Kunstausstellung

„Picasso. Fenster zur Welt“ im Bucerius Kunst Forum

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Matthias Gretzschel
Die Gemälde "Liegend mit Buch" (l-r), "Frau im Innenraum" und "Frau am Fenster sitzend, Marie Therese" von dem spanischen Maler Pablo Picasso im Bucerius Kunst Forum

Die Gemälde "Liegend mit Buch" (l-r), "Frau im Innenraum" und "Frau am Fenster sitzend, Marie Therese" von dem spanischen Maler Pablo Picasso im Bucerius Kunst Forum

Foto: Lukas Schulze / dpa

Die neue Schau im Bucerius Kunst Forum in Hamburg konzentriert sich auf ein zentrales Motiv im Werk des Jahrhundertkünstlers.

Hamburg.  „Picasso und die Mythen“ hieß die Ausstellung, mit der das Bucerius Kunst Forum im Herbst 2002 am Rathausmarkt eröffnet wurde. Schon damals war Ortrud Westheider dort Kuratorin, vier Jahre später übernahm sie die künstlerische Leitung der Ausstellungshalle der „Zeit“-Stiftung, der sie mit zahlreichen Projekten von Beckmann über Frida Kahlo und Turner bis hin zu Mondrian ihren Stempel aufgedrückt hat. Statt auf große Retrospektiven, die schon aus räumlichen Gründen nicht möglich gewesen wären, setzte sie stets auf eine neue und außergewöhnliche Fragestellung, die oft ein völlig unerwartetes Licht auf das Werk bedeutender Künstler geworfen hat. Dem Konzept des „konzentrierten Blicks“ ist Westheider, die im April als Leiterin ans Museum Barberini nach Potsdam wechselt, auch mit ihrer letzten Hamburger Ausstellung treu geblieben. Wieder ist sie Picasso gewidmet.

Das Motiv des Fensters prägt Picassos’s Gemälde immer wieder

„Picasso. Fenster zur Welt“ heißt die Schau mit 40 Arbeiten aus allen Schaffensperioden des Künstlers. Die Leihgaben stammen u. a. aus Barcelona, Paris, London, New York und Jerusalem. Die Anregung, sich genauer mit dem Fenster als zentralem Motiv in Picassos Werk zu beschäftigen, kam von der Berliner Malerin Esther Horn, mit der Ortrud Westheider seit Langem in regem Austausch steht. Bei einem Besuch im Museu Picasso in Barcelona war Horn aufgefallen, dass sich das Gemälde „Interieur“, das Picasso im Jahr 1900 gemalt hatte, wie ein Vexierbild betrachten lässt: Das Fenster, das hier den Blick aus einem dunklen Raum eröffnet, kann man nämlich auch als die Rückseite einer auf einen Keilrahmen gespannten Leinwand sehen.

Schon für den jungen Picasso war das Fenster kein beiläufiges Motiv, es wurde vielmehr zum Ausgangspunkt eines kunsttheoretischen Diskurses, bei dem es ihm um das Verhältnis von Innen und Außen, von Dunkelheit und Licht, Bild und Wirklichkeit, aber auch von Malerei und Plastik ging. Dabei wurde schnell deutlich, dass sich das Fenstermotiv durch alle Werkphasen hindurchzieht. Immer wieder hat Picasso es aufgegriffen, vor allen in Situationen, in denen er sich neu orientiert, sein Leben und seinen Stil verändert hat. Auch wenn es manche Bildmotive im Œuvre des Jahrhundertmalers gibt, die – wie etwa die Taube oder der Stier – im allgemeinen Bewusstsein präsenter sind, erweist sich das Fenster als Kontinuum, das in ganz unterschiedlichen Ausprägungen vom Früh- bis zum Spätwerk präsent ist, stets als Ausdruck einer intensiven künstlerischer Selbstreflexion. „Es muss überall Dunkelheit sein, außer auf der Leinwand, damit der Maler von seinem eigenen Werk hypnotisiert wird und fast wie in Trance malt“, hat Picasso in einem Gespräch gesagt. Da auch die beiden Ausstellungsräume in dunklen Farben gehalten sind, kommen die Bilder, die Licht einfangen und Ausblicke eröffnen, besonders gut zur Geltung. Ortrud Westheider hat die Ausstellung, die im oberen Stockwerk beginnt, in insgesamt acht Themen gegliedert, die zugleich eine Chronologie ergeben.

Bis Mitte Mai ist die Austellung im Kunstforum zu sehen

Am Anfang steht das erwähnte „Interieur“ von 1900 für das Frühwerk, in dem sich Picasso von der akademischen Tradition löste und Bilder malte, die wie Studien anmuten. Nach der Abkehr vom Kubismus beschäftigte er sich ab 1919 erneut mit dem Motiv, das er nun in seiner Beziehung zum jeweiligen Raum auffasste. Mitte der 1930er-Jahre setzte Picasso dann seine jeweilige Lebensgefährtin in Beziehung zum Atelierfenster, indem er sie in ihrer Rolle als Muse darstellte.

Schon in den 1920er-Jahren tauchte das Fenstermotiv in Stillleben auf, deren griechisch anmutende Gipsbüsten Picassos stärkere Hinwendung zur Kunst der Antike belegen. Düsterer werden diese Stillleben in den Kriegsjahren, in denen der Maler, während Paris von der deutschen Wehrmacht besetzt war, auf sein Atelier als Rückzugsort verwiesen blieb. Sogar noch auf dem schon nach der Befreiung 1945 entstandenen Bild „Stillleben mit Totenschädel, Lauch und Krug“, auf dem nur der zum Öffnen dienende Knauf noch auf das Fenster verweist, tauchen Schädel und Knochen als düstere Vanitassymbole auf. In den 1950er-Jahren stellte Picasso das Fenster schließlich einerseits stärker in Bezug zu seinem eigenen skulpturalen Schaffen, wies ihm jedoch zugleich seine Funktion als Lichtquelle zu, die den Raum in Hell und Dunkel kontrastiert. Dass auch Außenstehende erkannt haben, wie wichtig das Motiv für Picasso lebenslang gewesen ist, belegen etwa 50 entsprechende Porträts, die von Fotografen wie Herbert List, Robert Doisneau oder Edward Quinn stammen.

Picasso. Fenster zur Welt. 6.2. – 16.5., Bucerius Kunst Forum, Rathausmarkt 2, tgl. 11.00 – 19.00, do bis 21.00, Eintritt 8,-, erm. 5,-, Katalog 29,-

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