Thalia Gaußstraße

Das vergebliche Streben nach einem Stück vom Glück

| Lesedauer: 3 Minuten
Annette Stiekele
Auch Miss Piggy (Christina Geiße) gibt
ein kurzes Gastspiel

Auch Miss Piggy (Christina Geiße) gibt ein kurzes Gastspiel

Foto: Krafft Angerer

Anne Lenk inszeniert Jonas Hassen Khemiris „=[Ungefähr gleich]“ als rasantes Spiel. Das Resultat ist ein kurzweiliger Abend.

Hamburg. Dem Gott des Geldes huldigen alle. Symbolreich türmt es sich – allerdings nur in rötlich schimmernden Centstücken – auf einer gigantischen Wippe (Bühne: Judith Oswald) wie in Dagoberts Goldkeller. Jede der Figuren müht sich, das Gerät zu erklimmen, um ein Stück vom Kuchen aus Glück, Wohlstand, Erfolg, Gelingen zu kosten. Vergeblich.

Der schwedische Autor Jonas Hassen Khemiri liefert mit seinem neuen Stück „=[Ungefähr gleich]“ wie schon in seinem Dauerbrenner „Invasion“, eine flotte Vorlage für reichlich rasantes Spiel. Die junge Regisseurin Anne Lenk hat jetzt die deutschsprachige Erstaufführung im Thalia in der Gaußstraße als bitterhumorige Persiflage hingelegt. Der Abend ist kurzweilig, dabei geht es um recht spröde Dinge. Um Mathematik, um Vergleichsgrößen, um ein Regiment der Zahlen. In über 20 Szenen pflügen sich die vier Darsteller durch die Halde ihres angebrochenen Lebens und spielen famos gegen die Angst an, um am Ende doch als Loser zu enden.

Der rationale Wirtschaftsmensch funktioniert einfach nicht, wie er soll

Das gilt für den von André Szymanski ausgesprochen liebenswürdig gegebenen Wirtschaftshistoriker Mani, der, hornbebrillt und in zusammengewürfeltem Outfit (Kostüme: Eva Martin), in Dauerwarteschleife auf eine Stelle an der Hochschule hofft. In der Zwischenzeit verlegt er sich auf das „Theorem von van Houten“, eine von einem niederländischen Schokoladenfabrikanten aufgestellte Formel, die Unterhaltungswerte bemisst. Ein Laufband zeigt permanent die „ungefähren“ Ausgaben der Requisite an. So wie sich die neoliberale Theorie den Menschen denkt, will er hier einfach nicht funktionieren.

Manis Frau Martina, mit burschikosem Charme gespielt von Cathérine Seifert, motiviert sich angesichts der klammen Kasse zwanghaft zu täglichem Verzicht. Einziger Ausweg scheint eine Aussteigerfantasie samt eigenem Feldanbau. Lenk splittet die Figur auf, gleichsam als Kommentatorin steht ihr die wundervoll komische Christina Geiße als eine zweite Martina zur Seite. Martina projiziert ihr Unglück auf einen Obdachlosen. Und Steffen Siegmund gibt den im Bewerbungsmarathon verlorenen Andrej, der sich im Jobcenter erniedrigen lassen muss und als Losverkäufer in einem Tabakladen landet.

Die Regisseurin fährt eine Menge Klamaukgeschütz auf. Einen depressiven Schokoriegel, ein Fleisch gewordenes Parfum und eine ob des Verlustes ihrer Depotwerte fassungslose Miss Piggy. Szenen und Geschichten der Figuren sind ineinander verzahnt, die Akteure springen sichtbar in ihre Rollen. Es bleibt dennoch eine lockere Revue der vom Leben immer wieder Geprügelten quer durch alle Bildungsschichten, die mit ihren Sehnsüchten am durchökonomisierten Alltag scheitern.

Da mag viel Klischee drinstecken, die Dichte des Textes und die erstklassigen Schauspieler bewahren den Abend vor dem Absturz von der Wippe in den Sozialkitsch. Als Höhepunkt steigert sich der Selbstekel beim mittlerweile als Gelegenheitsjobber anheuernden Mani zu einer Wutrede: „Es gibt nichts Ekelhafteres als die Manie der Reichen für die Armut ...“ Ein insgesamt lohnender Abend über Menschen, die am Ende vor einer Gleichung stehen, die nicht aufgehen will.

„=[Ungefähr gleich]“ weitere Vorstellungen 16.9., 20.00, 20.9., 19.00, 24./25.9., jeweils 20.00, Thalia in der Gaußstraße, Gaußstraße 190, Karten zu 22 Euro unter T. 32 81 44 44; www.thalia-theater.de