Kunsthalle

Ein Volksfest für die Kunst in Hamburg

Eröffnungswochenende der modernisierten Kunsthalle lockte weit mehr als 20.000 Besucher an. Zahlreiche Führungen und Veranstaltungen.

Hamburg.  Die ersten Besucher standen am Sonnabend schon lange vor 9 Uhr am neuen Haupteingang. Trotz des zeitweiligen Nieselregens nahmen sie die Wartezeit in Kauf, um ganz sicher dabei zu sein, wenn der historische Haupteingang nach 100 Jahren erstmals wieder fürs allgemeine Publikum geöffnet wird. Bald bildete sich eine Gruppe, die zur großen Menschentraube anwuchs, bevor es Punkt 10 Uhr so weit war. Am ­Anfang erwies sich die Drehtür erst einmal als Nadelöhr, das gleichwohl dafür sorgte, dass der Besucherstrom ­einigermaßen kanalisiert wurde und die Kunsthallen-Mitarbeiter überhaupt die Chance erhielten, ihre Infoblätter mit dem Lageplan verteilen und den Weg zur Garderobe weisen zu können.

Danach zog es die meisten erst einmal die Freitreppe hinauf, die nun das großartige Entree bildet. Viele Besucher blieben auf dem mittleren Treppenabsatz stehen, sahen sich um und ließen die historistische Museumsarchitektur auf sich wirken, die es zwar schon seit 1869 gibt, die aber erst jetzt wieder richtig zur Wirkung kommt. Vor allem ältere Besucher nahmen dann im ehemaligen Makart-Saal verblüfft zur Kenntnis, dass das größte ­Gemälde der Kunsthalle, das 50 Quadratmeter große Historienbild „Einzug Kaiser Karls V. in Antwerpen“ von Hans Makart dort nicht mehr die hintere Stirnseite einnimmt. „Nein, nein, der Makart ist nicht weg, der ist nur vorläufig hinter der weißen Wand verschwunden“, mussten die Aufsichtskräfte immer wieder erklären.

„Ach wie schön dieses Blau ist“

Dafür stimmt der ganz in weiß gehaltene Saal jetzt mit Werken aus den 1950er-Jahren wie einem großformatigen Sam-Francis-Gemälde und einer großen amorphen Skulptur von Henry Moore auf den kunsthistorischen Rundgang ein, der gleich nebenan mit dem Meister-Bertram-Altar beginnt, vor dem fast immer Menschentrauben stehen. „Ach wie schön dieses Blau ist“, sagt ein junger Mann, der sein Smartphone zückt, um den golden glänzenden Altar zu fotografieren, der vor der blauen Wandfarbe so gut wie wohl nie zuvor zur Wirkung kommt. Und auch im nächsten Raum staunen die Besucher über die Leuchtkraft, die die Tafeln des Meister-Francke-Altars vor der blauen Wand zu entfalten vermögen.

Für die meisten der „Premierenbesucher“ geht es an diesem Wochenende darum, alte Bekannte oder Lieblingswerke in der neuen Umgebung wiederzufinden. Rembrandts auf Eichenholz gemaltes Bild „Simeon und Hanna im Tempel“ von 1627 zum Beispiel, das frisch restauriert ist, oder die berühmte „Flora“ des Antwerpener Malers Massys, ein Meisterwerk des Manierismus. Aber es gibt auch viel Neues zu sehen, Bilder, die lange im Depot lagen oder auch kostbare Neuerwerbungen, wie das Bildnis einer „Jungen Dame mit Spiegel und Magd“ des Tizian-Schülers Paris Bordone, das erst 2015 mit Mitteln der Campeschen Historischen Kunststiftung erworben wurde.

Viele Besucher schlossen sich entweder den stündliche Führungen an, in denen es um die Modernisierung des Museums und die Höhepunkte der Sammlung ging, oder Rundgängen durch die einzelnen Sammlungsbereiche – von den Alten Meistern über das 19. Jahrhundert und die Klassische ­Moderne bis zur Kunst der Gegenwart.

Tänzer traten mit den Kunstwerken in einen Dialog

Von Zeit zu Zeit wurde es in den Sälen ziemlich eng, vor allem immer dann, wenn Tänzer mit den Kunstwerken in einen Dialog traten – und natürlich Platz dafür beanspruchten. „Mouvements“, hießen die „Interventionen“ des Bundesjugendballetts und der Hochschule für Musik und Theater, die eigens für das Eröffnungsfest choreographiert wurden.

Überhaupt gab es im neuen Werner-Otto-Saal am Sonnabend bis nach Mitternacht und am Sonntag bis 18 Uhr insgesamt fünf Konzerte, u. a. mit dem skandinavisch-spanischen Ensemble Hirundo Maris und dem britischen Singer-Songwriter Charlie Cunningham. Deutlich ruhiger als in der Lichtwark-Galerie, wie Gründungs- und Muschelkalk-Bau neuerdings heißen, ging es in der Galerie der Gegenwart zu, wo die Geta-Bratescu-Retrospektive oder das von der Koreanerin Haegue Yang bespielte neue Ausstellungsformat „Neuland“ noch darauf warten, in den nächsten Tagen richtig entdeckt zu werden. Denn dieses kostenlose Volksfest für die Kunst währt noch den ganzen Mai über.

„Ich bin glücklich, dass die Umgestaltung und Modernisierung der Kunsthalle so euphorisch angenommen worden ist“ sagte Direktor Hubertus Gaßner, der von „weit mehr als 20.000 Besuchern“ sprach, und resümierend hinzufügte: „Was kann es Schöneres geben, als etwas zu vollbringen, was einen selbst, aber auch alle ­anderen beglückt.“