Konzert

Grönemeyer feiert Gänsehaut-Party in Hamburg

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Heinrich Oehmsen
„Bochum“ in Bahrenfeld: Herbert Grönemeyer am Mittwochabend in der Barclaycard Arena in Hamburg

„Bochum“ in Bahrenfeld: Herbert Grönemeyer am Mittwochabend in der Barclaycard Arena in Hamburg

Foto: Jazzarchiv/Isabel Schiffler

12.000 begeisterte Fans feiern den Bochumer in Bahrenfeld, als wäre er jahrzehntelang weg gewesen und singen sich die Kehle heiser.

Hamburg. Er ist zu hören, aber nicht zu sehen. Herbert Grönemeyer und seine Band beginnen ihr Konzert in der Barclaycard Arena im Dunkeln. Nur Stirnlampen der Musiker geben etwas Licht. Grönemeyer joggt auf der Bühne von links nach rechts und zurück, er schwingt die Arme und die Fans ganz vorn an der Bühne machen es ihm nach. Als der Auftaktsong „Unter Tage“ beendet ist und die Scheinwerfer aufflammen, brandet Jubel auf. Und Grönemeyer strahlt. „Wir wollen, dass es knackt, dass es brennt, dass es zuckt und ein schöner Abend wird“, ruft er in die Halle.

Die Dramaturgie seiner Konzerte ist wohlüberlegt. Grönemeyer beginnt mit vier neuen Songs von „Dauernd jetzt“. Bei „Fang mich an“ steht er mitten in der Arena auf einem Steg, schwingt die Hüften und findet seinen Tanzstil wohl selbst komisch.

Grönemeyer zeigt Haltung

Bevor er „Unser Land“ anstimmt, wird er ernst: „Wir müssen Haltung beziehen und Empathie zeigen. Wir wollen eine freie Gesellschaft“, sagt er und erteilt Ausländerfeindlichkeit und Rassismus eine deutliche Absage. Seine Fans applaudieren begeistert genau wie später bei der Ballade „Roter Mond“, unter dem Eindruck der Flüchtlingskatastrophe geschrieben. Grönemeyer zeigt sich erschüttert von den aktuellen Meldungen über ertrunkene Menschen vor der libyschen Küste. Schon früh erklingt „Bochum“, Titelsong seines ersten Erfolgsalbums aus dem Jahr 1984. Als Intro singt er das „Steigerlied“, eine ganze Reihe von Fans fallen mit ein, obwohl den Hamburgern „Schiffsverkehr“ und „Land unter“ näher sein dürften als das Bergmannslied. Wenn Grönemeyer in Hamburg und nicht in Bochum aufgewachsen wäre, hätte er bestimmt Songs über Werftarbeiter, Festmacher oder Schauerleute geschrieben.

Doch Bergleute und Stahlarbeiter sind dem Ruhrpottler näher. Er hat tiefen Respekt vor den ehrlichen Malochern, ja, er ist selbst einer, wenn er sich in seinen oft bis zu drei Stunden dauernden Konzerten bis zur Erschöpfung ausgibt. „Bochum“, von den 12.000 Besuchern mitgesungen und gefeiert, als wäre Grönemeyer jahrzehntelang weg gewesen, ist der erste Höhepunkt des Konzerts und schafft Gänsehaut-Effekt. Die Hingabe an seine Fans ist eine weitere seiner Qualitäten.

Die Fans singen sich die Kehle heiser

Er gibt seinen Zuhörern das Gefühl einer von ihnen zu sein, obwohl er selbst schon lange als Intellektueller unter den deutschen Popgrößen gilt. Mit „Männer“, „Was soll das?“ und „Vollmond“ haut „Herbie“ drei Kracher hintereinander raus und setzt die Energie eines Hochofens frei. Die Halle tobt und singt sich bei „Männer“ die Kehle heiser. Bei „Vollmond“ springt und tanzt er wie ein junger Hirsch über die Bühne. Seine 60 Jahre merkt man diesem großartigen Entertainer nicht an. Grönemeyer genießt die Begeisterung, die ihm entgegenschlägt, und er heizt die Stimmung mit jeder Geste und jedem Hüpfer weiter an.

Auch „Flugzeuge im Bauch“, 32 Jahre alt, hat es wieder ins Programm geschafft – dieses Mal in einer jazzigen Version. „Wir werden es nicht los“, bekennt Grönemeyer. „Mensch“ wird zum nächsten Höhepunkt des Abends. 24.000 Arme werden bei dieser Erinnerung an Grönemeyers an Krebs gestorbene Frau Anna geschwenkt. Der Song geht immer noch unter die Haut, doch er hat nichts Rührseliges mehr. Der Sänger nutzt ihn sogar, um zu Reggae-Rhythmus über das Wort „Hamburg“ zu phrasieren.

Ein Konzert, das Spontaneität zulässt

„Mensch, ist das schön hier“, freut er sich. Auch der neue Fußball-EM-Song gehört zum Programm. „Jeder für jeden“, zusammen mit dem Hamburger DJ Felix Jaehn geschrieben, wird zum Mitklatsch-Spaß. Grönemeyers Haare sind nass und verklebt, zwei Stunden hat er jetzt schon auf der Bühne geackert. Mit dem WM-Song „ Zeit, dass sich was dreht“ geht die Tour de Force weiter. Nach dem ruhigen Intro steuert die Begeisterung im Publikum auf den nächsten Höhepunkt hin. Der Sänger schafft es, in seinen Konzerten Gefühl und Party miteinander in Einklang zu bringen. In den schnellen Nummern zeigt sich seine Lebensfreude und sein Optimismus. Grönemeyer versucht nicht, eine perfekte Show ablaufen zu lassen. Er reagiert auf sein Publikum, gibt selbstironische Kommentare zu seinem Alter, seinem Aussehen und zu seinem Tanzstil ab und verringert so die Distanz zum Publikum.

Hier läuft keine geölte Show-Maschine, sondern ein Konzert, das Spontaneität zulässt. Am Ende singt er „Kinder an die Macht“ und das Volkslied „Der Mond ist aufgegangen“. Grönemeyer bedankt sich beim Publikum. Erschöpft, aber glücklich – und erstklassig malocht.