Backstage

„Night of the Proms“: Malochen für die große Magie

20.30 Uhr: Maria
Mena präsentiert –
vom Proms-Orchester
begleitet –
ihr neues Album
„Growing Pains“

20.30 Uhr: Maria Mena präsentiert – vom Proms-Orchester begleitet – ihr neues Album „Growing Pains“

Foto: Roland Magunia / HA

Mehr als 20.000 Fans ließen sich bei „Night of the Proms“ in Hamburg verzaubern. Das Abendblatt hat das Team backstage begleitet.

Um sechs Uhr in der Frühe ist von der großen Show noch nichts zu sehen, zu hören, zu spüren. In grellem Licht liegt die leere Halle da. Auf Knien schiebt sich Stef De Raet über den Boden und setzt Kreuze mit Kreide. Zwei seiner Mitarbeiter begleiten ihn mit einem Maßband, das sie quer durch den Saal spannen. Der Cheftechniker trägt wie die meisten an diesem Vormittag Schwarz. Die Farbe all derer, die nicht im Rampenlicht stehen. Ohne die jedoch das, was wir Unterhaltung nennen, nicht möglich wäre. Ein riesiges Konzert wie „Night of the Proms“ etwa, zu dem in Hamburg an zwei Abenden jeweils gut 10.000 Besucher in die Barclaycard Arena kommen, um sich drei Stunden lang mit Musik aufzuladen. Um etwas zu erfahren, das größer ist als der Alltag.

Die belgischen Studenten Jan Van Esbroeck und Jan Vereecke entwickelten Mitte der 80er-Jahre das Konzept, Klassik und Pop in einer Gala zu vereinen. Allein in Deutschland haben in den vergangenen 21 Jahren 2,8 Millionen Menschen eine von bald 300 Proms-Shows erlebt. Doch vor der Faszination liegt die Präzision.

In der dunklen Morgenkälte vor der Arena sammeln sich die 80 Techniker, die auf der dreiwöchigen Proms-Tour mitreisen. 19 Trucks, beladen mit je 40 Tonnen Gerät, sowie neun Busse und diverse Pkw gehören zu diesem Entertainment-Tross, der sich in diesem Winter von Frankfurt am Main bis nach Oberhausen bewegt. Gemeinsam mit rund 100 Helfern aus Hamburg entlädt die Crew die Lkw, die durchnummeriert gepackt sind. Außenstehenden erscheinen die Schichten aus Kisten wie ein komplexes 3-D-Puzzle. Doch die Fracht ist exakt sortiert nach der Reihenfolge des Aufbaus. Die Kalkulation des Budenzaubers.

Ein flinkes, zugleich konzentriertes Rollen, Stecken, Schrauben beginnt

„Night of the Proms“ ist eine der wenigen Großproduktionen überhaupt, bei der die ausführende Firma P.S.E. alles selbst mitbringt. Bühne inklusive. Wenn eine Box falsch gepackt ist, kann es Verzug geben, der Nerven kostet. Denn alles ist fokussiert auf den Startpunkt 20 Uhr. Der Moment, wenn aus Planung und Packerei Pop werden soll.

Einige Techniker sind in das Stahlgerüst hoch unter der Decke geklettert und lassen Seile herab, um über den zuvor markierten Kreidekreuzen Ketten hochzuziehen, an denen später mithilfe vieler einzelner Motoren die Licht- und Tonanlagen sowie Videowände emporgehoben werden. Wie Lianen hängen die Taue herab. Eine eigene Poesie des Aufbaus.

Ein flinkes, zugleich konzen­triertes Rollen und Wuchten, Stecken und Schrauben beginnt. Hier ein Gelächter, da eine schnelle Unterhaltung, ansonsten kleine Kommandos, Nicken. Alle wissen, wie es läuft. Parallel bauen weitere Helfer per Hand und Gabelstapler die Bühne auf. Fast die komplette Halle scheint mit Teilen der Metallkonstruktion ausgefüllt zu sein.

Ein Wimmelbild, das zugleich das beruhigende Gefühl vermittelt, dass hinter all den vielen Aktivitäten ein größerer Plan liegt. Letztlich ist es der Plan, Menschen zusammenzubringen. Und doch drängt sich der Eindruck auf, dass dieses Ziel jenseits der eigentlichen Show bereits erreicht ist. Wenn 220 Menschen aus 13 Ländern – bei nur einem Tag Tour­pause – gemeinsam daran arbeiten, dass andere tanzen und träumen können. Malochen für magische Momente.

Der Ton eines jeden Instruments wird einzeln abgenommen

Gegen Mittag schieben Dutzende Helfer die einzelnen Ebenen der Bühne unter die hängende Technik auf ihre genau bemessene Position, um diese dann für das Orchester Il Novecento sowie die Electric Band zu bestuhlen. 80 Kilometer Kabel werden die Techniker am Nachmittag verlegen, denn der Ton eines jeden Instruments wird einzeln abgenommen, unter der Bühne zusammengeführt und dann an das große Mischpult in der Hallenmitte geschickt. Der Sound soll perfekt sein, das Licht perfekt fallen. Deshalb füllen zwei Dunstmaschinen die Halle bereits Stunden vor dem Konzert mit hauchfeinem Nebel, sodass die Scheinwerferkegel möglichst eindrucksvoll erstrahlen.

Unterdessen stürzt Michael Kunert – groß, bärtig, Sweatshirt-Jacke – in seinem provisorischen Büro auf einen Rollcontainer zu und ruft: „Meine Kaffeemaschine!“ Mit wenigen Handgriffen hat er das Gerät aufgebaut und zum Brühen gebracht. Prioritäten unterwegs. Kunert kümmert sich um Künstler und Presse. Und steckt voller Proms-Geschichten. Wäsche waschen mit Ike Turner. Rauchpausen mit Boy George. Und wie Bruce Johnston von den Beach Boys, mit 71 Jahren eines der ältesten Mitglieder der aktuellen Tour, in Frankfurt ohne Bescheid zu sagen – und ohne Handy – auf den Weihnachtsmarkt stiften gegangen ist. Die Menschen hinter den Stars.

Trotz des Großunterfangens, das um ihn herum Gestalt annimmt, wirkt Kunert entspannt. Wie überhaupt der viel zitierte Mythos einer Show-Family bei der Proms-Crew Wirklichkeit zu sein scheint. Kunerts Erklärung dafür ist simpel: „Unser Credo ist, eine Arschloch-freie Zone zu sein.“ Und so reisen etwa alle Künstler gemeinsam in einem Bus. Allüren gibt’s nicht. Oder werden, wie Kunert betont, schnell abgelegt. „Die Künstler merken, dass divenhaftes Gehabe bei uns nicht zieht“, sagt er und lächelt weise.

Dass die Solisten die Zeit vor ihren Auftritten jedoch möglichst komfortabel verbringen können, dafür sorgen die „Wardrobe-Girls“ Nathalie Haegemann und Lotte Verheyden. Die funktionalen Backstage-Räume hübschen sie mit Samtdecken, Glitzerkissen und Kerzen auf. Zudem statten sie die einzelnen Garderoben mit Getränken und Knabberkram, Obst und Rohkosttellern aus. Extravagante Wünsche sind seltener geworden, Anfragen nach vegetarischen, gluten- oder laktosefreien Snacks hingegen mehr.

Das Duo OMD steht beim Catering mit seinen Essensgutscheinen an

Damit der Rock ’n’ Roll nicht gänzlich auf der Strecke bleibt, hat Sängerin Maria Mena eine Flasche Champagner in ihrer Kühlbox stehen. Schließlich hat die Norwegerin allen Grund zu feiern. Mit „Growing Pains“ ist in der Nacht zu Freitag ihr siebtes Album erschienen. Bis vier Uhr nachts hat sie Kommentare der Fans zu ihren neuen Songs gelesen, weshalb sie jetzt, am frühen Abend, gerade erst von einem kleinen Garderobenschlaf erwacht ist, sich eine Dose Energydrink schnappt und sich die langen braunen Haare vor dem mit Glühbirnen gesäumten Spiegel zurechtzupft. „Zuerst dachte ich, es sei ein Risiko, in dieser wichtigen Zeit der Albumveröffentlichung nicht in meiner Heimat zu sein“, sagt Mena. Doch jetzt sei sie glücklich über die Proms-Tour. In drei Wochen vor 250.000 Menschen zu singen dürfte für die Promotion durchaus förderlich sein. Selbst wenn ihr Set lediglich aus drei Songs besteht.

In den zwei Stunden bis zum Konzert passiert noch mehr gleichzeitig als im Verlauf des Tages. Die Electric Band hat sich zu einer Probe zurückgezogen. Paul Humphreys und Andy McCluskey von OMD sowie Moderator Uwe Bahn und diverse Techniker stehen mit ihren Essengutscheinen beim Catering an. Seit dem Morgen hat Chefkoch Edwin Hoppen in einem blank gekachelten Raum seine Küche eingerichtet, hat Frühstück, Mittag- und Abendessen gekocht. Ein sogenannter Showrunner des örtlichen Veranstalters Funke hat vorab eine Liste erhalten, welche Lebensmittel auf dem Großmarkt einzukaufen sind.

Jetzt serviert Hoppen Fisch, Gemüse, Gulasch, Burritos, Pfannkuchen und Mousse au Chocolat. Künstler und Crew sitzen an langen Tischen mit abwaschbaren Decken zusammen. Sein Geschirr räumt jeder selbst ab.

Wie ein Kontrastprogramm zum Mensa-Flair backstage wirkt die VIP-Party, bei der – für 275 Euro pro Person – Versicherungen, Autohäuser, aber auch das Team des Wacken Open Airs ihre Weihnachtsfeiern zelebrieren. Anzüge und Abendkleider bei Büfett, Cocktails und Schokolade. Und wer sich für das Konzert noch einmal zur Galaversion seiner selbst herrichten lassen möchte, für den oder die stehen Schmink- und Frisierteams bereit. Allein für die Ausstattung dieses „B-Zirkus“ sind zwei Trucks nötig.

Und während die VIPs noch plaudern, erstehen die „normalen“ Fans, die seit 18 Uhr Einlass haben, im Foyer bereits Tickets für die „Night of the Proms 2016“. Nach dem Konzert ist eben traditionell vor Weihnachten.

Direkt hinter und neben der steilen Bühnenkonstruktion tönen unterdessen Bläser und Streicher quer durcheinander, um sich warmzuspielen. So wie Dragotin Mladenovic aus Serbien. Im kleinen Licht einer Klemmlampe steht er da, streicht seine Violine und legt dabei die Stirn ernst in Falten, die Augen geschlossen. Ein Moment Konzentration, bevor er Teil des Bombast wird. Seit 15 Jahren gehört er zum Proms-Orchester Il Novecento, im übrigen Jahr unterrichtet er in Belgrad Musik.

Unter der Bühne baumelt eine Hängematte für Schlafpausen

Unter der Bühne wiederum ruht nicht nur dunkler Hohlraum. Ein weißer Flügel etwa wartet darauf, später per Hebebühne ins Rampenlicht gefahren zu werden. Ebenso steht ein Pult für die Kamera-Regie bereit, die Großaufnahmen der Interpreten auf die Leinwände schickt. Und direkt dahinter baumelt eine Hängematte. Falls ein Techniker während des Konzerts kurz schlafen möchte. Tourtage sind lang. Und kommen zu ihrem Höhepunkt, wenn das Saallicht erlischt.

Das Orchester hat bereits im Halbdunkeln die Bühne betreten. Alle Künstler durchlaufen den Verkabelungsgang, wo sie mit der Monitortechnik im Ohr ausgestattet werden, um während des Auftritts ihren eigenen Gesang hören zu können. Maria Mena singt mit zart-rauchiger Stimme von vergangener Liebe. Tenor Fernando Verela erzeugt heftige Gänsehaut. „Alles brennt“ bei Johannes Oerding. Paul Humphreys von OMD schraubt seinen Körper exaltiert in den Sound hinein. John Miles berührt mit seiner Überhymne „Music“. Der Frauenchor Scala erschafft eine transparente Variante von „Auf uns“. Und die Beach Boys sorgen für „Good Vibrations“.

Niemand sieht die Arbeit, die Anstrengung. Alles ist leicht. Das ist Entertainment.

„Night of the Proms“ 16.+17.12.2016,
Barclaycard Arena, Tickets ab 47,90 im Vvk.; Scala & Kolacny Brothers 17.11. 2016,
Markthalle, Tickets ab 39,20 im Vvk.