NDR

Paul Baskerville ist ein Dj mit Sendungsbewusstsein

Der britische
Radiomoderator
Paul Baskerville im
NDR-Studio

Der britische Radiomoderator Paul Baskerville im NDR-Studio

Foto: Marcelo Hernandez

Er besitzt mehr als 10.000 Schallplatten. Paul Baskerville, geboren in Manchester, moderiert seit gut 30 Jahren beim NDR.

Hamburg.  Der Plattenspieler im Studio ist wichtig. Obwohl jedes NDR-Studio alle digitalen Möglichkeiten besitzt, schleppt Paul Baskerville immer noch Vinylplatten ins Funkhaus an der Rothenbaumchaussee. Etwa 10.000 Scheiben besitzt der Moderator, die Bemusterung durch Plattenfirmen läuft inzwischen zu 60 Prozent digital. Baskerville, 1961 in Manchester geboren, gehört noch zur alten Schule von Radiomoderatoren, die das „schwarze Gold“ in ihren Sendungen benutzen, auch wenn es mal knistert und knackt.

„Musik heute zu besorgen geht schnell und einfach. Selbst unbekannte oder ganz junge Bands kann ich schnell über ihre Facebook-Seiten erreichen, und sie schicken mir dann Links zu ihrer Musik.“ Als Baskerville in den 80er-Jahren seine ersten Sendungen für den NDR machte, war das weitaus schwieriger. „Da bin ich dreimal pro Woche in Indie-Plattenläden wie Unterm Durchschnitt, Ruff Trade oder bei Zardoz gewesen. Mit Uli Rehberg, dem Besitzer von Unterm Durchschnitt, hatte ich einen Deal und durfte mir bei ihm Platten ausleihen. Er war nur immer sauer, dass oft die Haare meiner beiden Katzen an den Covern klebten“, erzählt er und lacht.

Baskerville ist beim NDR beinahe eine Legende

Baskerville spricht fehlerloses Deutsch, aber er hat diesen besonderen englischen Akzent und eine leichte melancholische Färbung in der Stimme, die seine Moderationen so unverwechselbar machen. Genauso, wie er im Radio über Musik plaudert, präsentiert er sich auch im Interview. Der 55-Jährige steckt voller Geschichten und Anekdoten, er weiß unendlich viel über Musik, hat Hunderte von Künstlern interviewt und Tausende Konzerte erlebt. Das macht ihn im NDR beinahe zu einer Legende – worüber er sich etwas wundert, denn er war niemals zur sogenannten Primetime morgens oder gegen 18 Uhr auf Sendung.

Baskerville ist jemand, der seinen Beruf immer noch mit Leidenschaft betreibt. „Ich verstehe mich als Radio-DJ“, sagt er. „Ich versuche meine Begeisterung für Musik weiterzugeben und dem Hörer spannende Informationen zu geben. Der Hörer darf keine Chance haben abzuschalten.“

Nach Hamburg kam er Anfang der 80er-Jahre, weil er hier ein paar lose Kontakte besaß. Eigentlich wollte er nach dem Abitur englische Literatur an der Universität von Kent studieren, doch dazu kam es nie. Baskerville blieb in Hamburg hängen, arbeitete zuerst als Plattenpromoter für den Musikverlag Francis, Day & Hunter in Pöseldorf und lernte verschiedene Radioredakteure kennen. Dazu gehörte auch Klaus Wellershaus vom NDR, der damals als Redakteur die Sendung „Musik für junge Leute“ verantwortete. Wellershaus gab Baskerville die Möglichkeit, regelmäßig im Radio zu senden. „Mir haben ein paar Leute gesagt, dass unsere Stimmen eine gewisse Ähnlichkeit hätten. Vielleicht bin ich eine ‚Working-Class‘-Ausgabe von ihm“, erinnert er sich an seinen Mentor.

Geprägt worden ist Baskerville auch von dem legendären britischen Radio-DJ John Peel. „Seine unaufgeregte Art war großartig. Oft waren seine Moderationen besser als die Musik, die er aufgelegt hat. Aber wenn du jeden Tag eine Sendung machen musst, spielst du zwangsläufig auch Schrott, weil du gar nicht alles genau vorhören kannst.“

Wenn Baskerville seine wöchentliche Zweistundensendung vorbereitet, kann er das mit der nötigen Sorgfalt tun, um ein abwechslungsreiches Programm zu präsentieren. „Ich bin immer noch ein großer Fan von Debütplatten“, sagt er. „Und ich suche dabei nach einem jungfräulichen Gefühl. Junge Bands haben es schwer, noch besonders originell zu sein. Aber wenn ich ihre Entschlossenheit spüre, mag ich das. Sans Parade aus Finnland und Pins aus Manchester sind zwei solcher Bands, die mir im vergangenen Jahr aufgefallen sind.“

Die erste Lieblingsband des Moderators war The Who

An seine erste Lieblingsband erinnert er sich auch noch genau. Das war The Who. „Ich habe sie 1973 im Fernsehen in ‚Top Of The Pops‘ gesehen. Sie spielte damals den Song ,5:15‘ vom Album ,Quadrophenia‘. Und Pete Town­shend sang die Zeile: ,Why should I care?‘ Das hat mich total begeistert. The Who war bodenständig, Arbeiterklasse und ,in your face‘. Verstehst du?“

Da ist sie wieder, die Begeisterung des Paul Baskerville, der stundenlang Konzerterlebnisse wiedergeben und sich pointiert darüber auslassen kann, warum ihn Joy Division nicht interessiert hat und weshalb ihm Heldenverehrung schwerfällt: „Wenn die Stone Roses auf deine Schule gehen, ist es schwer, sie als Idole anzusehen.“

Popmusik ist heute auf vielfältigen Wegen sehr einfach zu bekommen. Streaming-Dienste liefern über das Internet Millionen von Songtiteln blitzschnell. Um die Zukunft des Radios macht Baskerville sich wenig Sorgen. „Vor 20 Jahren hätten wir pessimistischer sein müssen. Unsere Art, Radio zu machen, begegnet der Konkurrenz durch Internet und Streamingdienste mit Enthusiasmus. Es existiert bei den Hörern ein Bedürfnis, Sendungen zu hören, in denen der Moderator eine persönliche Beziehung zu der Musik hat, die er spielt. Unsere Hörer wollen Herzblut und Leidenschaft. Die geben wir ihnen. Im NDR werden wir dafür geschätzt.“

Paul Baskerville ist jeden Sonntag zwischen 0 und 2 Uhr (Nacht zu Sonntag) im „Nachtclub“ auf NDR Info zu hören. Auf der Website www.paul-baskerville.de finden sich weitere Infos und ein Archiv mit Sendeprotokollen