Neue Fernsehserie

„Call the Midwife“: Und im Notfall hilft die Hebamme

| Lesedauer: 4 Minuten
Alexander Josefowicz
Die Hebammen des Nonnatus Haus': Jenny Lee (Jessica Raine, l.), Schwester Evangelina (Pam Ferris, m.) und Schwester Bernadette (Laura Main, r.)

Die Hebammen des Nonnatus Haus': Jenny Lee (Jessica Raine, l.), Schwester Evangelina (Pam Ferris, m.) und Schwester Bernadette (Laura Main, r.)

Foto: Laurence Cendrowicz / <<< Verschiedene Einträge >>>

Die britische Serie „Call The Midwife – Ruf des Lebens“ startet bei ZDFneo. Doch warum wird sie im Spartensender versteckt?

Conchita und ihr Mann sprechen zwar keine gemeinsame Sprache. Aber 24 (!) Kinder haben sie dennoch zusammen, und das 25. ist auf dem Weg. Ein gewisses Maß an gegenseitigem Verständnis scheint also trotz der Sprachbarriere zu bestehen. Man möchte den Nonnen des Nonnatus House fast schon ein wenig Gemeinheit unterstellen, dass sie die junge Hebamme Jennifer Lee (Jessica Raine) als Allererstes zu den Warrens schicken.

Denn nicht nur, dass das ganze winzigkleine Haus voller Kinder in allen nur vorstellbaren Größen ist, die werdende Mutter spricht auch nach einem guten Vierteljahrhundert im Londoner East End nur spanisch. Dafür hat sie eine gewisse Expertise, wenn es um den Gebärvorgang geht. Im Gegensatz zu Hebamme Lee.

Hebamme Lee landet im Londoner East End statt in einer Privatklinik

Die kommt aus solidem Hause und ist nicht nur von ihrer neuen Tätigkeit, sondern auch von ihrem neuen Umfeld gelinde überfordert. Das beginnt schon mit der Ankunft im von anglikanischen Nonnen geführten Nonnatus House. Schwester Monica Joan (Judy Parfitt) begrüßt Lee, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die ältere Dame im Habit nicht mehr so ganz beieinander ist. Aber sie wurde als eine der ersten Frauen in England als Hebamme ausgebildet. Also ist es „unser Privileg, für sie zu sorgen“, wie Schwester Julienne (Jenny Agutter) sagt, die oberste Ordensschwester.

Lees Irritation legt sich nur allmählich, hielt sie ihren neuen Arbeitgeber doch für eine Privatklinik, nicht für ein Nonnenkloster. Aber als wohlerzogene Engländerin fügt sie sich ohne zu murren in ihr Schicksal und nimmt die Arbeit auf in dem immer noch vom Zweiten Weltkrieg gezeichneten Viertel. Wir schreiben das Jahr 1957. Hausgeburten sind nicht die Ausnahme, sondern die Regel, genau wie Mengen von Nachwuchs, die aus heutiger Sicht einigermaßen übertrieben wirken.

Vier, fünf oder mehr Kinder gelten als völlig normal – zwei Dutzend allerdings sind auch im Stadtteil Poplar ungewöhnlich. Zwischen 80 und 100 Babys würden pro Jahr dort geboren, sagt die stets etwas unleidig wirkende Schwester Evangelina. „Eins ist raus aus dem Kinderwagen, schon liegt das nächste drin. So war es, und so wird es immer bleiben, es sei denn, jemand erfindet ein Zaubermittel, das dem ein Ende macht.“

In ihrer britischen Heimat ist die Serie seit der ersten Folge ein Quotenhit

Dieser kurze Monolog fasst die Grundströmung von „Call The Midwife – Ruf des Lebens“ gut zusammen: Die Serie, die auf den Memoiren der Hebamme Jennifer Worth, geborene Lee, beruht, spielt zwar in der Vergangenheit, leistet sich aber regelmäßige Ausflüge in die Gegenwart der Zuschauer: Nicht nur gesellschaftliche Veränderungen, auch soziale Missstände, die heute noch eine Rolle spielen, finden sich oft in der Handlung der BBC-Serie wieder.

Nie wird es wirklich tragisch, und auch die schlimmsten Fälle, denen Lee und ihre Kolleginnen begegnen, gehen meistens gut aus. Sei es nun Conchitas Tochter, die trotz Frühgeburt und Weigerung der Mutter, den kleinen Wurm ins Krankenhaus zu lassen, überlebt. Oder die minderjährige Prostituierte Mary, die sich aus den Fängen der Zuhälter befreit, um ihr Kind zu bekommen. Doch zum Glück kennt „Call The Midwife“ nicht nur eitel Sonnenschein, sonst würde es auf die Dauer auch gar zu idyllisch.

In ihrer britischen Heimat ist die Serie seit der ersten Folge ein Quotenhit, der zeitweise sogar „Downton Abbey“ hinter sich gelassen hat. Inzwischen hat die BBC die Ausstrahlungsrechte in mehr als 100 Länder weltweit verkauft und nahezu überall ist die Hebammen-Serie ein großer Erfolg. Man fragt sich also einmal mehr, warum das Zweite sehenswerte, durchaus mainstreamtaugliche Formate im Spartensender ZDFneo verbuddelt. Mit „Call The Midwife – Ruf des Lebens“, dieser gut gemachten Mischung aus herzerwärmenden Elterngeschichten und Sozialkommentar könnte man alternativ auch versuchen, der ARD-Seriendominanz am Dienstag ein wenig Konkurrenz zu machen. Mehr Gehalt als die Krankenhaus-Soap „In aller Freundschaft“ haben Jennifer Lee und ihre Kolleginnen allemal.

„Call The Midwife – Ruf des Lebens“,
ab heute 21.35 Uhr, ZDFneo