Comic-Held

Auch mit 70 Jahren sitzt Lucky Luke noch fest im Sattel

Ein ungleiches Paar, das aber unverwüstlich zu sein scheint: Lucky Luke und sein Pferd Jolly Jumper

Ein ungleiches Paar, das aber unverwüstlich zu sein scheint: Lucky Luke und sein Pferd Jolly Jumper

Foto: Lucky Comics

Comic-Serie, deren erste Geschichte 1946 erschien, feiert Jubiläum. Norddeutscher würdigt den Cowboy in der Zeitschrift "Reddition".

Hamburg.  Wie lange müssen Cowboys eigentlich arbeiten? Bekommen sie Rente? Oder müssen sie weitermachen, bis sie vom Pferd fallen? John Wayne war fast 70 Jahre alt, als er, vom Krebs gezeichnet, in Don Siegels großartigem Spätwestern „Der letzte Scharfschütze“ Sätze sagte wie: „Ich bin ein sterbender alter Mann, der sich vor der Dunkelheit fürchtet.“

Aber gilt das auch für Comic-Figuren? Lucky Luke sitzt eigentlich noch immer ganz gut im Sattel. Und der Mann, der schneller schießt als sein Schatten, wird in diesem Jahr immerhin auch schon 70 Jahre alt. Eigentlich erst im Dezember, aber gerade wurde beim renommierten Internationalen Comic-Salon in Erlangen schon mal ein bisschen vorgefeiert. Mit dabei war auch Volker Hamann aus Barmstedt, der aus diesem Anlass dem Helden aus dem Wilden Westen einen eigenen Band seiner Comic-Zeitschrift „Reddition“ gewidmet hat.

Auch Hitchcock und Lincoln waren schon dabei

Die Anfänge sind unterschiedlich, das Ende ist dagegen immer gleich: Lucky Luke reitet in den Sonnenuntergang und singt: „I’m a poor lonesome cowboy and a long way from home.“ Genau. Und dazwischen gibt es eine Menge Abenteuer zu bestehen. Immer dabei: Jolly Jumper, der clevere Schimmel, die Daltons, grenzdebile Brüder mit dem Verlierer-Gen, und Rantanplan, der strohdumme Gefängnishund. Das Salz in der Suppe der farbenfrohen Geschichten sind Prominente, die dort immer wieder als Charaktere auftauchen. Western-affine Menschen wie Abraham Lincoln, Lee van Cleef, John Wayne oder Gary Cooper, aber auch Überraschungsgäste wie Alfred Hitchcock, Jean Gabin, Louis de Funès oder Boris Karloff.

Vor mehr als 70 Jahren hatte der belgische Zeichner Maurice de Bévère, der sich den Künstlernamen Morris gab, die Idee für einen Comic-Cowboy. Er wollte eine Western-Parodie abliefern, die trotzdem spannend sein sollte. Eigentlich sollte Lucky eine Trickfilm-Figur werden, aber dann machte Morris ihn zum Comic-Helden. Und so kam es, dass im „Spirou Almanach 1947“, der bereits im Dezember 1946 erschien, Lucky Luke sein erstes Abenteuer „Arizona 1880“ erlebte.

Undenkbar: Früher schoss Lucky auf Menschen

Lucky sah in seinen ersten Abenteuern noch ein wenig anders aus, er hatte beispielsweise nur vier Finger an einer Hand und – heute undenkbar – erschoss sogar manchmal Menschen. Schon damals sang er – und die Figur kam gleich gut an. Morris wollte weitermachen, merkte aber, dass er über den Wilden Westen und Amerika am Ende des 19. Jahrhunderts zu wenig wusste. Er reiste in die USA, blieb sechs Jahre dort und legte für seine Recherchen ein großes Archiv über die Pionierzeit an.

In den USA traf er auch den Franzosen René Goscinny, der ebenfalls zeichnete und später vor allem als Autor von „Der kleine Nick“, „Asterix“ und zahlreichen weiteren Comics bekannt wurde. Die beiden beschlossen, zusammenzuarbeiten. „Das war der Beginn einer goldenen Zeit. Goscinny war der genialste Szenarist für Comics“, sagt Hamann, der seinen Beruf als Bankkaufmann aufgab, um mit Comics zu arbeiten. Witzig und geistreich waren Goscinnys detailverliebte Geschichten.

Jolly Jumper ist der heimliche Held

Die Popularität des Cowboys Luke wuchs, 1958 erschien er zum ersten Mal in deutscher Übersetzung im Comic-Heft „Der heitere Fridolin“, das der Hamburger Alfons Semrau Verlag herausbrachte, der im Bunker auf dem Heiligengeistfeld seinen Sitz hatte.

Lucky Luke ist immer proper gekleidet, absolut treffsicher, aber sonst – wie so viele Comic-Helden (etwa Micky Maus, Tim oder Spirou) – als Charakter manchmal ein bisschen langweilig. Der Witz kommt eher durch die Sidekicks wie die Daltons und Rantanplan in die Geschichten. Der Gefängnishund war als Parodie auf den vierbeinigen Protagonisten der amerikanischen TV-Kinderserie „Rin Tin Tin“ aus den 1950er-Jahren gedacht, die auch im deutschen Fernsehen lief. Rantanplan kam 1960 in den Comic und erhielt aufgrund seiner wachsenden Popularität bald eigene Geschichten.

Heimlicher Held der „Lucky Luke“-Hefte aber ist Jolly Jumper. Der famose Vierbeiner ist nicht nur der treue Freund des Cowboys, er ist enorm flexibel, kann sich selbst satteln, ist trittfest auf dem Hochseil, trinkt seinen Kaffee gern schwarz und ohne Zucker, hat eine echte Kodderschnauze und kommentiert das Geschehen oft sarkastisch.

40 Millionen verkaufte Alben

Die Mischung aus Komik, Abenteuer und Western-Romantik kommt noch immer an. Der Egmont Verlag hat nach eigenen Angaben seit 1977 rund 40 Millionen „Lucky Luke“-Alben verkauft. Die Zielgruppe, sagt Hamann, seien Männer zwischen 20 und 60 Jahren. „Mit einem Western-Comic kann man bei denen kaum etwas falsch machen.“

Undenkbar wäre der Comic allerdings ohne die Western im Kino, die in ihm parodiert werden. Ihre hohe Zeit liegt zwar schon zurück, aber das Genre scheint unausrottbar zu sein. Natürlich kam auch Lucky Luke ins Kino, gleich mehrfach als Animations-, aber auch als Realfilm. Die Fassungen mit Jean Dujardin und Terrence Hill in den Hauptrollen waren jeweils erfolgreich, die mit Til Schweiger nicht so.

Achdé wurde Nachfolger von Morris

Anders als bei vielen klassischen Comics wurde bei „Lucky Luke“ der Generationenwechsel frühzeitig geregelt. Noch zu Morris‘ Lebzeiten – er starb 2001, Goscinny schon 1977 – wurden immer wieder Zeichner und Autoren eingeladen, um einen frischen Blick auf Lucky und seine Abenteuer zu werfen. Darunter war auch Hervé Darmenton, der sich Achdé nennt. Morris gefiel seine Kurzgeschichte „Machine-Gun Kid“. Nach dem Tod von Morris bot man ihm die Nachfolge an. Seitdem gestaltet er die Abenteuer „detailfreudig und mit viel räumlicher Tiefe“, wie es in „Reddition“ heißt. In diesem Band von Hamann, im Grunde ein Kompendium, findet man fast alles, was man über Lucky Luke wissen muss. Er ist liebevoll und kenntnisreich gestaltet.

Der Comic-Salon in Erlangen markierte jetzt den Beginn der Feierlichkeiten zu Lucky Lukes 70. Geburtstag. Hier wurde Matthieu Bonhommes Band „Der Mann, der Lucky Luke erschoss“ vorgestellt, der im August in den Handel kommt. Gleich in den ersten Bildern sieht man den Cowboy bäuchlings und mit dem Gesicht nach unten im Matsch liegen. Hinterrücks erschossen? Ein Mann ruft: „Ich habe ihn getötet. Ich habe eine Legende zerstört.“ Wer John Fords Spätwestern „Der Mann, der Liberty Valance erschoss“ kennt, auf den hier angespielt wird, weiß, dass es darin um Legendenbildung und vorgetäuschte Erschießungen geht.

Ist das Luckys Chance?

Tipps zum Sehen und Lesen: „Lucky Luke: Martha Pfahl“ Egmont, 48 Seiten, 12,-„Reddition“ Ausgabe 64: Lucky Luke. 82 Seiten. 10,-Matthieu Bonhomme: „Der Mann, der Lucky Luke erschoss: Hommage 1“ (erscheint 3. August zum Preis von 15,-)„Lucky Luke - Die neuen Abenteuer“, 15 DVDs, 1250 Min, ab 6 J., FilmConfect, ca. 85,-