Premiere in Hamburg

Dreigroschenoper im Thalia Theater ohne Haifisch-Song

Die Schauspieler Katharina Marie Schubert (l-r, Polly Peachum), Victoria Trauttmansdorff (Celia Peachum) und Jörg Pohl (Jonathan Jeremiah Peachum) stehen  im Thalia Theater in Hamburg während der Fotoprobe des Stücks "Die Dreigroschenoper" auf der Bühne

Die Schauspieler Katharina Marie Schubert (l-r, Polly Peachum), Victoria Trauttmansdorff (Celia Peachum) und Jörg Pohl (Jonathan Jeremiah Peachum) stehen im Thalia Theater in Hamburg während der Fotoprobe des Stücks "Die Dreigroschenoper" auf der Bühne

Foto: Daniel Reinhardt / dpa

Acht Bert Brechts in Arbeiterkluft: In verblüffender Art zeigt Antú Romero Nunes „Die Dreigroschenoper“ im Thalia Theater.

Hamburg.  „Freiheit – Großzügigkeit - Bleiberecht“ leuchtet in Abwandlung des französischen Revolutionsmottos in großen Lettern auf einer Projektionsfläche vor dem Hamburger Thalia-Theater. Am Samstag, als auf dem Rathausmarkt der Hansestadt 7500 Menschen ihre Solidarität mit Flüchtlingen bekundet haben, nimmt auch der angesehene Musentempel Stellung. Beim abendlichen Spielzeit-Eröffnungsempfang mit Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) erklärte Intendant Joachim Lux, wegen des so akuten Migrationsthemas sogar sein Programm 2015/16 ändern zu wollen.

Aufführungen wie die gefeierten „Schutzbefohlenen“ von Elfriede Jelinek (Regie: Nicolas Stemann) oder „'an,komen“, ein Projekt mit unbegleiteten jugendlichen Flüchtlingen, das ab 24. Oktober in der Studiobühne Gaußstraße gezeigt wird, unterstreichen bereits das dezidiert politische Selbstverständnis des Thalia, einem der ersten Theater der Republik. Durch und durch politisch ist auch das Stück, das der junge, sehr erfolgreiche Hausregisseur Antú Romero Nunes zum Saisonstart auf die Bühne des Großen Hauses gebracht hat: Brecht/Weills musikalischer Dauerbrenner „Die Dreigroschenoper“ von 1928. Nicht weniger als zum Umsturz der Verhältnisse ruft der Autor darin auf. Bei Nunes’ frappierendem, erfrischend modernem Konzept jubelte das Premierenpublikum.

Dabei bemüht sich Nunes gar nicht um inhaltliche Aktualisierung, sondern spielt höchst lustvoll und unterhaltsam mit Brechts Theorien zum „Epischen Theater“. Das will im Gegensatz zur „bürgerlichen“ Dramatik eine Identifikation mit den Rollenfiguren vermeiden, setzt auf Verfremdungseffekte. Auf nachtschwarzer Bühne, nur von wechselnden Leuchtstab-Installationen kalt-abstrakt erhellt (Entwurf: Florian Lösche), tauchen so nach und nach acht Bert Brechts auf – in blauer Arbeiterkluft, mit Schiebermütze, Nickelbrille und brennender Zigarre: Bettler-Ausbeuter Peachum (Jörg Pohl), seine Frau Celia (Viktoria Trautmannsdorff), Verbrecherkönig Mackie Messer (Sven Scheiker), Polizeichef Tiger Brown (Thomas Niehaus), Spelunken-Jenny (Franziska Hartmann) und das übrige bekannte Personal, das die von „BB“ attestierte Verderbtheit und Korruptheit der Gesellschaft repräsentiert.

Paffend beginnt Pohl/Peachum mit einer Einführung in die böse Handlung. Er und all die anderen spielen auch die Kulissen, sprechen Regieanweisungen mit, wiederholen schon mal eine Szene, wenn ihnen eine Darstellung nicht gefällt. Ihre Hüllen lassen die Darsteller in der Bordellszene fallen – tragen nun Männerunterhosen und stellen Huren vor. Diese äußere Kargheit wechselt ab mit prallen Szenen – etwa wenn Mackie und Jenny erotisch Tango tanzen oder Mackie sich mit dem Polizeichef eine Martial-Arts-Keilerei liefert.

Wie neu gesehen wirkt somit die alte „Dreigroschenoper“ auf den Zuschauer, jedoch wohl mehr als gekonnt freches Spiel denn als politischer Sprengstoff. Hinreißend singen und sprechen die spielfreudigen Darsteller ihre berühmten Liedertexte wie die von den Kanonen, auf denen Soldaten wohnen. Und acht MusikerInnen hinten auf der Bühne und ebenfalls als Brecht gekleidet, treffen dazu unter Leitung von Johannes Hofmann einen zündend schrägen Ton.

Gestrichen hat Nunes den „Haifisch“-Gassenhauer – wohl, um dem Publikum allzu große Weill’sche Schlagerseligkeit zu vermasseln. Der Regisseur, 1983 in Tübingen geboren, ist ein Star der Szene. Oft kreist er in seiner Arbeit um das Scheitern von Idealen. Als Absolvent der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“ hatte er am Thalia bereits die Spielzeit 2011/12 mit einer unterhaltsam hoffnungslosen Version von Tankred Dorsts „Merlin oder das wüste Land“ eröffnet, danach etwa mit „Don Giovanni“ als Mitmach-Party nach Mozart und Wagners „Ring“ als archaisch-brutalem Sprechtheater Furore gemacht.