Zeichnungen

Zarte Bilder für den Autor Wolfgang Borchert

Zarte Pastelltöne dominieren die Illustrationen von Birgit Schössow

Zarte Pastelltöne dominieren die Illustrationen von Birgit Schössow

Foto: Birgit Schössow

Birgit Schössow hat eine Kurzgeschichte des Autors mit wunderbar pastelligen, sommerleichten Zeichnungen versehen.

Hamburg.  Das zutiefst Menschliche habe sie an dieser Geschichte fasziniert und – ja – sehr gerührt, erzählt Birgit Schössow und schaut dabei sehr freundlich. Ihre weißen Locken tanzen kurz, als sie sich zum Kellner umdreht, der im Café Piccoli Pasti mit reichlich italienischem Charme den Latte macchiato serviert. Seit ihrem jüngsten Buchprojekt ist die Illustratorin in gewisser Weise Expertin für das, was heute Servicepersonal heißt und früher schlicht Bedienung genannt wurde. Die Zeichnerin, die wechselnd in Hamburg sowie im schleswig-holsteinischen Bistensee lebt, hat Wolfgang Borcherts Kurzgeschichte „Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels“ mit wunderbar pastelligen, sommerleichten Bildern versehen.

Die Handlung spielt in einem Gartenlokal an einem sonnigen Nachmittag, als der kleine Wolfgang gemeinsam mit seinem Onkel und seiner Mutter einen Ausflug macht. Die Menschen schwitzen, das Elbpanorama liegt wie ausgeblichen im Hintergrund. Als der Onkel die Bestellung aufgibt, stellt sich heraus, dass er ebenso einen Sprachfehler besitzt wie der Kellner. „Immer wenn in einem Wort so ein harter s-Laut auftauchte, dann machte er ein weiches feuchtwässriges sch daraus“, schildert dies der Autor aus der Perspektive seines kindlichen Alter Egos. Der Kellner glaubt zunächst, der Gast wolle sich über seine Schwäche lustig machen, bis er erkennt, dass beide das gleiche Los teilen. Der Beginn einer Freundschaft.

Bereits viermal durfte Birgit Schössow die Titelseite des „New Yorker“ zeichnen

„Da sind zwei Menschen mit dem gleichen Schicksal, die aber ganz unterschiedlich damit umgehen. Die Begegnung ist für beide fast wie eine Therapiesitzung“, sagt Schössow, nippt an ihrem Kaffee und lacht. Die Illustratorin ist eine, die gerne ausprobiert, entwirft, auch verschiedene Stile testet. Unter anderem gehört sie zum Pool jener renommierten Zeichner, die regelmäßig Vorschläge für das Cover des Magazins „New Yorker“ einreichen. Bereits viermal waren ihre Werke auf dem Titel der legendären Zeitschrift zu sehen. Auch in Deutschland ist ihre Strichkunst bei Printmedien gefragt. Und mit „Dunkelgrün wie das Meer“ erscheint dieser Tage beim dtv-Verlag zudem ein Buch, in dem sie eine Kindergeschichte der Autorin Ute Wegmann optisch zum Leben erweckt.

Den „Schischyphusch“ zu gestalten, war Birgit Schössow ein Herzensanliegen, für das sie mit dem Hamburger Verlag Hoffman und Campe einen Partner gefunden hat, der ihr sehr viel gestalterische Freiheit ließ. Für die Figur des Onkels etwa hat sie sich von der mächtigen Statur des Schauspielers Heinrich George inspirieren lassen. Ein Eindruck, den der Text deckt.

Es ist beeindruckend, wie Borchert mit wenigen hingeworfenen Worten die sozialen, charakterlichen und körperlichen Unterschiede zwischen seinen Figuren darstellt. „Zigarettenfingrig, servil, steril, glatt, gut gekämmt, blaurasiert, gelbgeärgert, mit leerer Hose hinten und dicken Taschen an der Seite, schiefen Absätzen und chronisch verschwitztem Kragen – der kleine Kellner. Und mein Onkel? Ach, mein Onkel! Breit, braun, brummend, baßkehlig, laut, lachend, lebendig, reich, riesig, ruhig, sicher, satt, saftig – mein Onkel!“, schildert Borchert, am 20. Mai 1921 in Hamburg geboren, diese frühe Erinnerung.

„Ich lese auch wahnsinnig gerne amerikanische Autoren. Und wie Borchert da auch das Schräge der Personen so liebevoll beobachtet, das hat mich an Truman Capote erinnert“, erzählt Schössow. Groß ist die Versuchung, bei solch exzentrischen Charakteren zeichnerisch ins Karikierende zu verfallen. Doch Schössow hat sich absichtlich zurückgenommen, weil „die Geschichte so einfach und ehrlich“ sei. Nahbare Studien hat sie geschaffen, die nicht nur die Ereignisse am borchertschen Tisch zeigen, sondern auch feine Skizzen weiterer Ausflügler: Ein Mann hat sich in der Hitze die Krawatte gelöst. Eine Mutter beruhigt ihr Kind. Drei Typen spielen Karten. So eröffnen die Zeichnungen eine weitere Erzählebene auf der Schnittstelle von Kinderbuch und Graphic Novel.

Das hochsommerliche Treiben flirrt aus jeder Seite heraus. Zart durchzieht die Bilder zudem das Zeitkolorit der 1920er-Jahre. Die Mode, die Zigarren, der Asbach. Ein wunderschönes Blätterbuch für alle Generationen. Und eine kleine Erinnerung an das allzu Menschliche in uns.

Wolfgang Borchert/Birgit Schössow: „Schischyphusch oder Der Kellner meines Onkels“
Hoffmann und Campe, 64 Seiten, 20 Euro