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Willy Brandt konnte nicht Fahrrad fahren

Matthias Brandt kennt man vor allem als gefeierten Fernsehschauspieler: Jetzt hat er einen Band mit Erzählungen geschrieben

Matthias Brandt kennt man vor allem als gefeierten Fernsehschauspieler: Jetzt hat er einen Band mit Erzählungen geschrieben

Foto: picture alliance

Matthias Brandt legt ersten Erzählband vor, dazu Neues von Eugen Ruge, Katharina Hagena und Frank Schulz. Das bringt die Literatursaison.

Hamburg.  Auf das – im Übrigen gerne mit Lektürestunden gefüllte – Sommerloch folgen verlässlich die im Großen und Ganzen als „Herbsttitel“ ­deklarierten neuen Bücher. Aber schon von August an liefern die Verlage ihre neuen Programme aus, Lesungen sind ­gebucht, Buchhändler und Kritiker haben sich eingelesen. Und es gibt einiges, was ihnen gefallen haben könnte, was sich als Empfehlung für die Lese­gemeinde anbietet.

Die Hamburger Literatursaison ­beginnt inoffiziell am 3. September – und das dann gleich mit einem Bestsellerautor: Eugen Ruge kommt im Rahmen der Langen Nacht der Literatur in die Akademie der Künste. Um dort aus seinem neuen Buch „Follower“ zu lesen, einer Art Fortsetzung seines fünf Jahre alten Romans „In Zeiten des abnehmenden Lichts“. Viel mehr noch aber ist „Follower“, wie der Titel unschwer ­erkennen lässt, ein internetkritischer Zukunftsroman, der im Jahr 2055 spielt; eine deutsche und komischere Version von Dave Eggers’ „The Circle“.

Apropos, die Amerikaner. Bei denen geht es mal wieder und nachdrücklich um Größe. Gegenwartsliteratur als Schwarten-Disziplin ist eine amerikanische Erfindung. Nathan Hills Roman „Geister“ ist dabei mit knapp 850 Seiten vielleicht sogar als Mordwaffe verwendbar. Jedenfalls ist das Sujet gut gewählt, wenn man an das gegenwärtige Amerika denkt: Der Held, ein Literaturwissenschaftler, soll für seine ihm beinah gänzlich unbekannte Mutter bürgen, die, man höre, einen republikanischen ­Präsidentschaftskandidaten angegriffen hat.

Nicht minder dick ist John Wrays bei Rowohlt erscheinender und zwischen dem alten Europa und der Neuen Welt changierender Roman „Das Geheimnis der verlorenen Zeit“. Der Aus­tro-Amerikaner gilt als kommender Mann der US-Literatur, er liest im September auf dem Harbour Front Literaturfestival. Gavin Ford Kovite und Christopher Gerald Robinson sind mit ihrem Antikriegsroman „Enzyklopädisten“ als Autorenduo unterwegs, während Jonathan Safran Foer für sein im Trend liegendes Bekenntnis- und Identitätsfindungsbuch „Hier bin ich“ ganz allein 720 Seiten braucht. Wie es Amerika, dem Land der Rassenkonflikte, der Trumps und der inneren Spaltung geht? Wir erfahren es in den Romanen, vielleicht aber auch in Karl Ove Knausgårds Essayband „Das Amerika der Seele“, der in diesem Herbst das Warten auf die letzte Lieferung des sechsbändigen autobiografischen Zyklus erleichtert.

Deutschsprachige Autoren üben sich eher in Bescheidenheit. Sie mögen es derzeit schmal und elegant, wobei nur die äußere Form flach ist. Der Inhalt ist: vieldeutig. Besonders in Bodo Kirchhoffs herausragendem ­Roman „Widerfahrnis“, der irritierenderweise als Novelle lanciert wird. Die Geschichte einer Altersliebe, in der sich die Frage nach Elternschaft und der Versuch des Bildungsbürgertums spiegeln, auf die Flüchtlingskrise zu reagieren, ist auch literarisch äußerst gelungen.

Kirchhoff schildert den italienischen Roadtrip des Verlegers Reither und der Hutverkäuferin Leonie Palm, und natürlich ist das auch welthaltig und kosmopolitisch. Was das angeht, ist Christian Kracht Spezialist. Nach dem Skandalbuch „Imperium“ erscheint nun sein einigermaßen abgedrehter, am Vorabend des Zweiten Weltkriegs spielender Roman „Die Toten“. Typischer Kracht-Historismus, gewandet in sanfte Ironie: Am Ende überlebt natürlich Charlie Chaplin, der in diesem der frühen Filmkunst gewidmeten Roman einen leibhaftigen Auftritt hat.

Deutschsprachige Literatur kommt auch aus Hamburg. Da ist zum einen ­Katharina Hagenas ambitionierter ­Roman „Das Geräusch des Lichts“, in dem sie fünf verschiedene traumartig angelegte Geschichten erzählt, die von Verlust und Trauer handeln und am ­Ende in einen Thriller münden. Hagenstellt ihr Buch am 6.9. im Literaturhaus vor. Es gibt einen neuen Frank Schulz, er schickt wieder seinen schrägen Privatermittler los. „Onno Viets und der weiße Hirsch“ (Lesung am 15.9. im Literaturhaus) ist der letzte Teil der Trilogie und spielt auf dem Dorf.

In der Provinz, freilich der hessischen, ist Andreas Maiers autobiografisches Wetterau-Projekt angesiedelt, in dem er sich seiner Kindheit und Jugend nähert. Dieser Tage erscheint der neue Band „Der Kreis“. Autobiografische Zugriffe auf die Literatur sind ohnehin weiter en vogue. Thomas Melles an der eigenen Krankengeschichte entlang erzählendes Romanessay „Die Welt im Rücken“ handelt von einem Menschen mit bipolarer Störung und ist so eindringlich wie zuletzt Benjamin von Stuck­rad-Barres Bestseller „Panikherz“, wenn auch nicht ganz so komisch.

Nobelpreisträger Vargas Llosa liest im Oktober in Hamburg

Neue Romane der Büchner-Preisträger Sibylle Lewitscharoff („Das Pfingstwunder“) und Arnold Stadler („Rauschzeit“), von Martin Mosebach („Mogador“), der sein erstes Buch nach dem Wechsel von Hanser zu Rowohlt veröffentlicht, und Ernst Wilhelm Händler („München“) stehen im Herbst neben neuen literarischen Stimmen wie Matthias Brandt und Philipp Winkler. Letzterer, Jahrgang 1986, betritt mit seinem Debüt „Hool“ literarisches Neuland. In seinem kraftvollen Milieuroman durchdringt Winkler die Parallelwelt der Fußball-Klopper.

Brandt dagegen, vielfach aus­gezeichneter Schauspieler („Polizeiruf“), nimmt in seinem ersten Erzählband „Raumpatrouille“ den Leser mit ins Bonn der frühen Siebziger, in denen ein Heranwachsender den mächtigsten Mann Westdeutschlands aus nächster Nähe erlebt. Einmal muss der Bub als Puffer der Streithähne Brandt und Wehner mit auf eine Fahrradtour. Was man nach der Lektüre der lakonischen Kurzgeschichten in „Raum­patrouille“ zum Beispiel weiß, ist, dass Willy Brandt nicht Fahrrad fahren konnte ...

Der in Altona ansässige Nautilus-Verlag veröffentlicht nun das zweite Buch mit der auf Französisch schreibenden Inderin Shumona Sinha, die in Paris lebt. Ihr Flüchtlingsroman „Erschlagt die ­Armen!“ war ein Überraschungserfolg. Die Theateradaption feiert im September Premiere im Thalia Theater. In ihrem neuen Roman „Kalkutta“ wendet sich Sinha, deren Bücher in Indien nicht erscheinen, ihrer Heimat zu und schafft damit ein literarisches Panorama Westbengalens. Am 26.10. liest Shumona Sinha im Literaturhaus.

Im Mittelpunkt der internationalen Literatur stehen in diesem Jahr allerdings die Niederländer. Wer Gastland auf der Buchmesse ist, hat das Vergnügen, seine Autoren bei vielen deutschen Verlagen unterzubringen. Da gibt es dann neue Stimmen zu entdecken und die alten mal wieder zu vernehmen. Cees Nootebooms etwa, dessen tagebuchartiges Kompendium „533 Tage“ im September erscheint. Nooteboom eröffnet am 14.9. das Harbour Front Festival. Auf dessen Einladung hin kommt auch der peruanische Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa nach Hamburg. Er liest am 24.10. aus seinem Spannungsroman „Die Enthüllung“.

Eine der interessantesten Neuerscheinungen dürfte Elena Ferrantes neues Buch sein. Der Name Elena Ferrante ist das Pseudonym einer italienischen Autorin, die seit 20 Jahren in ihrer Heimat gelesen und gelobt wird. Auf der ganzen Welt feiert sie nun mit dem Roman „Meine geniale Freundin“ den Durchbruch, bei Suhrkamp ­erscheint er jetzt auf Deutsch. Es ist das vierte auf Deutsch vorliegende Werk der Autorin und das schönste. „Das beste Porträt einer Frauenfreundschaft in der gesamten modernen Literatur“, jubelte die „New York Times“. Das Literaturhaus widmet der großen Unbekannten der Gegenwartsliteratur einen Abend.