Singer/Songwriter

Sufjan Stevens als Meister der Melancholie

Foto: Henrik Josef Boerger / dpa

Gern gesehener, aber seltener Gast: Sufjan Stevens begeisterte im Mehr! Theater am Großmarkt und bot Projektionsflächen für Hipster.

Hamburg.  So schön doppeldeutig wie beim Konzert von Sufjan Stevens im Mehr! Theater am Großmarkt ist der Begriff Projektionsfläche wohl selten verwendet worden. Die neun orgelpfeifenförmigen Sechsecke auf der hinteren Bühnenwand zeigen ausschnitthaft bewegte und stehende Bilder – verblasste Kinderfilme in Super 8 aus den späten Siebzigern, aber auch einsame Landschaften, vor allem Küsten. Jedes einzelne Bild, das auf eines der neun langgestreckten Sechsecke projiziert wurde, ist ein Fragment, doch nebeneinander gesehen fügen sich die Teilstücke trotz der breiten schwarzen Zwischenräume, die sie rahmen, im Kopf des Betrachters zu einem kompletten Bild.

Das Ganze hat etwas vom Blick auf die Welt durch eine Reihe von schlanken, hohen Fenstern, von denen jedes nur einen Ausschnitt zeigt. Aber wer mit etwas Abstand durchschaut, der hat dennoch die Illusion, ein Puzzle seiner Erinnerungen zusammensetzen zu können.

Das Motto dieses Abends könnte lauten: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Denn im Mittelpunkt steht das jüngste Album von Sufjan Stevens, „Carrie & Lowell“, das komplett gespielt wird. Nach dem Tod seiner Mutter im Jahr 2012 hat der Musiker seine schwierige Beziehung zu ihr, die früh ihre beiden Kinder verlassen hat, in elf Songs aufgearbeitet. Back to the Roots auch in musikalischer Hinsicht: Sufjan Stevens, der komplizierte Arrangements zwischen Folk und Artrock („Come on Feel the Illinoise“), aber auch experimentelle elektronische Musik („All Delighted People“, The Age of Adz“) komponiert hat, tritt bei „Carrie and Lowell“ bescheiden als Singer/Songwriter auf. Doch seine einfach scheinenden Songs sind alles andere als schlicht – und er erweist sich einmal mehr als Meister der Melancholie, der den dunklen Seiten des Lebens größtmögliche Schönheit abgewinnen kann.

Eine rundum stimmige Selbstinszenierung, auch beim Hamburger Konzert, dem ersten von vier Deutschland-Auftritten seiner Welttour: Die Lichtdramaturgie ist perfekt, der Sound transparent, die vierköpfige Begleitband exzellent und bei Bedarf auch vielseitig, sodass schon mal für einen kurzen Effekt Mandoline, Ukulele, Banjo oder Posaune eingesetzt werden.

Der Meister selbst wird wirkungsvoll beleuchtet, wenn er seine ostinaten Melodien singt, die dennoch nie gleichförmig klingen, weil Stevens mit eindringlicher Stimme Geschichten erzählt, denen sein Hipster-Publikum andächtig lauscht. Wenn der Multi-Instrumentalist sich selbst auf der akustischen Gitarre oder einem Piano begleitet, dann klingt das oft wie hingetupft, wie Klangbilder in Pastellfarben. Doch dass Stevens auch anders kann, blitzt auf im gefühlte 15 Minuten langen Ambient-Ausklang von „Blue Bucket of Gold“, der zwischen Sphärenmusik und Kakophonie changiert.

Wie gesagt: Stevens konzentriert sich auf die intensiven Songs von „Carrie & Lowell“, doch sie sind beim Live-Auftritt rockiger arrangiert und mit schwellenden Synthie-Sounds unterlegt. Überdies werden geschickt einzelne ältere Songs eingeflochten, bevor Stevens in der üppigen Zugabe fünf Stücke aus der experimentellen Phase folgen lässt, die in Singer-Songwriter-Fassungen ohne die damaligen vertrackten Arrangements zeigen, dass er sich tatsächlich nie wirklich von seinen Ursprüngen entfernt hat.

Das alles hat große Ohrwurmqualitäten, klingt oft vertraut und doch nie trivial. Nach knapp zwei Stunden Standing Ovations. Und die Gewissheit, dass die sehr eigene Projektionsfläche von Sufjan Stevens groß genug ist, dass sich viele Menschen ihre eigenen Bilder darauf machen können.

SETLIST

01. Redford (for Yia-Yia & Pappou) – von „Greetings from Michigan“

02. Should Have Known Better – von „Carrie & Lowell“

03. Death with Dignity – von „Carrie & Lowell“

04. Drawn to the Blood – von „Carrie & Lowell“

05. Eugene – von „Carrie & Lowell“

06. John My Beloved – von „Carrie & Lowell“

07. The Only Thing – von „Carrie & Lowell“

08. Fourth of July – von „Carrie & Lowell“

09. No Shade in the Shadow of the Cross – von „Carrie & Lowell“

10. Carrie & Lowell – von „Carrie & Lowell“

11. The Owl and the Tanager – von „All Delighted People“

12. All of Me Wants All of You – von „Carrie & Lowell“

13. Vesuvius – von „Age of Adz“

14. Blue Bucket of Gold – von „Carrie & Lowell“, mit ausgedehntem Ambient-Ausklang

ZUGABE

15. Futile Devices – von „Age of Adz“

16. The Dress Looks Nice on You – von „Seven Swans“

17. John Wayne Gacy – von „Come on Feel the Illinoise“

18. Casimir Pulaski Day – von „Come on Feel the Illinoise“

19. Chicago – von „Come on Feel the Illinoise“