Laeiszhalle

Eine beglückende, eine nuancierte Klangwelt

Pianist Jan Lisiecki 2015 bei einem
Konzert in Bologna

Pianist Jan Lisiecki 2015 bei einem Konzert in Bologna

Foto: Getty Images

Der junge kanadische Pianist Jan Lisiecki spielte mit dem Zürcher Kammerorchester. Das Konzert bestand quasi nur aus Mozart.

Hamburg.  Es dauert. So lange, dass der Hörer beinahe fürchtet, bald keine Luft mehr zu bekommen. Dabei sind es mutmaßlich nur ein paar zusätzliche Zehntelsekunden, die sich der Pianist Jan Lisiecki gestattet, bis er den ersten beiden Tönen mit einem weichen Akkord in der Bassstimme antwortet. Aber in dieser winzigen Dehnung des Zeitmaßes liegt eine Aussage: Ein Künstler von nicht einmal 21 Jahren deutet Schumanns „Träumerei“ auf seine Weise, mit einem schier unglaublichen Maß an Freiheit.

Die „Träumerei“ ist – nur? – die illustre Zugabe an diesem Abend in der Laeiszhalle. Drei Stücke spielt Lisiecki und verleiht jedem ein anderes Gesicht. Bei Mozarts Klavierkonzert C-Dur KV 467 fällt auf, wie kristallin der junge Kanadier die Linien zeichnet, mit einem erstaunlich hellen Klang, straff im Duktus, vielleicht zu straff: Beinahe wirkt es, als könnte er das gar nicht, durchentspannen. Sein Spiel ist Intellekt, Proportion, Feingefühl, zauberhafte Kommunikation mit dem Orchester, nur bei sich selbst scheint er noch nicht angekommen zu sein.

Wie anders im Konzert d-Moll KV 466! Das kann seit Milos Formans Filmepos „Amadeus“ jeder, der überhaupt je den Fuß in einen Konzertsaal setzt, mutmaßlich mitsingen. Doch wie Lisiecki es gestaltet, klingt es wie gerade erst komponiert. Lisiecki schaut in Abgründe, gibt sich der Liedhaftigkeit des langsamen Satzes hin und versenkt sich tief in die Gedankenwelt der Kadenzen. Und das Publikum geht mit, mäuschenstill und aufmerksam.

Zu dem beglückenden Miteinander zwischen Bühne und Auditorium trägt das Zürcher Kammerorchester entscheidend bei. Der Geiger Willi Zimmermann leitet den Abend vom ersten Pult aus und lotst seine Kollegen mit wenigen Gesten durch eine Klangwelt, wie man sie sich feiner, nuancierter nicht wünschen könnte. Der einleitende Marsch klingt kein bisschen nach Springerstiefeln, sondern kokett nach Schühchen mit Bändern und Absätzen. Mozart eben.

Schon wieder? Ja, das Konzert besteht quasi nur aus Mozart. Auch Schuberts Fünfte klingt wie eine späte Schwester zu Mozarts Sinfonien, zumal wenn man sie so stilgerecht und lebendig musiziert. Die Streicher formen den Klang perfekt homogen, und die Bläser finden eine wunderbare Balance zwischen persönlichem Ausdruck und Ensemblespiel. Ganz selten schwankt das Intonationsgefüge ganz leicht.

Egal. Darauf kommt es nicht an. Was die Schweizer hier vorführen, ist State of the Art für ein Kammerorchester. Bravo.