Syrien

„Wir werden Aleppo wieder aufbauen“

Ein Bild aus friedlichen Tagen: die Omaijaden-Moschee in Aleppo vor der Zerstörung der historischen Altstadt

Ein Bild aus friedlichen Tagen: die Omaijaden-Moschee in Aleppo vor der Zerstörung der historischen Altstadt

Foto: Joel Carillet / iStockphoto

Bis 2012 führte Azad Hamoto Touristen durch Aleppo, dann musste er fliehen. Am Donnerstag spricht er im Völkerkundemuseum.

Hamburg.  Bis vor drei Jahren hat der Altorientalist, Archäologe und ­Soziologe Azad Hamoto in Aleppo gelebt und nebenbei Studiosus-Gruppen durch seine Heimatstadt geführt. Doch dann musste Hamoto, 60, vor dem ­Bürgerkrieg fliehen. Heute lebt der Wissenschaftler, der in Deutschland studiert hat und die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, mit seiner Familie in München. Am Donnerstag hält er im Hamburger Museum für Völkerkunde einen Vortrag zum Thema „Der sogenannte Arabische Frühling – und was daraus wurde“.

Hamburger Abendblatt: Herr Hamoto, Sie stammen aus Aleppo, haben dort als Archäologe, Dozent und Publizist gelebt und deutsche Kulturreisegruppen durch die berühmte Altstadt geführt. Wann ­haben Sie zum letzten Mal direkten ­Kontakt zu Menschen aus Ihrer Heimatstadt gehabt?

Azad Hamoto: Erst gestern Nachmittag. Aber was ich aus Aleppo erfahre, ist nicht gut. Die Menschen dort haben ein mulmiges Gefühl, gerade angesichts der Luftangriffe, die die Russen jetzt fliegen. Andererseits sind die IS-Kämpfer nur noch fünf Kilometer entfernt. Vor allem der westliche Teil meiner Heimatstadt, der zurzeit noch von den Regierungstruppen gehalten wird, ist jetzt akut von den Islamisten des Isis und der Al-Nusra-Front bedroht.

Was ist von der Zitadelle, dem Basar und den anderen Bauwerken der weltberühmten Altstadt noch übrig?

Hamoto : Der Basar ist nur noch ein Trümmerhaufen. Besonders die wichtigen Einrichtungen in der Nähe der Zitadelle sind zerstört. Verhängnisvoll ist vor allem die Tatsache, dass die Rebellen unterirdische Tunnel graben und die mit Sprengstoff füllen, um große historische Gebäude, die angeblich von Soldaten des Regimes bewohnt worden seien, zu sprengen. Dadurch gehen die Urfundamente der Altstadt für immer kaputt. Dies hat zur Folge, dass sogar die Fundamente des größten Teils des alten Stadtkerns erschüttert und zertrümmert wurden, die bei „normalen Kriegshandlungen“ sonst unbeschädigt geblieben wären. Die Zitadelle ist teilweise stark beschädigt, aber nicht völlig zerstört. Auch das Minarett der berühmten Omaijaden-Moschee ist, wie auch einige andere Minarette, eingestürzt.

In Aleppo kämpfen gemäßigte Rebellen, die syrische Armee und der IS gegenein-ander. Verhalten sich diese Gruppen gegenüber den historischen Monumenten mehr oder weniger rücksichtsvoll, oder macht es keinen Unterschied?

Hamoto: Der Unterschied besteht zwischen „normalen Kriegshandlungen“, bei denen auch Kulturgüter zerstört werden und ideologisch motivierter Zerstörung. Die Ideologie der salafistischen Rebellen wie des IS oder von Al-Nusra verlangt die Zerstörung des kulturellen Erbes. Deren ideologische Ratgeber kommen nicht aus Syrien, sondern oft aus anderen Ländern, überwiegend aus Saudi-Arabien und Kuwait.

Woraus erklärt es sich, dass der IS nicht nur antike oder christliche Denkmäler, sondern auch Zeugnisse der islamischen, also der eigenen Kultur zerstören?

Hamoto: Das entspricht der puristischen und kulturfeindlichen Ideologie der Wahhabiten, die sich auch gegen jede Form der Prachtentfaltung innerhalb des Islam wenden. Wenn man sich heute Mekka ansieht, stellt man fest, dass inzwischen selbst hier alle islamischen Denkmäler aus der Prophetenzeit und dem Mittelalter entfernt worden sind, mit Ausnahme der Kaaba. Die entfernten Reste machten Platz für die überdimensional großen Hotels und die irrsinnige, megagroße vergoldete Uhr. Das ist eine Kulturzerstörung, die in der Weltöffentlichkeit bisher kaum zur Kenntnis genommen wurde.

Können Sie beurteilen, ob es bei den ­russischen Luftangriffen zu Zerstörungen von Kulturgütern gekommen ist?

Hamoto: Die russischen Angriffe haben bisher kaum Städte betroffen, sondern vor allem das eher dünn besiedelte Rebellengebiet im Nordwesten von Syrien. Dort gibt es großartige Zeugnisse aus der byzantinischen Zeit, zum Beispiel Reste von Villen, Klöstern und Kirchen aus dem fünften bis achten Jahrhundert. Wenn die Russen dort mit Streubomben angegriffen haben, dürfte es schon zur Zerstörung archäologischer Stätten gekommen sein. Aber genaue Kenntnis darüber habe ich nicht.

Die Altstadt von Aleppo wurde 1986 zum Unesco-Weltkulturerbe erklärt. War die syrische Bevölkerung stolz auf die historischen Monumente?

Hamoto: Absolut, die Menschen waren sehr stolz, zumal diese Stadt, deren genaues Alter niemand kennt, kontinuierlich bewohnt war und daher kulturelle Zeugnisse aus allen Epochen hatte. Und gerade die Altstadt war trotz der vielen Besucher kein touristisches Objekt, denn hier spielte sich das normale Leben der Bevölkerung ab. Die Altstadt war das wahre, lebendige Gedächtnis der Aleppiner!

Denken wir noch einmal zurück in die Zeit vor dem Bürgerkrieg: In welchem Zustand befand sich Aleppo vor Beginn der Kämpfe?

Hamoto: Im Jahr 2010 war der Zustand nach dem weitgehenden Abschluss jahrzehntelanger Restaurierungen und Sanierungen geradezu ideal. Die Altstadt mit ihren Monumenten wirkte damals so, als ob ihre Zukunft für die nächsten hundert Jahre gesichert wäre. Und bei der Sanierung, die übrigens auch von Deutschland stark unterstützt worden war, hatte man auch die Menschen, die in der Altstadt lebten und arbeiteten, mit einbezogen und nach ihren Vorstellungen und Wünschen gefragt. Meine eigene Familie hat ein wunderschönes Haus in der Altstadt, das wir sehr ­lieben.

Steht dieses Haus noch?

Hamoto: Weiß ich nicht. Das letzte Bild habe ich vor vier Monaten im Internet gesehen, da stand die Fassade noch. Ich habe die Schlüssel meinen Nachbarn gegeben, kann sie aber weder telefonisch noch übers Internet erreichen.

Sie selbst sind mit Ihrer Frau und den drei Kindern geflohen. Wann war das?

Hamoto: Im August 2012, wir sind zunächst in die Türkei gefahren. Dort haben wir zweieinhalb Monate auf die Visa gewartet und sind dann nach München geflogen. Ich wollte eigentlich nicht gehen, aber meine Frau hat sehr gedrängt, zumal ab Mai 2012 auch direkt vor unserer Wohnung gekämpft wurde und die Gefahr sehr real war. Wir sind dann mit dem Auto über die einzige noch offene syrisch-türkische Grenze am Euphrat gefahren. Eigentlich hätte ich gar nicht ausreisen dürfen, weil mein Name auf einer entsprechenden Liste stand, aber ich konnte den Grenzbeamten mit einem grünen Dollar-Schein umstimmen.

Was empfinden Sie, wenn Sie nun Tag für Tag im Fernsehen Tausende Ihrer Landleute sehen, die eine Lebensperspektive in Deutschland suchen?

Hamoto: Das tut so weh, weil das Land damit ausblutet. Es ist ein wahrer Exodus, dessen Folgen sich gar nicht absehen lassen. Ich versuche zu helfen, indem ich hier in München als Kulturvermittler tätig bin und hier und da auch dolmetsche. Im Moment sehe ich kaum Hoffnung, denn die Lage wird immer aussichtsloser.

In welche Richtung entwickelt sich der Krieg zurzeit?

Hamoto: Am Anfang war es ein friedlicher Protest, dann folgten Auseinandersetzungen, die mit Gewalt ausgetragen wurden, später entwickelte sich daraus ein regionaler Konflikt, doch inzwischen ist es längst ein internationaler. Und das hat sich mit den Eingreifen der Russen noch verstärkt. Auf Seiten der Islamisten kämpft eine bunte Mischung aus allen Ecken der Welt mit salafistischen Gedanken. Zu den Kämpfern gehören Uiguren, Kosovaren, Tschetschenen, Saudis, aber auch Deutsche und andere Westeuropäer. Das sind Menschen, die alle keinen Bezug zu unserem Land haben, und damit wird die Zerstörungskraft, die dieser Krieg entfaltet, umso größer und brutaler.

Wie lange wird das so weitergehen?

Hamoto: Wenn ich mir im Vergleich den Bürgerkrieg im Libanon ansehe, der 1975 begonnen hat, bis 1990 dauerte und bis heute nicht wirklich zu Ruhe gekommen ist, bin ich skeptisch. Das ist demütigend, deshalb gebe ich keine Prognosen mehr ab. Trotzdem möchte ich mit meiner Familie so schnell wie möglich zurückkehren. Sobald sich eine reale Möglichkeit dafür bietet, werde ich zurückkehren. Und ich denke, die meisten meiner Landsleute denken ähnlich, schon weil sie das Land wieder aufbauen wollen.

Wäre es Ihrer Meinung nach überhaupt möglich, zum Beispiel die historische Altstadt von Aleppo eines Tages zu ­rekonstruieren?

Hamoto: Absolut, das ist keine Frage. Aleppo ist schon einmal, Anfang des 19. Jahrhunderts, bei einem Erdbeben fast vollkommen zerstört worden, wurde aber trotzdem wieder aufgebaut. Und nach dem Ende des Krieges werden wir die Stadt ganz sicher rekonstruieren. Das Geld ist da, es gibt viele reiche Syrer in den USA und anderen Ländern, die sich dafür engagieren würden. Denn die historischen Monumente sind Teil unserer Identität, schon deshalb müssen wir sie eines Tages aufbauen und für künftige Generationen sichern.

„Der sogenannte Arabische Frühling – und was daraus wurde“ Vortrag von Azad Hamoto am Do,
15. Oktober, 18.30 Uhr im Museum für Völkerkunde, (Rothenbaumchaussee 64), Museumseintritt 8,50, ermäßigt 4,- Euro