Hamburg

Kunst kann Menschen auch glücklich machen

| Lesedauer: 5 Minuten
Matthias Gretzschel
Museumspädagogin Anja Grosse in der Galerie der Gegenwart mit Patientinnen aus der Kinder- und
Jugendpsychiatrie des Kinderkrankenhauses Altona

Museumspädagogin Anja Grosse in der Galerie der Gegenwart mit Patientinnen aus der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Kinderkrankenhauses Altona

Foto: Andreas Laible / HA

Patienten der Kinder- und Jugendpsychiatrie erfahren bei einem Projekt in der Kunsthalle die erstaunliche Wirkung eines Museumsbesuchs.

Hamburg.  Erstaunlich, welche Formen sich mit den bunten Kunststoff-Elementen gestalten lassen. Erst sind es noch lineare Konstruktionen, doch bald werden daraus Körper, dreidimensionale Objekte. Vier Jugendliche, die zurzeit in der Psychiatrie des Kinderkrankenhauses Altona behandelt werden, sitzen im „Hamburger Kinderzimmer“ der Kunsthalle und experimentieren mit dem Stecksystem, das der isländisch-amerikanische Künstler Olafur Eliasson eigens dafür geschaffen hat. „Versucht jetzt doch mal, das zu zeichnen“, sagt Anja Grosse.

Die Museumspädagogin reicht den jungen Mädchen Papier und Bleistifte. Was daraufhin auf Papier entsteht, sind geometrische Formen, die bestimmte Muster ergeben. Aber was sind eigentlich Muster? Woran erkennt man sie? Und in welchen Kunstwerken kann man sie sonst noch entdecken? Diese Fragen hat die Museumspädagogin den 14- bis 16-Jährigen mit auf den Weg gegeben, als sie anschließend mit ihnen durch die Sammlungspräsentation „Spot on“ geht.

Dass diese Patientinnen regelmäßig mit Frau Grosse in die Kunsthalle gehen können, ist das Verdienst der Stiftung Kulturglück, die sich zum Ziel gesetzt hat, „Brücken zu bauen zwischen Kultur und Menschen mit Unterstützungsbedarf“. Inga bleibt gleich im ersten Raum vor dem Thomas-Altar des Meister Francke stehen und betrachtet die goldenen Sterne, die auf einem roten Himmel über der „Anbetung der Könige“ prangen und ein Muster bilden. Auch auf Philipp Otto Runges „Lehrstunde der Nachtigall“ entdeckt eines der Mädchen ein Muster. Doch schließlich setzen sich die Jugendlichen auf den Fußboden und betrachten gemeinsam den „Affenfries“ von Franz Marc.

„Sie sehen alle ziemlich gleich aus“, meint Birgit, die in den sieben Affen, die die Diagonale der Komposition bilden, ebenso ein Muster erkannt hat wie in den großflächigen Formen, die grüne Blätter oder Pflanzen darstellen könnten. „Oder in den roten Bergen, ganz im Hintergrund“, sagt Yvonne, die sich jetzt zum ersten Mal zu Wort meldet.

Wenig später greifen sich die fünf Mädchen Buntstifte und kolorieren damit die geometrischen Kompositionen, die sie in Eliassons „Kinderzimmer“ mit Bleistift gezeichnet hatten. Anja Grosse, die auch auf dem Fußboden sitzt und zeichnet, kennt die Mädchen schon länger.

Grosse ist eine von drei Museumspädagoginnen, die sich an diesem Projekt beteiligen. Seit anderthalb Jahren arbeitet sie mit psychisch auffälligen Kindern und Jugendlichen, die zwischen acht und 18 Jahre alt sind.

Über Kunst zu sprechen, fällt ihr auch deshalb leicht, weil sie selbst Künstlerin ist. Und doch ist es für die 51-Jährige immer wieder etwas Besonderes, sich im Auftrag von „Kulturglück“ mit Jugendlichen im Museum zu treffen. „Fast alle sind außerordentlich begabt und sehen Dinge, die Gleichaltrigen sonst kaum auffallen. Das sind besonders aufmerksame und intelligente Menschen“, sagt die Museumspädagogin. Dass sie mit nur vier Jugendlichen und einer zusätzlichen Betreuerin arbeiten kann, hält sie für puren Luxus. Andererseits sei es auch nur so möglich, auf die Jugendlichen, bei denen es sich überwiegend um Mädchen handelt, einzugehen und zu erkennen, was jede Einzelne bei der Begegnung mit Kunst bewegt und wie sie auf bestimmte Dinge reagiert, auch wenn sie sich vielleicht zunächst gar nicht traut, es auch auszusprechen.

Fast immer verbindet sie während der etwa 90-minütigen Termine die Betrachtung und Vermittlung von Kunst mit der Aufforderung zu eigener künstlerischer Betätigung. Gerade dabei würden manche der Jugendlichen offener und mutiger. Aber es könne in eher seltenen Fällen auch einmal vorkommen, dass ein Teilnehmer plötzlich ganz dicht macht und nichts mehr an sich herankommen lässt.

„Meistens ist es aber anders, da werden die Kinder ruhig, kommen runter, sind sehr bei der Sache und auch bei sich selbst. Wahrscheinlich empfinden sie dabei auch Freude, obwohl sie das eher selten zu erkennen geben, vor allem wenn sie depressiv sind“, sagt die Museumspädagogin, die die Arbeit mit diesen Jugendlichen auch persönlich als bereichernd empfindet.

Was im Museum geschieht, unterstützt und flankiert ihrer Meinung nach die therapeutische Arbeit auf der Station im Krankenhaus, denn hier wie da gehe es vor allem um Wertschätzung. „Du kannst dich trauen. Du kannst zu dir stehen, musst dich nicht selber blöd finden – genau das kann die Begegnung mit Kunst vermitteln“, meint Anja Grosse, die die Jugendlichen aus dem Kinderkrankenhaus Altona am Ende des gemeinsamen Rundgangs vor Max Ernsts Gemälde „Grätenblumen“ versammelt.

„Gibt es so etwas überhaupt?“, fragt sie, worauf die Jugendlichen kichern, den Kopf schütteln und alles Mögliche in der 1928 in einer Art Frottagetechnik entstandenen Komposition entdecken: Türme, Eistüten, Lampions. Oder eben einfach ein Muster. Und irgendwie scheint den Jugendlichen dieses Wechselspiel der Deutungen spürbar Spaß zu machen, bei dem es an diesem Nachmittag ganz nebenbei um eines der großen Themen der Kunstgeschichte geht: um die Beziehung von Gegenständlichkeit und Abstraktion.