Altonaer Theater

"Jenseits von Eden": Nie war der Untergang so schön

Adam Trask
(Markus Frank)
sucht seine Frau
Cathy (Nadine
Nollau), die ihn mit
den Söhnen verließ
und findet sie als
Bordellchefin
wieder

Foto: Markus Scholz / dpa

Adam Trask (Markus Frank) sucht seine Frau Cathy (Nadine Nollau), die ihn mit den Söhnen verließ und findet sie als Bordellchefin wieder

Harald Weiler gelingt eine kluge und zugespitzte Version von John Steinbecks "Jenseits von Eden" im Altonaer Theater.

Hamburg.  Anstelle des üblichen roten Samts erstreckt sich eine gigantische Flagge Amerikas über die gesamte Bühnenbreite des Altonaer Theaters. Als sie sich hebt, liegt das Drama der Keimzelle der Vereinigten Staaten vor uns: die Familie. Eine besonders dysfunktionale ist es, die der Autor John Steinbeck uns vor Augen führt. In "Jenseits von Eden" ist das Paradies ganz weit weg: Ein verhärteter Vater, von der dämonischen Mutter verlassene Kinder, ein Kampf zwischen dem braven Sohn und dem ungeliebten Rebell und die Gier nach Erfolg. Noch nie sah der Untergang so klar und schön aus, wie bei Regisseur Harald Weiler. Ihm gelingt die Mammutaufgabe, die Familiensaga mit Situationsgespür und einem konzentriert aufspielenden Ensemble in einen großen Theaterabend zu verwandeln.

Vor Tizians schon auf den indirekten Brudermord verweisenden Gemälde "Kain und Abel" gruppiert Ausstatter Lars Peter Insignien des amerikanischen Mythos: ein Erdhügel, der mal Scheiterhaufen, mal Farmland, mal Schmerzenshügel sein wird, ein Tisch, ein Kreuz und ein paar Sitzmöbel. Auch die dezenten Kostüme zitieren die Historie gekonnt. Sie verordnen das Geschehen im Amerika bis zur Zeit des Ersten Weltkrieges und dennoch gehen uns diese Cowboys spürbar an.

Anders als Elia Kazans Verfilmung, die nur die beiden letzten Buchteile umsetzte, konzentriert sich Weilers Inszenierung wie auch die Textfassung von Ulrike Syha stärker auf die bei Steinbeck zentrale Geschichte des Vaters Adam Trask. Markus Frank gibt ihm einen sensiblen, ernsthaften Charme. Er ist der geliebte Sohn seines ungeliebten Vaters, dem der andere, Charles, egal ist. Auch Adam wird seine eigenen Söhne einmal ungleich behandeln. Der Militärdienst hinterlässt Spuren auf seiner feinfühligen Seele.

Und so merkt er nicht, dass die eines Tages halb tot vor der Tür seiner und seines Bruders Charles' Farm liegende Cathy eine durch und durch bösartige Person ist. Nadine Nollau führt die schwierige, undankbare Rolle mit Würde aus. Sie ist der Giftpfeil in dieser Erzählung. Sie nutzt Adams Gutmütigkeit aus, heiratet ihn, nimmt ihn aus, weist ihn ab und schenkt ihm dann die Zwillinge Aron (Andreas Heßling) und Caleb (Timon Ballenberger), um sich fortan in einem Puff zu verdingen. Da ist Adam schon innerlich abgestorben, wie ein verdorrter Wüstenbaum.

Die ohnehin verschlankte Stückfassung hat Harald Weiler noch einmal eingekocht, Nebenfiguren, Epilog, auch ganze Ereignisse sind verschwunden. Zurück bleibt ein Kondensat an Text, durch das der Regisseur die bis in die Nebenrollen präzisen und überzeugenden Darsteller mit sicherer Hand geleitet. Jacques Ulrich glänzt darin etwa als chinesischer Diener Lee, der zum Vaterersatz für die Zwillinge wird. Jonas Anders erobert sich gar Szenenapplaus, als er furios zwischen Hilfssheriff Julius Euskadi, aber auch unter anderem dem Richter, dem Arzt und einem Barkeeper hin und her wechselt und dabei jeweils sichtbar vom Bühnenrand in seine Rolle hineintritt. Ein gelungener Effekt in einer ansonsten durchweg realistischen Inszenierung. Immerhin schafft es auch eine Episode um Samuel Hamiltons Familie, die ebenfalls das Salinas-Tal bewohnt, in den Abend.

Die Kürzungen ermöglichen eine Geradlinigkeit und Klarheit, die dem Stoff guttut. Und ihn vor dem Abrutschen in Pathos und die drohenden Untiefen des Kitsches gerade beim Vater-Sohn-Thema bewahrt. Umgekehrt bleibt dabei manche Emotion und Psychologie der Figuren notwendig auf der Strecke. Und so sind es häufig die Leerstellen, das Schweigen, aber eben auch die handgreiflichen oder humorvollen Momente, die wundervoll atmosphärischen live von Sascha Rotermund und Jonas Anders gesungenen Folklieder und Popadaptionen etwa von "Mad World", die Gitarren- und Mundharmonikaklänge, die für die humane Note sorgen. Am Ende wird Cal wie der biblische Kain das Leben seines Bruders Aaron zerstören, indem er dafür sorgt, dass der Priesteranwärter nach dem Schock der Mutterbegegnung, einer Mutter, die er für tot hielt, freiwillig in den Krieg zieht. "Bin ich der Hüter meines Bruders?", fragt Cal.

Der Abend endet noch vor dem Schlaganfall Adams und vor der Versöhnung mit Caleb. Die amerikanische Flagge fällt zu Boden. Die Kriegshandlungen weisen voraus auf viele weitere unheilvolle Engagements der USA in Vietnam, Irak, Afghanistan mit den bis heute spürbaren Folgen. "Die Menschen sind verstrickt – mit ihrem Leben und Denken, ihrem Hungern und Streben, ihrer Habgier und Grausamkeit, aber auch mit ihrer Güte und ihrem Großmut – in ein Netz von Gut und Böse. Meines Erachtens ist das die einzige Geschichte, die wir haben", sagt Sheriff Horace Quinn an einer Stelle. Darin liegt die ganze Essenz dieses allumfassenden Stücks, das gerade in seinen schwarz-weißen Charakteren das Allzumenschliche in seinem Sehnen und seinem Unvermögen umso schärfer verdeutlicht.

Unbedingt sehenswert.

"Jenseits von Eden" Vorstellungen bis 20.2., Altonaer Theater, Museumstraße 17, Karten zu 16,- bis 32,- unter T. 39 90 58 70 ; www.altonaer-theater.de

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