen in einer Wohnsiedlung berichtet. Die zurückhaltend und vielleicht gerade deswegen in präziser Prosa geschriebenen Episoden rücken kaum auffällige Protagonisten in den Mittelpunkt. Ungleiche Freunde im Schulalter etwa, oder unsortierte junge Männer, die mit ihrem Leben so genau nichts anzustellen wissen. Oder ein alter Mann, dessen Frau im Altenheim lebt und der nun einen Hund Gassi führt, so ist er nicht allein. Die mittelalten Menschen in diesem Normalo-Reigen haben Probleme, den richtigen Partner zu finden. Von allem wird aus der Distanz erzählt, man muss, nein: darf als Leser die emotionalen Leerstellen füllen. Eva Schmidts Buch ist das Porträt der vom Leben Verletzten – mit Wiedererkennungswert.

„Weit über das Land“
Thomas, der solide Familienvater, verlässt in Peter Stamms existenziell dringlichem und stilistisch leichtfüßigem Roman „Weit über das Land“ (S. Fischer, 224 S., 19,99 Euro) ohne Abschied seine Familie und kehrt nicht wieder. Man könnte doch auch ein ganz anderes Leben führen, das alte einfach hinter sich lassen. Die Entfernung vom alten Ich und den Menschen, die es umgab: Davon handelt dieses bildstarke und nachwirkende Buch.

„Die Verteidigung des Paradieses“
Schon wieder eine Dystopie, aber was für eine: Thomas von Steinaeckers „Die Verteidigung des Paradieses“ (S. Fischer, 416 S., 24,99 Euro) ist ein hochspannender, intelligenter und überraschender Roman, der durchaus dem Genre Fantasy zugerechnet werden darf. Nach der Klimakatastrophe ist Mitteleuropa zerstört, Menschen ziehen in Flüchtlingstrecks durchs Land. Heinz ist der menschlichste unter ihnen: ein Roboter, der die Weltliteratur gespeichert hat!

„Die Welt im Rücken“
Thomas Melle, Jahrgang 1975, hat bislang zwei viel beachtete Romane geschrieben. Das hier ist das Buch seines Lebens: In „Die Welt im Rücken“ (Rowohlt, 352 S., 19,95 Euro) beschreibt er schmerzlich genau die manisch-depressive Erkrankung, an der er seit anderthalb Jahrzehnten leidet und die ihn regelmäßig in paranoide Phasen und tiefe Depressionen stürzt. Das glänzend geschriebene Leidensprotokoll eines Mannes, der sich selbst abhanden kam.

„Die Witwen“
Einen „Abenteuerroman“ nennt Dagmar Leupold ihr Werk „Die Witwen“ (Jung und Jung, 234 S., 22 Euro, 8.9.), das von der Moselreise eines weiblichen Viergespanns berichtet: Penny, Beatrice, Dodo, Laura. Alle nicht mehr jung, genauso wenig wie ihr Chauffeur. Sie fahren herum, erzählen sich ihre Lebensniederlagen, feiern ihr Beisammensein. Geschildert wird all dies in fein ziselierten und, ja: launigen Sätzen, die ein wahrer Lesegenuss sind. Sehr unterhaltsam, insgesamt.

„Am Rand“
Ein Mann, willens, das Äußerste zu tun: den Schritt in die Schlucht, in den Tod. Dieser Gerold Eibner erinnert sich in Hans Platzgumers Roman „Am Rand“ (Zsolnay, 208 S., 19,90 Euro) an sein von ziemlich krassen Todesfällen begleitetes bisheriges Leben. Oft hat er unmittelbar mit ihnen zu tun. Was ist das nur für ein seltsames, so unendlich glückloses Leben? Der Österreicher Platzgumer, der eine geschmeidige Prosa schreibt, por­trätiert meisterhaft die Tristesse.

„Weshalb die Herren Seesterne tragen“
Man muss sich fragen, was mit Österreich los ist – Trostlosigkeit allerorten! Andererseits: Wer schreibt und liest von glücklichen Leuten ... Glücklich, das sind wir selber! In Anna Weidenholzers Roman „Weshalb die Herren Seesterne tragen“ (Matthes & Seitz, 192 Seiten, 20 Euro, 29.8.) fährt Karl, der Pensionär, ins Berg-Kaff und führt soziologische Gespräche mit Bewohnern. Ob sie glücklich sind, will er wissen. aber eigentlich geht es darum, ob er glücklich ist.

„Widerfahrnis“
Eine Novelle dem Autor nach, aber eigentlich ein Roman: Bodo Kirchhoffs „Widerfahrnis“ (FVA, 224 S., 21 Euro, 1.9.), der präzise, dicht und luftig, schön und elegant geschrieben ist. Er handelt von einer Altersliebe zwischen Reither, dem Verleger, und der Hutverkäuferin Leonie Palm, die sich kaum kennen, aber gemeinsam nach Italien fahren. Dort lesen sie eine Streunerin auf. Es geht hier um Schicksalschläge, Elternschaft, die Flüchtlingskrise.

„Fremde Seele, dunkler Wald“
Die Familien leben auf dem Land noch eng zusammen, auch in Reinhard Kaiser-Mühleckers Roman „Fremde Seele, dunkler Wald“ (S. Fischer, 304 S., 20 Euro). Der Österreicher Kaiser-Mühl­ecker ist ein Meister der Suggestion, und so erschließt sich dem Leser anhand der Schicksale der Brüder Alexander und Jakob die ganze Tristesse der Provinz. Die jungen Männer hier erleben alle dieselbe Geschichte, die sie forttreibt, aber doch nie ganz. Oder gerade eben doch ...

„Mein Vater war ein Mann an Land ...“
Der Roman der Schweizerin Michelle Steinbeck, Jahrgang 1990, hat den besten Titel: „Mein Vater war ein Mann an Land und im Wasser ein Walfisch“ (Lenos, 153 S., 18 Euro). Und so ist dieser Roman: eine Metaphern-Parade. Es geht um Loribeth, die Heranwachsende, die so heftig heranwächst, dass einem Hören und Sehen vergeht. Steinbeck liefert sie in einer fantastischen Handlung aus. Couragiertes Debüt, konsequent wider den Realismus geschrieben.

„Hool“
Philipp Winkler, 1986 geboren, hat den ersten deutschen Roman geschrieben, der in der Hooliganszene spielt. In „Hool“ (Aufbau, 310 S., 19,95 Euro, 19.9.) schildert er in einprägsamen Szenen (die mit der Klopperei werden nicht überstrapaziert), wie sein Held Heiko die herkunftsbedingten Aggressionen abreagiert. Fußball – hier: Hannover 96 – ist nur Nebensache, der Zusammenhalt der Gang alles. Gelungene Milieustudie, auf Verfilmbarkeit geradezu angelegt.

„Der Weg der Wünsche“
Die Flucht nach Westen ist keine Erfindung der Gegenwart. Daran erinnert nachdrücklich „Der Weg der Wünsche“ (Rowohlt, 336 S., 19,95 Euro) von Akos Doma, der 1963 in Budapest geboren wurde. Ein Roman über den entbehrungsreichen Gang von einer in die andere Welt, der eine ungarische Familie vor eine Zerreißprobe stellt. Eine Großteil der Handlung in diesem stellenweise an die großen Realisten erinnernden Roman spielt im Auffanglager in Italien.

„Apollokalypse“
Die Sprachausgesuchtheit in „Apollokalypse“ (Berlin Verlag, 432 S., 22 Euro, 1.9.) verrät in vielen Zeilen den Lyriker. Gerhard Falkner, Jahrgang 1951, legt sein Romandebüt spät vor, es ist ein wildes. Ein gieriger Berlin-Roman, der in den 70ern ansetzt und bis in die Nachwendezeit reicht. Er spielt in der Kunstundergroundszene, er handelt von der Liebe, von Freundschaft, vom Politischsein, vom Sterben und auch vom Terror. Ein unheimlicher Text.

„Skizze eines Sommers“
Das Lieblingsbuch aller Nostalgiker, die die Jugend wegen der Unverbrauchtheit aller Erlebnisse für die beste Zeit des Lebens halten: André Kubiczeks „Skizze eines Sommers“ (Rowohlt, 384 S., 19,95 Euro). Kein Heranwachsendenkitsch, sondern einfach eine gute Geschichte, nämlich die von René, der den letzten gemeinsamen Sommer mit seinen Freunden verbringt, in die Disco geht, sich verliebt, raucht, liest und Musik hört.

„Die Erziehung des Mannes“
In bestechender Prosa geschrieben, dabei durchaus ein Werk für den Geschlechterkampf: Michael Kumpfmüllers literarische Studie nachlassender Maskulinität „Die Erziehung des Mannes“ (Kiwi, 320 S., 19,99 Euro). Erzählt wird vom Beziehungsleben des Musikers Georg, der mit keiner seiner Frauen glücklich wird. Die Psychologie dieser Hauptfigur wird nachvollziehbar vorgeführt, und trotzdem bleibt ein Rest Unverständnis über das Scheitern.

„Rauschzeit“
Der Büchnerpreisträger Arnold Stadler hat einer seiner Heldinnen den peinvollsten Namen der Literatursaison verpasst. Auch eine Leistung! In „Rauschzeit“ (S. Fischer, 552 S., 26 Euro) ist „Mausi“ – eigentlich Irène – wie die anderen 40-Jährigen ihrer Clique in der Mittellebenskrise gefangen. Aber es gibt schöne Erinnerungen und neue Lieben, die Stadler auf unnachahmliche Weise ins Werk setzt. Ein Roman für die lange Strecke.

„Das Pfingstwunder“
Ein Roman für Philologen: Sibylle Lewitscharoffs „Das Pfingstwunder“ (Suhrkamp, 350 S., 24 Euro, 11.9.) ist Dante-Textauslegung und Hommage an die Literaturwissenschaft gleichermaßen. Ein Kongress zur „Göttlichen Komödie“, bei dem die Forscher plötzlich seltsame Anwandlungen bekommen, im typisch altmodisch klingenden Lewi­tscharoff-Sound zu Papier gebracht: Da lernt man etwas. Besonders, dass Langmut zum Lesen dazugehört.

„München“
Beinahe frech, diesen von kühlen Charakteren bevölkerten Roman „ München“ (S. Fischer, 352 S., 23 Euro) zu nennen – als wären die Leute da alle so berechnend, ängstlich und darum eben auch so interessant wie in Ernst-Wilhelm Händlers neuntem Buch. Die Münchner Kultur- und Geldschickeria belauert sich hier selbst, in diesem anspruchsvollen Werk, das die Grenzen auslotet, die Menschen einander setzen. Ein Roman, der die Gesellschaft seziert.

„Drehtür“
Eine Krankenschwester, die lange Zeit im Ausland verbrachte, kehrt nach Deutschland zurück und hängt am Airport fest. Von dort schweifen die Gedanken zurück in ihr Leben und den Menschen, die sie traf, die meisten im Krankenhaus. Katja Lange-Müller hat mit „ Drehtür“ (Kiwi, 224 S., 19 Euro) einen eigenwilligen Roman geschrieben, ein Episodenwerk, in dem sich auch Reflexionen über das Wesen des Helfens und Pflegens befinden.