Theater in Hamburg

Schauspielhaus: Die moderne Jungfrau von Orleans

Tilmann Köhler hat mit dem Schiller-Drama am Schauspielhaus einen erhellenden Theaterabend inszeniert.

Hamburg.  Schillers Drama „Die Jungfrau von Orleans“ bringt viel Pathos mit und nur eine dürftige psychologische Gestaltung der Charaktere: Eine Jungfrau, ein Hirtenmädchen, das in göttlichem Auftrag ganz irdische Feinde schlachtet und einen König zur Krönung führt, was geht uns das heute eigentlich an? Wollte man das Stück zeitgemäß interpretieren, könnte man Johanna von Orleans als Gotteskriegerin sehen, möglicherweise als IS-Kämpferin. Aber das wäre allzu platt. Und unangemessen. Berühren kann uns das Stück trotzdem. Denn Johanna ist ja nicht nur eine Kriegerin. Sie wird von der Machtelite missbraucht, sie will in eine zerrüttete Welt Ordnung bringen, sie zeigt, wie nahe Reinheit und Schuld beieinanderliegen.

Regisseur Tilmann Köhler gelingt das Kunststück, uns das Drama als sehr modern zu präsentieren. Und damit nahe zu bringen. Er entkernt das Stück, fügt ihm Texte junger Menschen über den Bosnien- oder Irakkrieg hinzu, auch Auszüge aus Reden von Winston Churchill oder Kaiser Wilhelm II. Und so entsteht, wie man bei der Premiere im Deutschen Schauspielhaus sehen konnte, ein Theaterabend, der uns nicht nur glänzende Schauspielleistungen zeigt – allen voran Anne Müller in der Titelrolle und Paul Herwig als zynischer Pazifistenkönig.

Die Inszenierung erzählt in weniger als zwei Stunden davon, wie Johanna in der Sache zwar siegt, aber persönlich scheitert, weil sie sich ihrem göttlichen Auftrag mit Haut und Haaren hingegeben hat. Weil sie nicht abzubringen ist von ihrer Mission und Berufung. Die Mächtigen feiern am Ende Champagner trinkend Erfolge, sie stoßen Johanna aus und vertilgen sie, weil sie nicht mehr gebraucht wird. Männerwelt und Frauenschicksal, Elite und Underdog, Schuld und Unschuld, Reinheit und Zynismus – all dies wird mit­ein­ander gekonnt konfrontiert. Das Publikum war am Ende begeistert.

Karoly Risz hat eine gewaltige Schüssel auf die Schauspielhausbühne gebaut. Sie leuchtet mal als goldener, mal als blutiger Kelch. Oben thronen Männer und eine Frau in schwarzen Anzügen, Politiker, die Argumente für den Krieg austauschen. Samuel Weiss, Michael Weber, Jonas Hien und Gala Winter reden über Feldzüge und Finanzierung. Man kann von oben herunterrutschen in den Kelch. Oder man versucht, sich hinauf zu hangeln. Man kann abgleiten oder wie es der König einmal tut, als er sich Johanna und ihrer Mission ganz anvertraut, nach vorne ins Leere treten und wie in einen Abgrund stürzen.

Zu Beginn begegnet man Johannas Vater (Josef Ostendorf) als Wutbürger, der als Einziger eine merkwürdig altmodische Sprache spricht. Seine Tochter steht neben ihm, klar und ganz bei sich. Besessen davon, das Richtige zu kennen und zu tun.

Anne Müllers Johanna ist rein und voller Energie. Ihr Körper wirkt sportlich, die Stimme sanft und frisch. Alles an ihr scheint zu sagen: Seht her, in mir liegt die Zukunft! Jung und wild entschlossen wirft sie sich der Welt der Zyniker und Zauderer entgegen. Das hat Charme und überzeugt. Sie zieht sich Parka oder Tarnfarbenjacke über und stapft mit dem Mut der Entschlossenen hinaus in die von Krieg und Machtspielen zerrüttete Welt. Sie überzeugt die politischen Berater mit ihrer Idee, die Engländer zu schlagen. So geht moderne Unternehmensberatung. Auch wenn es sich um ein Staatsgebilde handelt.

Dass Johanna kein armes, beseeltes Hascherl ist, dass eine Schlacht auch mit dem Abschlachten zu tun hat, beweist sie, als sie Montgomery (Alexander Angelatta) eine Zigarette anbietet, ihm aber schon beim zweiten Zug den Hals durchschneidet. Ja, ihr gelingt es, Burgund und Frankreich zu versöhnen, die Engländer zu schlagen. Doch an dem Sieg scheint sie keine Freude zu haben. Vorn an der Rampe steht sie wie verloren, ihre Aufgabe ist erfüllt, was nun? In Lionel, dem Waliser, hat sie zuvor einen Mann erkannt, den sie lieben könnte, der sie geküsst hat. Und da ist er, der Gedanke an ein anderes Leben. Ohne Mord und Totschlag.

Während der König und seine Berater feiern, Lieder singen – „Ein bisschen Frieden“ oder „We Are The World“ –, steht Johanna einsam abseits. Sie hat ihren Zweck erfüllt. Dabeihaben will sie keiner. „Ich habe das Unsterbliche mit Augen gesehen“ sagt sie und scheint wie verrückt. Es folgt der Blackout. Stirbt sie? Nimmt sie sich das Leben? Es bleiben viele Fragen offen. Kein Zweifel aber daran, dass dies ein erhellender Theaterabend war.

Die Jungfrau von Orleans Termine: 6.11., 19 Uhr, 10. und 21.11., 20 Uhr, Karten 11–49 Euro, T. 24 87 13