Theater in Hamburg

Ein Abend ohne Schwachpunkte am Thalia

Gabriela Maria Schmeide als Gervaise (hinten links), Maja Schöne als Nana (vorne) und Rafael Stachowiak als Jacques Lantier (hinten Mitte) in „Liebe“

Gabriela Maria Schmeide als Gervaise (hinten links), Maja Schöne als Nana (vorne) und Rafael Stachowiak als Jacques Lantier (hinten Mitte) in „Liebe“

Foto: Armin Smailovic

Luk Perceval und seine äußerst starken Darsteller überzeugen am Thalia mit der Inszenierung „Liebe“ nach Texten Émile Zola.

Hamburg.  Jeder ist seines Glückes Schmied, sagt eine Volksweisheit. Aber stimmt der Satz? Émile Zola, französischer Romancier, hätte daran gewiss seine Zweifel. Zu sehr bestimmen Obsessionen, soziale Herkunft und Schicksalsschläge die Entscheidungen der Menschen und ihr Los.

Luk Perceval, Oberspielleiter am Thalia Theater, hat sich die Familiengeschichte in Zolas 20-bändigem Roman-Zyklus „Die Rougon-Macquart“ angesehen und eine ganze Reihe familiärer Katastrophen gefunden. „Liebe“ nennt er den Abend. Seine Figuren streben nach Glück und dem romantischen Gefühl, doch es zerrinnt ihnen wie feiner Sand zwischen den Fingern.

Die junge Clotilde (Marie Jung) wirft zu Beginn des Abends noch die Arme in die Luft und fordert für sich: „Ich will glücklich sein, vollkommen für alle Zeit und endgültig glücklich!“ Die Wäscherin Gervaise (Gabriele Maria Schmeide) reagiert auf das Heiratsangebot des Arbeiters Coupeau (Tilo Werner) schon verhaltener. Seinen Satz „Du musst die Meine werden!“ quittiert sie mit einem zögerlichen „Ja ... naja“ und einem Achselzucken. Gervaise, bereits Mutter zweier unehelicher Kinder, sehnt sich nach einem besseren Leben, aber hochfliegende Liebesträume besitzt sie nicht mehr.

Annette Kurz’ Bühne bebildert das Auf und Ab des Lebens mit einer an eine Halfpipe erinnernde hölzerne Welle. Nur mit großer Mühe können die Schauspieler den Scheitelpunkt erklimmen, oft müssen sie sich an einem Tau nach oben ziehen. Abwärts geht es schnell. Wie bei Coupeau. Nachdem er durch einen Unfall zum Krüppel und Alkoholiker geworden ist, saust er die glatte Fläche hinunter, um unten in ein Delirium tremens zu verfallen.

Ein zweites Seil mit einer Schlinge mittendrin hängt von oben herab. Die Schlinge hat etwas Bedrohliches, aber sie dient Pascal Houdus als Doktor Ramond auch für ein komisches Solo. In akrobatischen Posen schwebt er über der Szenerie, macht Clotilde so seinen Antrag. Am Ende verheddert er sich im Tauwerk, so wie jede Figur in etwas oder mit jemandem verstrickt ist.

Nur selten zeigt Perceval die Figuren in fröhlicher Ausgelassenheit. Ramonds gockelhafte Auftritte setzen ein paar komische Akzente, es gibt einmal einen Ringelreihen-Tanz und ein Karnevalsfest. Den Schmerz über die unerfüllte Sehnsucht nach Glück ertränken die einfachen Leute bei Zola mit Schnaps, oder sie kopulieren sich im wahrsten Wortsinn um den Verstand.

Die Gegenfigur zu Gervaise, Coupeau und Lantier ist Doktor Pascal (Stephan Bissmeier). Er erforscht und dokumentiert die eigene Familiengeschichte, um den Gesetzen der Vererbung auf die Spur zu kommen. Bissmeier, durch einen Bühnenunfall gehandikapt, sitzt während der zwei Stunden am linken Rand auf Stapeln von Folianten, kommentiert nebenher das Geschehen und berichtet aus der Familiengeschichte. Obwohl am Rand postiert, bildet dieses Alter Ego von Zola das Zentrum der Inszenierung. Er ist der Intellektuelle, der die Verhältnisse reflektieren kann. Doch mit der Liebe kommt auch er nicht klar.

Seine Nichte Clotilde ist bei ihm und seiner still sorgenden Haushälterin Martine (Oda Thormeyer) aufgewachsen. Als sie zur jungen Frau herangewachsen ist, bricht die Liebe über Pascal herein, er überhäuft Clotilde mit Geschenken, verehrt sie. Die Zuneigung beruht auf Gegenseitigkeit, innig umschlingt sie Pascal auf seinem Schoß. Doch der Arzt erkennt, dass diese inzestuöse Beziehung scheitern muss. Er verstößt Clotilde gegen ihren Willen und entscheidet mit seinem Verstand. Gegen sein Herz.

Luk Perceval hat aus Zolas epischen Erzählungen kurze Sequenzen herausgefiltert, die er mit schnellen Wechseln von seinem herausragenden Schauspielerensemble sprechen und spielen lässt. Manchmal reden sie gleichzeitig, so dass die Worte nicht zu verstehen sind. Auch dies ist Ausdruck der Verschachtelungen, die der flämische Regisseur vorgenommen hat. Die Schauspieler dienen auch als Kommentatoren und Erzähler, das gibt dem Abend Tempo und Klarheit, denn in Zolas Romanen tummeln sich Dutzende von Figuren.

Wieder einmal kann Perceval sich auf die hohe Qualität seines Ensembles verlassen, mit dem er jetzt schon seit sechs Jahren am Thalia Theater arbeitet. Tilo Werner macht den Schmerz und die Verzweiflung seiner Figur körperlich spürbar, Gabriele Maria Schmeide erregt mit ihrem oft stillen Spiel das Mitleid des Betrachters, Marie Jung verleiht der Clotilde bezaubernden Lebensmut, Maja Schöne zeigt mit ihrem koketten Spiel bereits den weiteren Weg zur Edel-Hure Nana, ­Patricia Ziolkowska beweist in den wenigen Szenen als verführerische ­Clé­mence ihre überragende Präsenz.

In diesem Ensemble gibt es keinen Schwachpunkt, und man darf sich auf die Fortsetzung von Percevals Trilogie freuen. Der nächste Abend in der kommenden Spielzeit heißt „Geld“, der dritte Teil wird den Titel „Hunger“ tragen. Nach glücklichen Tagen klingen auch diese Überschriften nicht.

Am gefeierten Premierenabend hat die Liebe auf der Bühne keine Chance. Clotildes Forderung nach vollständigem Glück erfüllt sich nicht. Auch Doktor Pascal kann mit seiner bewussten Entscheidung nicht glücklich sein – zu sehr blutet sein Herz.

„Liebe“ weitere Vorstellungen ab 2.10., Thalia, Karten zu 7,50 bis 52 Euro unter T. 32 81 44 44