Fernsehen

RTL-Agentenserie "Deutschland 83" – Quote enttäuscht

International gefeiert,
hierzulande nur
mäßig erfolgreich:
die Agentenserie
„Deutschland 83“
mit Jonas Nay

Foto: RTL / Robert Grischek

International gefeiert, hierzulande nur mäßig erfolgreich: die Agentenserie „Deutschland 83“ mit Jonas Nay

Die Serie stößt beim Zuschauer auf immer weniger Interesse, verlor mehr als eine Million Zuschauer innerhalb einer Woche.

Liegt es an der Geschichte? Am Sendeplatz? Oder am Ende an den Zuschauern? Die Vorzeigeserie "Deutschland 83" kämpft (nach ohnehin schon schwachem Start) mit sinkenden Quoten. Die achtteilige Agentenserie, die sich vor Kritikerlob kaum retten konnte, verlor mehr als eine Million Zuschauer innerhalb einer Woche. Der Marktanteil sank in der werberelevanten Zielgruppe auf weniger als zehn Prozent. Die Produzenten sind ratlos, die Verantwortlichen beim Privatsender RTL vermutlich entsetzt.

In ungewohnt offener Form wandten sich die Macher der Produktionsfirma UFA Fiction am Dienstag via Facebook an die Seriengucker: "Liebe Serienfans, es ist kein Geheimnis, dass uns ,Deutschland 83' besonders am Herzen liegt. Wir sind von der Serie überzeugt. Die bisherigen Reaktionen haben gezeigt, dass wir damit nicht alleine stehen. Die Serie trifft weltweit einen Nerv, wagt es aber auch zu polarisieren, so wie es gute, moderne Serien tun sollten. Nichtsdestotrotz befinden sich die Quoten auf Talfahrt. Eine Million Zuschauer verloren innerhalb einer Woche scheinbar das Interesse, und natürlich sucht man die Gründe gerade als Produzent als Erstes bei sich selbst. Was lief schief?"

Dass es auf diese Frage natürlich nicht DIE eine gültige Antwort gibt, zeigen auch die mehr als 150 Kommentare, die sich größtenteils recht ernsthaft mit "Deutschland 83" auseinandersetzen. Dass RTL der falsche Sendepartner für eine historische Qualitätsserie ist, diese Meinung teilen viele Zuschauer: "RTL als Sendepartner einer anspruchsvollen Serie? Mit gefühlt 50 Prozent Werbung dazwischen? Dann wechsle ich lieber zu Inhalten bei Netflix oder auf DVD", schreibt ein Zuschauer. Ein anderer findet: "Top Serie!! Für mich eine der besten der letzten Jahre! Aber definitiv auf dem falschen Sender! Sie sollte im ZDF oder ARD ausgestrahlt werden."

Gut möglich, dass das Agentendrama im Ersten besser aufgehoben wäre. Schließlich beweist die Serie "Weissensee" des Hamburger Regisseurs Friedemann Fromm, dass das Publikum großes Interesse zeigt an komplexen Geschichten vor geschichtlichem Hintergrund. Die dritte "Weissensee"-Staffel lief im September mit großem Erfolg. Vor rund fünf Jahren allerdings entpuppte sich Dominiks Grafs von der Kritik enthusiastisch gefeiertes Krimi-Epos "Im Angesichts des Verbrechens" in der ARD als Quotenflopp, der schließlich kurz vor Mitternacht versendet wurde. Die Öffentlich-Rechtlichen sind also keine automatisch sichere Senderbank – ein höheres Ansehen beim Zuschauer, wenn es um fiktionale Qualität geht, genießen die gebührenpflichtigen Sender jedoch ohne Zweifel. RTL ist bunte Unterhaltung, gut gemachter Trash, amtliches Actionspektakel. Wobei es natürlich eine traurige Nachricht wäre, wenn sich der wichtigste deutsche Privatsender komplett aus der anspruchsvollen Fiktion verabschieden würde.

Außerdem beweist der Schwestersender Vox in diesen Wochen mit der Eigenproduktion "Der Club der roten Bänder" um krebskranke Jugendliche, dass die Zuschauer in Scharen einschalten, wenn eine Serie einen Nerv trifft. Die letzte "Club der roten Bänder"-Folge war die erfolgreichste der gesamten Staffel, eine zweite Staffel ist bereits in Auftrag gegeben.

Auch der Streaming-Anbieter Netflix, Lieblingsspielzeug des jungen Publikums, gab jetzt bekannt, für das kommende Jahr satte 31 Serienformate zu produzieren. Das moderne Erzählfernsehen hat seinen Höhepunkt also noch längst nicht erreicht. Die Medienwissenschaftlerin Joan K. Bleicher, Professorin am Institut für Medien und Kommunikation an der Uni Hamburg, macht für das Scheitern von "Deutschland 83" denn auch vor allem inhaltliche Schwächen verantwortlich: "Die Serie arbeitet mit starken Stereotypen", so Bleicher. "Das amerikanische Publikum ist mit den historischen Entwicklungen hierzulande natürlich viel weniger vertraut als die deutschen Zuschauer, denen klischeehafte Figuren sofort negativ auffallen." Qualitativ bleibe die RTL-Serie hinter Produktionen wie "Unsere Mütter, unsere Väter" deutlich zurück.

Vor der Ausstrahlung war "Deutschland 83" ein Ausnahmeprojekt mit internationaler Anbindung, verkauft in die USA, gefeiert von der "New York Times". In die deutsche Fernsehgeschichte eingehen wird sie womöglich als die Serie, die den hohen Erwartungen nicht standhalten konnte. Der eine fatale Mischung aus falschem Sendeplatz, kontrovers aufgenommenen Erzählsträngen und einem Serien-Überangebot letztlich zum Verhängnis wurde. Schade drum, sehr.

"Deutschland 83", Folge 5 und Folge 6,
Do ab 20.15 Uhr, RTL.

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