Bucerius Kunst Forum

Hamburgs neuer Kaiser für die Kunst

Franz Wilhelm
Kaiser ist
zurzeit noch
Ausstellungsdirektor
im
Gemeentemuseum
Den Haag.
Am 1. Juni wird er
Direktor des
Bucerius Kunst
Forums am
Rathausmarkt

Franz Wilhelm Kaiser ist zurzeit noch Ausstellungsdirektor im Gemeentemuseum Den Haag. Am 1. Juni wird er Direktor des Bucerius Kunst Forums am Rathausmarkt

Foto: Lukas Schulze / dpa

Der Chef des Bucerius Kunst Forums kommt aus Den Haag, von einem der größten Museen in den Niederlanden.

Hamburg.  Das Bucerius Kunst Forum bekommt einen neuen Chef: Am 1. Juni übernimmt Franz Wilhelm Kaiser die Nachfolge von Ortrud Westheider, die die Ausstellungshalle am Rathausmarkt von 2006 an geleitet hatte und als Direktorin an das ­Museum Barberini in Potsdam wechselt.

Franz Wilhelm Kaiser, Jahrgang 1957, stammt aus dem Rheinland und hat in Kassel neben Kunstgeschichte Erziehungswissenschaften studiert, 1982 begann seine berufliche Tätigkeit bei der „Documenta 7“. Dort war er für den Bereich der Ausstellungsdidaktik zuständig. Nach Aufgaben u. a. an Museen in Eindhoven, Paris, Lyon und Grenoble übernahm er 1989 die Stelle des Ausstellungsdirektors am Gemeentemuseum Den Haag, wo er bis heute tätig ist. Das Gemeentemuseum gehört zu den größten Kulturinstitutionen der Niederlande, 2015 hatte es 700.000 Besucher. Als Kurator hat Kaiser sich international einen Namen gemacht, u. a. mit Ausstellungen wie „Kunst und Religion in Russland“ (2003), „Cézanne – Picasso – Mondrian“ (2009), „Kandinsky und der Blaue Reiter“ (2010), „Markus Lüpertz – im göttlichen Licht“ (2011) „Gustave Caillebotte – ein Impressionist und die Fotografie“(2013), „Mark Rothko“ (2014) und der Retrospektive, die er Karel Appel, dem international wahrscheinlich bekanntesten niederländischen Künstler des späten 20. Jahrhunderts, gewidmet hat und die noch bis zum 16. Mai im Gemeentemuseum gezeigt wird. Wir fragten den designierten Direktor des Bucerius Kunst Forums:

Hamburger Abendblatt: In Den Haag hatten Sie eine große und bedeutende Sammlung, das Bucerius Kunst Forum ist ­dagegen ein reines Ausstellungshaus. Wird Ihnen künftig nicht etwas fehlen?

Franz Wilhelm Kaiser: Das glaube ich nicht. Ich bin ja auch in Den Haag Ausstellungsdirektor. Ausstellungsmachen ist ein Denkprozess. Mich interessiert vor allem, Kunst zusammenzubringen und die Besucher damit anzuregen, selbst nachzudenken. Als Ausstellungsmacher liegt es mir nahe, projektbezogen zu arbeiten. Und genau das werde ich in Hamburg künftig tun können.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit den Hamburger Kunstmuseen vor?

Kaiser: Es ist wichtig, dass wir uns keine Konkurrenz machen, sondern uns vielmehr absprechen und unterstützen. Mir geht es um ein harmonisches und konstruktives Miteinander.

Sie haben in Den Haag auch große ­Retrospektiven zeigen können, was hier schon aus Platzgründen nicht möglich ist. Ortrud Westheider hat das Konzept des „konzentrierten Blicks“ entwickelt. Wollen Sie das weiterführen?

Kaiser: Das entspricht ziemlich genau meinen Vorstellungen. Für mich ist vor allem wichtig, dass eine Ausstellung einen Fokus hat, möglichst einen außergewöhnlichen Fokus. Ich möchte dem Besucher einen Anhaltspunkt geben, an dem er sich festhalten kann und der ihm die Möglichkeit bietet, etwas Neues zu entdecken.

Wann waren Sie das erste Mal hier im Haus?

Kaiser: Da das Gemeentemuseum einen bedeutenden Mondrian-Bestand hat, war ich 2014 bei der Mondrian-Ausstellung Ortrud Westheiders Ansprechpartner. Ich habe am Symposium und am Katalog mitgewirkt und bin auch zur Eröffnung gekommen. Obwohl ich mir damals sicher noch nicht vorstellen konnte, hier zu arbeiten, habe ich verstanden, dass das Bucerius Kunst Forum einen Typus von Ausstellungen macht, der auch meinen Vorstellungen entspricht. Eigentlich ist mir diese Stelle auf den Leib geschrieben.

Bisher bestimmen Epochen der Kunst­geschichte, Klassische Moderne, archäologische Themen und nur selten Gegenwartskunst das Profil des Bucerius Kunst Forums. Wird es dabei bleiben, oder wollen Sie neue Akzente setzen?

Kaiser: Das kann schon sein, obwohl ich Überschneidungen mit anderen Hamburger Häuser vermeiden werde. Ich habe in Frankreich im Bereich der zeitgenössischen Kunst gearbeitet, sehe aber kritisch, dass sich seit den 1990er-Jahren die Bedeutung des Kunstwerks immer mehr auf den Geldwert reduziert und der intellektuelle, ästhetische und emotionale Inhalt oft nachrangig wird.

Sie sehen den Kunstmarkt kritisch?

Kaiser: Für mich ist der Kunstmarkt ein wesentlicher Faktor in der Vermittlung. Aber gerade in der globalisierten Welt gibt es eine ungute Fokussierung auf das Geld.

Das hat Ihre Sicht auf die aktuelle Kunst verändert?

Kaiser: Ja, einerseits habe ich meinen Fokus erweitert, zum Beispiel auf die Klassische Moderne, andererseits sehe ich die heutige Szene durchaus kritisch.

Also doch nicht mehr zeitgenössische Kunst am Rathausmarkt?

Kaiser: Ich kann mir durchaus vorstellen, mehr ­aktuelle Kunst zu zeigen, doch muss diese auch in der historischen Perspektive verankert sein. Für Ausstellungen mit einem solchen Ansatz ist das Bucerius Kunst Forum sicher ein idealer Ort.