Konzert in Hamburg

Pianistin Yuja Wang begeistert Publikum in Laeiszhalle

Yuja Wang, 29, gab 2003
ihr Konzertdebüt in Europa

Yuja Wang, 29, gab 2003 ihr Konzertdebüt in Europa

Foto: Yuja Wang

Die chinesische Circe streifte zunächst durch den heiligen Hain deutscher Romantik. Wang feuerte ein wahres Zugabenfeuerwerk ab.

Hamburg.  Nach Sigmund Freud entsteht große Kunst dort, wo sexuelle Energie umgelenkt und höheren Zwecken geweiht wird. Sublimation nannte er das. Der Gedanke, dass Lust und Kunst sich gegenseitig befeuern könnten, ist dem alten Miesepeter nie gekommen. Allerdings hatte Freud auch nie die Chance, ein Konzert mit Yuja Wang zu hören. Ihrem Ruf, die aufsehenerregendsten Kleider im Konzertbusiness zu tragen, wurde die Pianistin auch bei ihrem Gastspiel am Dienstag in der Laeiszhalle wieder gerecht. Das Vorurteil, dass Sexyness großer Kunst abträglich sei, widerlegte sie eindrucksvoll.

Dabei streifte die chinesische Circe zunächst durch den heiligen Hain deutscher Romantik. Zwei Balladen von Brahms und Schumanns „Kreisleriana“ standen im ersten Teil auf dem Programm. Der Rezensent schloss vorsichtshalber die Augen – Stichwort: Sublimation – und hörte eine technisch absolut souveräne und doch etwas unterbestimmte Lesart romantischer Verrücktheit. Wo Schumann Kreislers binäre Schizophrenie scharf in Töne fasst und Gegensätze jäh aufeinanderprallen lässt, ließ Wang alles ineinanderfließen, schliff Konturen ab, machte den Wahnsinn versöhnlicher und poetischer, als er wohl gedacht war. Nur in der siebten, der aberwitzig schnellsten dieser Fantasien, blitzte Irrsinn auf.

Das Klassische scheint Wang offenbar mehr zu liegen. Eine Yuja Wang muss zwar ziemlich umständlich auf die Bühne stöckeln, weil High Heels und Kleid die Bewegungsfreiheit begrenzen, aber ausgerechnet Beethovens „Große Hammerklaviersonate“, dieses Monument deutschen Tiefsinns, spielte sie dann so zupackend, strukturiert, so offenkundig zu Hause in der Musiksprache dieses Komponisten, dass man das Ganze mitschneiden und als Referenzaufnahme ins Regal hätte stellen können.

Wie befreit feuerte Wang nach der Hammerklaviersonate ein wahres Zugabenfeuerwerk ab. Es sollen derer acht gewesen sein; der glückliche Rezensent, die Augen inzwischen weit geöffnet, vergaß nach der fünften des Mitzählen. Hier war in Reinkultur zu bewundern, was Wangs Kunst ausmacht: Es ist die pure Lust am Musikmachen. Hier war schlicht ein schöner – übrigens überhaupt nicht lasziver – Mensch zu erleben, für den es in der Musik Hürden und Grenzen einfach nicht gibt. Mag sein, dass Yuja Wang zu gesund ist für Kreislers Irrsinn, in jeder anderen Hinsicht ist diese Pianistin der absolute Wahnsinn.