Hamburger Museen

Smartphone-App soll Leben ins Museums bringen

Antje Schmidt (l.) und Silke Oldenburg sind am Museum für Kunst und Gewerbe zuständig für Digitalisierung

Antje Schmidt (l.) und Silke Oldenburg sind am Museum für Kunst und Gewerbe zuständig für Digitalisierung

Foto: Marcelo Hernandez

Das Museum für Kunst und Gewerbe macht per App seine Sammlung attraktiver und stellt Teile des Bestands digital zur Verfügung.

Den Feind, den man nicht besiegen kann, soll man umarmen: So empfahl es der Staatsphilosoph Machiavelli in seinem Buch „Der Fürst“. Gegen die flimmernden Unterhaltungswelten der digitalen Medien haben es tote Gegenstände in Museumsvitrinen immer schwerer, sie sehen im wahrsten Sinne des Wortes „alt aus“. Kreative Museumsleute sind folglich auf diesen noch neuen „Feind“ zugegangen und haben eine digitale Offensive gestartet. Wie die aussieht, ist jetzt auch in Hamburg zu erleben. Wer derzeit ins Museum für Kunst und Gewerbe geht, der kann etwa eine eher langweilige Strohgeige über eine App zum Leben erwecken: Eine Musikstudentin ist da zu sehen, die dem Besucher vorspielt, wie dieses alte Instrument klingt.

Rasant schreiten die Bestrebungen zur Digitalisierung in Hamburg voran. 2012 verabschiedete der Senat die „eCulture Agenda 2020“ und fasste klare Beschlüsse: „Alle Bürgerinnen und Bürger sollen digitalen Zugang zu den Kulturgütern unserer Stadt erhalten.“ Rund 60 Einzelprojekte wurden seitdem realisiert, bis Ende 2015 wurden sie aus dem IT-Globalfonds mit rund fünf Millionen Euro unterstützt. So ist die Kulturbehörde stetig dabei, ihre „Kulturpunkte“-App weiterzuentwickeln, über die Theater, Museen, Clubs oder Geschichtswerkstätten vorgestellt, Denkmäler erklärt oder Themen-Spaziergänge angeboten werden, künftig auch auf Englisch.

Auf efoto kann jeder die Informationen durch eigene Geschichten ergänzen

Ehrgeizig wird überdies daran gearbeitet, das größte gemeinsame Bildarchiv der Hansestadt zu errichten, das dann interaktiv erweitert werden soll: „efoto Hamburg“ wurde 2014 aus dem IT-Globalfonds mit 200.000 Euro gefördert, die erste Phase endet 2018. Theoretisch kann man über diese App künftig Informationen über Orte der Stadt, einzelne Gebäude und mehr abrufen, eingespeist werden Fotos und Informationen aus den Archiven des Hamburger Denkmalschutzamtes, der Behörde für Umwelt und Stadtentwicklung, des Staatsarchivs, der Museen, der Geschichtswerkstätten und der Polizei.

Besonders interessant wird das Ganze dadurch, dass jeder seine persönlichen Geschichten und Erinnerungen zu einem bestimmten Ort hier hineinschreiben, eigene Fotos hochladen kann. So wird Geschichtsschreibung und Dokumentation demokratischer, oft auch präziser und vielfältiger, eventuell aber auch beliebiger.

Der inzwischen verabschiedete Kulturstaatsrat Horst-Michael Pelikahn sagte bereits im vergangenen Jahr über die Digitalisierung: „Für die Kultureinrichtungen entstehen neue Möglichkeiten der Vermittlung ihrer Inhalte. Die Kulturinstitutionen unserer Stadt haben bereits sehr erfolgreich vielfältige Projekte umgesetzt. Dabei unterstützen wir sie.“

Die Museen haben also ihre Vermittlungsmöglichkeiten beträchtlich erweitert. Eine digitale Führung durch das Archäologische Museum in Harburg via kostenloser App ist zum Beispiel integriert in eine Comic-Geschichte. Die Fakten wurden unterhaltsam aufbereitet, die Helden Skrabbu und U.B.I. erklären die Vor- und Frühgeschichte Norddeutschlands. Für die jüngeren Nutzer wurde sogar ein Ausgrabungsspiel entwickelt, in dem auf der Suche nach alten Schätzen virtuell zum Spaten gegriffen wird.

„Akustisch-atmosphärische Erlebnistour“ wird möglich

Als erstes deutsches Museum stellt das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe (MKG) seit Oktober 2015 alle Sammlungsobjekte, bei denen es rechtlich zulässig ist, interessierten Nutzern digital zur Verfügung. Aktuell sind rund 4800 Werke online, von denen sich 4000 downloaden lassen, bis Ende 2016 werden es etwa 10.000 Werke sein, davon 8400 zum Herunterladen. Für dieses Engagement wurde das Haus gerade mit dem iF Design Award in der Kategorie Kommunikation ausgezeichnet.

Die Kunsthistorikerin Antje Schmidt, am MKG zuständig für die digitale Inventarisierung, nennt diese Form des Teilens demokratisch, denn die Objekte gehörten ja nicht dem Museum, sondern der Allgemeinheit. Zudem, sagt Schmidt, „fördert die Digitalisierung die wissenschaftliche Forschung. Wir haben sehr positives Feedback bekommen!“ Dennoch hat die große Freiheit ihre Grenzen, und die müssen intensiv diskutiert werden: „Nicht alles, was rechtlich möglich ist, muss man unbedingt online zeigen.“ Als Beispiel nennt sie kulturell sensible oder gewaltverherrlichende Inhalte.

Eine weitere große Chance besteht in den Augen von Antje Schmidt darin, Dinge, die im Museum getrennt aufbewahrt werden (auch solche, die aus konservatorischen Gründen nicht mehr ausgestellt werden dürfen), digital wieder zusammenzuführen, sei es im Internet oder in einer App. „Dafür ist die Digitalisierung ein Quantensprung.“

Ihre Kollegin Silke Oldenburg, Leiterin der Abteilung Marketing und Vermittlung am MKG, fasst den Begriff der Vermittlung von Museumsinhalten ebenfalls viel weiter, als dies klassisch der Fall ist; der Kreativität sind dabei keine Grenzen gesetzt. Ende Mai wird eine sogenannte iBeacon-Tour durch die zehn Epochenräume des Museums in Gang gesetzt.

Der Besucher braucht dafür eine App, die er sich auf sein Smartphone lädt und die dann über mobile Standortbestimmung funktioniert. Leihgeräte wird es auch geben. Eine „akustisch-atmosphärische Erlebnistour“ sei dann möglich, erklärt Silke Oldenburg.

„Wir kommen mit dem Besucher ins Gespräch“

Geht man etwa durch die nachgestellte ehemalige Kantine des Magazins „Der Spiegel“, so hört man über Smartphone-Kopfhörer Schauspieler, die die Magazin-Journalisten spielen, über die aktuelle Arbeit diskutieren und tratschen. Was sie eben so tun, wenn sie zusammen zum Mittagessen gehen.

Die Tour hat auch interaktive Elemente: Betritt man im Erdgeschoss einen Saal, der sich einst im vornehmen Hamburger Palais des jüdischen Ehepaars Henry und Emma Budge befand, so gerät man dort in die Geburtstagsfeier von Emma Budge im Jahr 1909 und erlebt ein Ständchen des Star-Tenors Enrico Caruso. Der Museumsbesucher kann sogar, möglich durch eine interaktive Fotomontage, ein Selfie mit Caruso machen.

Im Zuge der Chanel-Ausstellung war eine andere Idee entstanden: der Mode-Blog „Stilbrise.de“. Nie hätten sich die Organisatorinnen träumen lassen, was für ein sagenhafter Erfolg dieser Blog werden würde. Mittlerweile hat er schon mehr als 150.000 digitale Besucher gehabt, wurde Teil der „Fast Fashion“-Ausstellung im MKG, und naturgemäß diskutieren die Blogger darin auch ethische Fragen, die zum Beispiel mit dem eigenen Modekonsum zu tun haben.

„Solche Formate werden immer interessanter“, findet Silke Oldenburg, „weil der Besucher einbezogen wird und wir mit ihm ins Gespräch kommen. So findet das MKG nicht mehr nur in seinen vier Wänden statt, sondern auch außerhalb. Mit solchen Formaten regen wir zum gesellschaftlichen Diskurs an.“

Was es mit den still hinter Glas stehenden oder liegenden Musikinstrumente auf sich hat, erhellt eine weitere App des MKG, teilweise auch auf Bildschirmen neben den Objekten. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Musik und Theater und deren Musikstudenten wurden dafür kleine Filme gedreht. Die wunderschönen Tasteninstrumente im Schümann-Flügel wurden sogar mit kleinen Konzertfilmen bedacht: Junge Musiker in barocken Kostümen und Masken spielen auf den alten Hammerklavieren und Cembali jene Musik, die im 17. und 18. Jahrhundert für diese Instrumente komponiert wurde.

Museen weltweit digitalisieren ihre Bestände

Auch die Hamburger Kunsthalle holt auf: Ihr Kupferstichkabinett beherbergt mit seinen rund 130.000 Werken nach eigener Einschätzung eine der umfangreichsten Sammlungen in Europa. Jetzt stellt das Museum 15.000 Altmeisterzeichnungen und italienische Druckgrafiken online, verknüpft mit den vollständig dazu erfassten umfangreichen wissenschaftlichen Informationen. Das bedeutet: Druckgrafiken von Leonardo da Vinci, Raffael, Al­brecht Dürer oder Rembrandt sind nun erstmals und komplett digital zugänglich, jeder kann sich Informationen und Bilder herunterladen, sie beispielsweise für PowerPoint-Präsentationen, Bildung, Forschung oder andere kreative Arbeit nutzen.

Die Kunsthalle erreicht damit auch Menschen, die sich bisher nicht so sehr für ihre Inhalte interessierten. Und sie stärkt ihre Position innerhalb der internationalen Forschungsgemeinschaft, weil die Onlinestellung den wissenschaftlichen Austausch fördert. Kunsthallendirektor Hubertus Gaßner: „Viele Museen sind weltweit dabei, ihre Bestände zu digitalisieren. Qualitativ liegen wir in Deutschland noch weit hinter dem angloamerikanischen Raum, international war unser Vorbild das British Museum.“

16 Studenten arbeiten derzeit im Team von Projektleiter David Klemm: „Uns geht es zurzeit darum, bei der Onlinestellung der italienischen Zeichnungen den sehr hohen wissenschaftlichen Anspruch bei der Kommentierung hinüberzuretten und alles in Einklang zu bringen.“ Es gehe also nicht einzig um Masse, sondern mehr noch um inhaltliche Tiefe. Auch für Klemm hat die „Demokratisierung schwer zugänglichen Wissens durch die Digitalisierung,“ große Bedeutung. Und er glaubt: „Die Museen werden durch diese Initiativen einen außerordentlichen Schub bekommen.“