„Der große Glander“

Das erste Kapitel aus Stevan Pauls Debüt-Roman

Stevan Paul gehört seit
Jahren zur Hamburger
Literaturszene. Für seinen
ersten Roman hat er sich
Zeit gelassen

Stevan Paul gehört seit Jahren zur Hamburger Literaturszene. Für seinen ersten Roman hat er sich Zeit gelassen

Foto: Andrea Thode

Darum geht es in Stevan Pauls „Der große Glander“. Hier lesen Sie das erste Kapitel dieses auch in Hamburg spielenden Buchs.

Oh, Frau Möninghaus, guten A-ha-bend! Frau Möninghaus, unseren Haus-Apéro, den müüüssen Sie probieren“, Gerd Möninghaus äffte den Kellner nach, der eben mit der Bestellung verschwunden war. Silke Möninghaus studierte derweil teilnahmslos die Stuhlbeine am Nachbartisch. „Frau Möööninghaus, auch einen Apéro für Ihren Gatten?“, flötete Gerd Möninghaus, der sich noch nicht so richtig an die seltene Rolle als Begleiter seiner Frau gewöhnt hatte.

„Gerd. Ich hatte mich auf diesen Abend gefreut.“

Möninghaus rückte sich gerade und fand die eigene Stimme wieder: „Ist doch wahr, dieses alberne Getue ist unerträglich“, er blickte mürrisch hinauf zu den funkelnden Kronleuchtern, studierte die Gobelinstickereien auf den schweren Wandbehängen: „Gott, da kriegt man ja schon vom Hinsehen eine Hausstauballergie, das ist ja alles uralt hier.“

„Ja, Gerd. Mit alten Sachen kennst du dich ja aus. Aber der Küchenchef, der ist neu und darum sitzen wir hier, weil meine Leserinnen das interessiert, und der Verlag bezahlt auch dein Essen, also verwöhne die Welt mit deinem schönsten Lächeln, sie ist gut zu dir.“

Der Kellner erschien und servierte den Aperitif: „So, da haben wir unseren Mandarinen-Espuma, Frau Möninghaus, mit Wodka und Wakame-Algen, getoppt mit Osietra-Kaviar Malossol und Mandarinenfruchtfleisch. Sehr zum Wohlsein.“

Silke Möninghaus ergriff ihr Cocktailglas, prostete ihrem Mann mit einem breiten Grinsen zu, beugte sich dann nach vorn und flüsterte: „Und überhaupt, da kannst du mal nachfühlen, wie mir das immer geht, wenn ich ständig den großen Kunstexperten Gerd Möninghaus zu seinen furzlangweiligen, achsowichtigen Vernissagen begleiten muss. Da gibt es dann warmen Sekt, immer diese nervig laute Disco-Bums-Mucke und pro Gast ein halbes Räucherlachs-Canapé mit versalzenem Discounterlachs auf fitzelig dünnen Papierservietten serviert, deren erste Lage sich immer schon mit der Mayonnaise vermählt hat. Papierservietten muss ich essen, wenn ich dich begleite, Gerd, Papierservietten!“

Silke Möninghaus nickte abschließend, sie lächelte jetzt nicht mehr, hob das Glas zum Mund, und Kaviarperlen und Algenhäutchen verschwanden zwischen ihren signalrot geschminkten Lippen.

„Wir könnten uns ja heute Abend auch mal unterhalten, über deine Tochter zum Beispiel.“

„Und was macht die so?“, fragte Möninghaus müde. Zu seiner Überraschung kramte seine Frau jetzt die aktuelle Ausgabe des Frauenmagazins hervor, dessen Chefredakteurin sie war, blätterte energisch im Heft und wurde im Reiseteil der Zeitschrift fündig. Sie reichte ihm das aufgeschlagene Heft, ihr roter Fingernagel markierte ein kleines Bild am Ende eines Beitrags über Das junge Ibiza – die schönsten Wohlfühlresorts. Gerd Möninghaus studierte das Foto lange, las die Bildunterschrift mehrmals: Relaxte Chillout-Sounds serviert DJane Mika zum Sundowner an der Strandbar. Auf dem Foto war eine junge Frau hinter einem Tresen mit zwei Plattenspielern zu sehen, sie trug einen übergroßen Kopfhörer und blickte ernst auf das Mischpult zwischen den Plattentellern, unter ihrem rechten Arm klemmte eine Schallplattenhülle. Er ging mit dem Gesicht ganz nah heran an das Bild, kniff die Augen zusammen, entzifferte die Schrift auf dem Albumcover: Facing the sun, stand da. Er blickte hoch und sah fragend seine Frau an: „Aber Michaela heißt doch Michaela.“

Gerd Möninghaus leerte das Cocktailglas mit einem Zug, schauderte, strich sich beiläufig über die Lippen.

„Und warum sind denn bitte ihre Haare blau?“

Aber sie war es, eindeutig. Seine Tochter. Michaela Möninghaus. Eigentlich Hotelfachfrau in Ausbildung, im Luxusresort Aguas de Ibiza. Jetzt aber wohl DJane an der Strandbar, Möninghaus beugte sich abermals hinab zu Foto und Artikel, einer der schönsten Sunsetbars Ibizas. Mit blauen Haaren.

„Konntest du das nicht verhindern?“ „Ich dachte, wenn ich nichts sage, merkt’s vielleicht keiner in der Redaktion, schlafende Hunde soll man ja … und so war’s dann auch, Glück gehabt.“

Silke Möninghaus lachte kurz und künstlich, griff zum leeren Cocktailglas, blickte sich dann suchend nach dem Kellner um.

„Was haben wir nur falsch gemacht?“, fragte Gerd Möninghaus die geleerten Gläser vor sich. Dann bemerkte er erstmals den Mann, der ihnen schräg gegenüber an einem Zweiertisch saß und, offensichtlich alleine, bereits beim Hauptgang angekommen war. Der Mann war von riesenhafter Gestalt, im Stehen sicher über zwei Meter groß, schätzte Möninghaus, klein und zerbrechlich wirkte im Vergleich der gedeckte Tisch, an dem der Riese saß, das Weinglas in seiner Hand wirkte wie Puppenhaus-Zubehör. Konzentriert schnupperte der Riese am Wein, ließ ihn fachmännisch und elegant im bauchigen Glas kreisen, senkte nochmals die imposante Nase
hinein, nahm einen Schluck, kaute mit geschlossenen Augen, sog Luft durch die Lippen, schluckte und nickte dann anerkennend. Der Mann trug eine sandfarbene Cordhose und ein marineblaues Hemd unter einem dunklen Sakko. Eine legere Eleganz, die in auffälligem Missverhältnis zum dichten, nachlässig gepflegten Bart des Riesen stand, auch seiner Frisur hatte der Mann nur wenig Aufmerksamkeit gewidmet, vielleicht ließ sich das dicke, dichte schwarzgraue Haar einfach nicht besser bändigen. Wie ein Wilder, der sich fein angezogen hatte, für einen Ausflug unter die Menschen, dachte Möninghaus, der von einem Gefühl der Vertrautheit zu diesem Mann ergriffen wurde. Merkwürdig bekannt schien ihm das Gesicht des Riesen, die wachen blauen Augen unter dichten Augenbrauen, die markante Nase, Möninghaus versuchte sich zu erinnern, ob und wo er diesem Mann schon einmal begegnet war. „Und, was macht die Arbeit? So als König ohne Königreich?“

Er starrte auf eine einzelne, schwarz glänzende Kaviarperle

Seine Frau unterbrach die ergebnislose Gedankenrecherche. Sie sprachen nie über ihre Arbeit, der Fakt, dass sie beide im selben Verlagshaus angestellt waren, hatte den Radius möglicher Gesprächsthemen zwischen den Eheleuten schon früh derartig eingeengt, dass sie beschlossen hatten, nur noch in Notfällen ihre Gedanken zu Verlagspolitik, Kollegen und Mitarbeitern auszutauschen.

Ein solcher Notfall war in den vergangenen Wochen eingetreten. „Der hat wirklich alle entlassen, alle. Wir waren zwölf Redakteure. Nur Wolfgang und ich sind noch übrig. Nächste Woche ist Umzug, Wolfgang und ich teilen uns dann ein winziges Zimmer, in diesem Nebengebäude in der Köhlerstraße, da, wo die Kundenzeitschriften gemacht werden. Für jede Scheißbesprechung mit dem feinen Herrn Chefredakteur darf ich dann zehn Minuten ins Verlagsgebäude rüberwackeln.“

Möninghaus machte eine Pause.

„Mir tut’s so leid um die Kollegen. Die finden doch nichts mehr, die gehen doch alle stramm auf die 60 zu!“

„Was hat denn Braunauer dazu gesagt?“

„Das ist die Zukunft, hat er gesagt. So geht Zeitschriftenmachen heute, hat er gesagt. Kleine Redaktion, zwei Leute, Chefredakteur, Grafiker, den Rest kaufen wir über Freie ein. Das hat er gesagt. Und dann einfach alle rausgeschmissen. Muss die erst mal ein Vermögen an Abfindungen gekostet haben. Die Kollegen haben wohl alle ordentlich Geld bekommen. Aber zur Frühpension reicht’s halt auch nicht. Die werden das Geld noch brauchen. Die waren ja alle ihr ganzes Berufsleben lang Redakteure eines Kunstmagazins. Die überleben doch keine fünf Minuten auf dem freien Markt. Braunauer hat zwar allen ganz generös angeboten, weiter frei für uns zu schreiben, was die jetzt aber natürlich erst mal nicht machen, die sind beleidigt und das zu Recht.“

Möninghaus starrte auf eine einzelne, schwarz glänzende Kaviarperle, die sich zwischen dem Tischtuch und seiner Serviette versteckt hatte. „Ich habe keine Leute, ich habe keine Ahnung, wie ich das nächste Heft fertigkriegen soll. Wie bitte? Ja, danke, Weißwein, prima, nehm ich.“

Die Weingläser wurden gefüllt, junge Mädchen servierten die Vorspeise, auf das Kommando des Kellners im Hintergrund wurden die silbernen Cloches gelüftet, und sofort waberte dichter weißer Nebel über den Tisch, der intensiv nach Fichtennadeln roch und sich hartnäckig über den Tellern hielt. Nur langsam schälte sich ein Bastkörbchen aus dem Nebel, darin ein Fichtenzweig, auf dem zwei butterschwitzende Garnelen lagen.

„Großartig!“, rief Silke Möninghaus und zückte ihr Handy.

„Das sind unsere norwegischen Garnelen in Meersalzbutter aus dem Fichtenrauch“, erklärte der Kellner und wünschte: „Guten Genuss!“

Gerd Möninghaus versteckte sein aufkommendes Gelächter hinter vorgehaltener Hand, auch, weil sich seine Frau schon konzentriert Notizen machte. Guten Genuss. Er kicherte leise. Kommt man nicht drauf.

Er war froh, seiner Frau nicht mehr erzählen zu müssen, was Braunauer ihm am Ende des Gesprächs, schon an der Tür, noch mit auf den Weg gegeben hatte, unangenehm nah war er dabei an ihn herangetreten, hatte die Stimme gesenkt, als verrate er ein Geheimnis:

„Wissen Sie, Herr Möninghaus, mit der Kunst ist das im Verlagsgeschäft genau wie im richtigen Leben, Kunst muss man sich leisten können. Und den Fakt, dass Sie und der Herr Lechner hier überhaupt noch an einem Kunstmagazin arbeiten dürfen, haben Sie anderen, wesentlich erfolgreicheren Formaten unseres Hauses zu verdanken. Außerdem glaubt der Vorstand noch, und die Betonung liegt auf noch, Herr Möninghaus, an die Notwendigkeit eines Kunstmagazins im Verlags-Portfolio. Ja, wenn’s nach mir ginge … Überzeugen Sie mich, Herr Möninghaus. Rechtfertigen Sie das in Sie gesetzte Vertrauen. Große Geschichten, Herr Möninghaus. Emotionen. Rock ’n’ Roll! Schaffen Sie das, Herr Möninghaus?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, hatte der Chefredakteur ihn aus dem Zimmer geschoben.

„Das hier ist übrigens auch Kunst“, sagte Silke Möninghaus und holte ihren Mann mit einem beherzten Schlag mit dem Messer an seinen Tellerrand zurück ins Restaurant Belvédère.

„An der Jakobsmuschel ist noch die Verpackung dran“, konstatierte Möninghaus, als der nächste Gang serviert worden war und der Service sich wieder zurückgezogen hatte. Seine Frau seufzte ins Weißweinglas:

„Das ist Lardo. Eine italienische Spezialität, der weiße Rückenspeck vom Landschwein, wird mit Salz und Gewürzen eingerieben und zwischen Carrara-Marmorplatten gereift. Auf diesem Teller ummantelt er, hauchzart geschnitten, eine perfekt gebratene Jakobsmuschel, ein dünnes Kleidchen, das durch die Hitze durchscheinend, fast durchsichtig geworden ist und jetzt leicht schmelzend der Pilgermuschel seine Würze schenkt. Dazu passt der Dillblütenschaum mit den gerösteten Fenchelsamen hervor­ragend. Und diese frische, ganz zarte Schärfe des gegrillten Frühlingslauchs, der bringt da noch eine rauchige Note ins Gericht. Schatz, herzlichen Glückwunsch, du sitzt gerade vor einem perfekten Teller.“

Möninghaus lachte kurz, ein bisschen auch über sich, löffelte vorsichtig den ersten Happen, aß konzentriert, zerdrückte das zarte Muschelfleisch am Gaumen, schmeckte die Süße der Sauce, das Salzige vom Speck, der im Mund endgültig schmolz, wie überhaupt alles sich in Wohlgefallen auflöste – und er verstand. Es ist eigentlich wie mit der Kunst, dachte er. Manches muss man einfach auch erst mal erklärt bekommen, um es überhaupt schätzen zu können.

Wie immer war sein Teller schneller geleert als der seiner Frau, die immer wieder innehielt, das Besteck tonlos auf den Teller sinken ließ, in Zeitlupe kaute, sich dann mit einem kurzen Bleistift eine weitere Notiz ins kleine Moleskine-Büchlein schrieb, das sie unter der Ser­viette versteckte. Als er sich erhob, blickte sie überrascht auf.

„Ich muss mal schnell, äh, bin gleich wieder da.“

„Könntest du damit vielleicht warten, bis ich auch ...“, sagte Silke, doch Möninghaus hatte keine Zeit zu verlieren, der Riese war nämlich aufgestanden und durchschritt das Restaurant in Richtung der Waschräume. Möninghaus folgte ihm, den Protest seiner Frau hörte er schon nicht mehr, das hier war seine Chance, sich den Mann mal genauer anzusehen. Möninghaus öffnete die Tür und kniff die Augen zusammen. Diese Toilette musste ein beleidigter Innenarchitekt entworfen haben, gleich nachdem er erfahren hatte, dass seine Dienste im denkmalgeschützten Restaurant selbst nicht benötigt würden. Die blendend weißen, fugenlosen Wände waren mit einer Art blau-rosa schimmerndem Perlmutt überzogen, statt eines Waschbeckens mit Wasserhähnen plätscherte ein breiter Strom quer durch ein langes Becken aus schwarzem Stein, das mit Naturkieseln gefüllt war. In der gegenüberliegenden Wand bildeten eiförmige Vertiefungen die Pissoirs, und Möninghaus stellte sich genau neben den Riesen, der es schon hörbar laufen ließ. Man musste schon ordentlich zielen, die Mulden hatten allerhöchstens die Größe eines Straußeneis, Möninghaus hatte aber ein ganz anderes Problem, er musste gar nicht pinkeln, der Riese neben ihm ließ immer noch einen nicht enden wollenden, satten Strahl hören. Möninghaus lächelte gequält hinunter zu seinem Schwanz, der gänzlich funktionslos zwischen Daumen und Zeigefinger klemmte. Als der Riese den Reißverschluss nach oben zog und hinüber zum Wasserbecken ging, ließ Möninghaus noch etwas Zeit verstreichen, als habe sich da jetzt doch noch was getan bei ihm, verpackte dann seinerseits alles wieder und stellte sich neben den Riesen an den künstlichen Fluss.

Im breiten Spiegel konnte er dem Mann jetzt seitlich direkt ins Gesicht sehen. Das Gefühl von vorhin, dieses Gefühl, in ein vertrautes Gesicht zu blicken, tippte ihm erneut auf die Schulter, er kannte den Riesen.

„Guten Abend“, sprach er zum Spiegelbild des Mannes, er versuchte dabei, möglichst deutlich freudige Überraschung in die Worte zu legen, mit einem Anflug von Wir kennen uns doch!. Der Riese nickte knapp, zeigte an den Rand des Beckens und sagte:

„Die gelben Kiesel da, das sind die Seifen.“ Möninghaus starrte die gelben Kieselsteinimitat-Seifen an, die ihn in diesem Umfeld eher an WC-Frisch-Klo­steine erinnerten, dann wandte er sich direkt dem Riesen zu, jetzt galt es.

„Wir kennen uns doch!“, sprach er mit fester Stimme, genau in dem Moment, als der andere den Knopf für das Handtrocknungssystem gefunden hatte. Das dröhnende Rauschen des Gebläses schluckte seine Worte, und noch ehe der Luftstrom wieder abriss, hatte der Riese die Toilette verlassen. Zum Hauptgang war er wieder zurück und ertrug den tadelnden Blick seiner Gemahlin. Auf dem Teller lag ein Tafelspitzstück von einem Rind, das angeblich in Japan mit Bier genährt und mit täglichen Massagen verwöhnt worden war, so erklärte es ihm zumindest seine Frau, und er möge insbesondere das süßsaure Kompott von Pflaume und Preiselbeere wahrnehmen. Dieser Teller sei Ausdruck der Philosophie des Küchenchefs, nämlich die Kombination aus einer regionalen Küche, die der Idee der nordischen Küche tief verbunden sei, mit ausgewählten Zutaten, Rezepten und Techniken aus aller Herren Länder, sozusagen die logische Fortsetzung der Fusion-Küche der 90er-Jahren. Zudem eine echte Wohltat und Bereicherung, dass jetzt ein so brillanter Koch wie Matthiesen, nach all den Jahren der strengen und eingrenzenden New Nordic Cuisine, seinen Blick wieder auf die kulinarische Vielfalt der Welt richten würde. Ohne Standort und Heimat zu verleugnen, wohlgemerkt. Möninghaus nickte mechanisch alle Punkte ab und beobachtete den Riesen, der eben einen Espresso verschluckt hatte und jetzt Anstalten machte, seine Rechnung zu begleichen, der Oberkellner hatte das lederne Rechnungsmäppchen schon in der Hand.

„Hörst du mir überhaupt zu?“

Plötzlich stand der Koch im Restaurant, ohne die anderen Gäste eines Blickes zu würdigen, ging er direkt zum Tisch des Riesen. Der war aufgestanden, die Männer lachten, und nach einem kurzen Gespräch gaben sie einander die Hand. Bevor der Koch wieder in der Küche verschwand, legte er behutsam, fast zärtlich, seine rechte Hand erst auf die Schulter des Riesen, berührte dann mit derselben Hand noch den Oberarm seines Gegenübers, nickte und wandte sich lächelnd zum Gehen. Kurz sah der Riese dem Koch noch hinterher, dann erschien schon der Oberkellner. Er begleitete seinen Gast zur Garderobe und hielt ihm mit einem letzten Gruß die hohe Flügeltür auf.

„Und dann bin ich zum Mond geflogen“, sagte Silke Möninghaus.

„Ach wirklich“, sagte Möninghaus und erhob sich, „das ist spannend, Silke, kleinen Moment, ja?“ Ohne ein weiteres Wort ging er in Richtung der Getränkebar, hinter der eine automatische Schiebetür in die Küche führte. Der Oberkellner schnitt ihm kurz vor der Bar den Weg ab. „Moment, Monsieur! Zur Toilette geht es links die Treppen runter.“

„In die Küche, ich möchte in die Küche, Herr …?“

„Adam, Adam mein Name. War denn mit dem Menü etwas nicht in Ordnung, Monsieur?“

Möninghaus ging in sich. Dazu konnte er so gar nichts sagen, irgendwie. „Nein, nein, ich möchte nur den Küchenchef sprechen. Also loben. Ja. So.“

Oberkellner Adam musterte seinen Gast. Das war der Mann von Frau Möninghaus, der Chefredakteurin der Woman’s World, sie war als fachlich versierte Restaurantkritikerin bekannt, wieso schickte sie jetzt ihren Mann vor? Armer Kerl. Adam setzte sein verbindlichstes Lächeln auf: „Herr Möninghaus, jetzt gehen die Desserts raus, und Herr Matthiesen muss noch mal richtig ran, machen wir’s doch so, Sie genießen Ihr Dessert, und den Herrn Matthiesen, den schick ich Ihnen zum Kaffee.“

„Sie kennen meinen Namen?“

„Selbstverständlich, Herr Möninghaus.“ Möninghaus schwebte zurück zum Tisch. Überraschend, wo man überall auf treue Leser seines Kunstmagazins traf! Als er wieder Platz nahm, konnte nicht mal die Gereiztheit seiner Gattin am Hochgefühl etwas ändern.

„Sach mal, was ist denn heute los mit dir, ADHS, oder was? Da bist du allerdings jetzt doch einen Ticken zu alt, um da noch mit anzufangen!“

„Tschuldigung“, er griff die Hand seiner Frau und beugte sich zu ihr über den Tisch: „Stell dir vor, dieser Kellner, der Oberkellner, der hier der Chef ist, der liest unsere KunstStücke!“

Nach dem Dessert sah sich Silke Möninghaus ziemlich rasch nach dem Service um: „Wir müssen los, mein Schatz, ich habe heute noch eine Überraschung für dich.“

„Jetzt noch?“

Möninghaus sah auf die Armbanduhr, es war schon nach elf.

„Ja, jetzt noch, ich kümmer mich mal um …, ach du liebe Güte, da kommt Matthiesen, kommt der zu uns? Was will der denn, ein Schwätzchen halten?“

„Frau Möninghaus!“ „Herr Matthiesen. Toll war’s, ein Genuss, vielen Dank!“

Der Chefkoch deutete ein bescheiden-devotes Sichwinden an und nickte lächelnd. „Aber sagen Sie, Herr Matthiesen, ich bin erstaunt, Sie hier zu sehen, Sie gehen doch sonst sehr ungern ins Restaurant?“

„Ja, das stimmt, Frau Möninghaus, ich sach immer, ich habe meinen Gästen schon das Beste gegeben, was ich habe, meine Kochkunst und mein ausgezeichnetes Serviceteam, was soll ich denn da am Ende noch rumgurken. Aber heute ist eine Ausnahme, Herr Adam erzählte mir, Ihr Mann wolle mich sprechen?“

Jetzt sahen beide Gerd Möninghaus an, seine Frau entgeistert, Herr Matthiesen erwartungsvoll.

In der Küche roch es schon nach Reinigungsmittel

„Ja! Genau!“, sagte Möninghaus.

„Und da wären wir auch gleich beim Thema: Herr Matthiesen, Sie waren ja vorhin schon mal draußen, da an dem Tisch da, da saß ein groß gewachsener Herr und den haben Sie verabschiedet.“

Matthiesen runzelte die Stirn: „Äh, nein, eigentlich … nein.“

„Hab ich doch gesehen, Herr Mat­thiesen. Vertraulich am Arm gefasst haben Sie den Mann sogar!“

Der Koch schüttelte den Kopf.

„Kommst du mal auf den Punkt bitte, Gerd, vielleicht hast du ja einen von Herrn Matthiesens Köchen gesehen?“

„Das kann sein“, sagte Matthiesen und Möninghaus glaubte, Erleichterung in der Stimme des Kochs zu hören.

„Ach, jedenfalls wollte ich wissen, wer der Herr war, ich glaube, ich kenne den nämlich.“

„Ich kenn den nicht.“

Matthiesen sah hinüber zu dem Tisch, an dem der Riese gesessen hatte.

„Aber vielleicht kann uns ja der Herr Adam da weiterhelfen, Herr Adam, kommst du mal? Und bring mal das Reservierungsbuch mit!“

„Was darf ich notieren, wann dürfen wir uns wieder auf Sie freuen?“

Adam war an den Tisch getreten und öffnete das Reservierungsbuch.

„Der Herr Möninghaus möchte wissen, wer der Herr war, der alleine an Tisch 16 saß.“

Herr Adam klappte das Buch mit einem Knall zu: „Ach so, da muss ich Sie um Verständnis bitten, dass wir aus Gründen der Diskretion niemals Auskunft über unsere Gäste geben.“

Adam ließ die Worte wirken, nach einer Kunstpause beugte er sich verschwörerisch zu den Eheleuten Möninghaus und flüsterte: „Und in diesem Fall würde nicht mal Folter etwas nützen. Der Herr hatte nämlich nicht reserviert.“

Matthiesen und Adam verabschiedeten sich an der Tür von Silke und Gerd Möninghaus, winkten dem abfahrenden Taxi hinterher. Adam blies langsam die Luft aus seinen aufgeblähten Backen: „Meine Güte, immer wieder überraschend, was die Leute so reitet.“

Matthiesen nickte lachend. Gemeinsam gingen sie wieder hinein, um jetzt zügig den Feierabend vorzubereiten. In der Küche roch es schon nach Reinigungsmittel, die Köche scherzten, schlugen sich gegenseitig mit den nassen, schweren Putzlappen gegen die Beine. In der Abwäsche schepperten Töpfe und Bleche, zwischen wachsenden Tellerstapeln arbeiteten schweigend die Spüler, routiniert, schwitzend, im heißen Dampf der weit geöffneten Maschinen. Matthiesen schloss die Tür des Küchenbüros hinter sich, warf sich in den Bürostuhl und rollte zum Schreibtisch, genoss kurz die Stille. Seine Jungs hinter dem großen Fenster, wie ein Stummfilm in verschwitztem Weiß. Der Küchenchef zog das Handy aus der Hosentasche, tippte die Kontaktliste an, fand schnell den Namen, den er suchte, und stellte die Verbindung her:

Möninghaus zog erstaunt die Augenbrauen nach oben

„Ja, hey, ich bin’s. Ja, so schnell spricht man sich wieder. Nein, nein, du hast nichts vergessen. Aber, weißt du was, da hat sich grade ein ganz besonderer Gast nach dir erkundigt. Ich dachte, das solltest du wissen.“

Im Taxi war die Stimmung zunächst frostig, Silke Möninghaus nannte dem Taxifahrer leise eine Adresse, echauffierte sich dann umso lauter über „diesen wirklich unmöglichen Auftritt“ ihres Mannes. Sie wollte wissen, was ihn „geritten“ hätte, und zählte auf, wo sie sich jetzt überall nicht mehr sehen lassen könne. Möninghaus entschuldigte sich wortreich und erklärte die Sache mit dem Gast, der ihm so seltsam bekannt vorgekommen war.

„Das kennst du doch auch“, sagte Gerd Möninghaus. Silke Möninghaus schüttelte den Kopf.

„Ich muss dann einfach wissen, wer das ist, ich brauche dann Klarheit, um nicht wahnsinnig zu werden.“

Das Taxi hielt nach kurzer Fahrt schon wieder an. „Wo sind wir?“, fragte Gerd Möninghaus und sah mit angewinkeltem Kopf aus dem Fenster des Wagens: „Huch. Das Royal Grand?“

Die Gesichtszüge seiner Frau wurden augenblicklich weicher, sie lächelte.

„Komm mal her, du Verrückter“, sagte sie und küsste ihn kurz, für einen Augenblick spürte er ihre Zungenspitze zwischen seinen Lippen. Dann setzte sie sich aufrecht und strich sich die Locken hinters Ohr. Möninghaus sah die feinen grauen Haare, die sich eingeschlichen hatten ins Blond und spürte plötzlich eine Verliebtheit in sich, die er verloren geglaubt hatte.

„Also“, sagte Silke. „Wir sind heute auf den Tag genau 22 Jahre verheiratet!“

Möninghaus zog erstaunt die Augenbrauen nach oben.

„Und da habe ich mir gedacht, Schnapszahl, Schnapsidee!“

Sie griff seinen Kopf im Nacken, zog ihn zu sich heran und flüsterte ihm mit extratiefer Stimme ins Ohr: „Und darum schenke ich dir eine Nacht mit mir, im Royal Grand.“ Möninghaus spürte, wie ihm das Blut in den Schwanz schoss: „Das ist eine sehr gute Idee“, flüsterte jetzt auch er mit brüchiger Stimme.

„Macht dann 12,80 bitte, ja!“, bellte der Taxifahrer ungeduldig. Sie hatte wirklich an alles gedacht. Das Nachtzeug, die Kulturtaschen, ihre Kosmetik und frische Kleidung für den nächsten Tag hatte sie am Morgen per Kurier ins Hotel und auf das Zimmer bringen lassen, dort stand auch eine Flasche Champagner auf Eis. Silke Möninghaus kicherte, als sie im Fahrstuhl ihrem Mann zwischen die Beine griff und sich an ihn schmiegte. „Ich bin ein Idiot!“, murmelte Möninghaus zwischen dem dritten und vierten Stockwerk. „Der Mann im Restaurant, das war …“ Weich stoppte der Lift im sechsten Stock. Lautlos öffneten sich die Türen und ein glockenklarer Gong erklang. „Natürlich. Das war der große Glander!“