Musik

Kein Sommer ohne einen Hamburger Ohrwurm

 Armando Quattrone, im kalabrischen Marina geborener Hamburger Sänger und Songschreiber, gewann mit „Positivo“ die „NDR 2 Sommerhit WM“ und ließ dabei auch Felix Jaehn hinter sich

Armando Quattrone, im kalabrischen Marina geborener Hamburger Sänger und Songschreiber, gewann mit „Positivo“ die „NDR 2 Sommerhit WM“ und ließ dabei auch Felix Jaehn hinter sich

Foto: Ragna-B. Siegel PR

Aktuell liegen zwei Hamburger Titel von DJ Felix Jaehn und Sänger Armando Quattrone in der Hörergunst vorn.

Hamburg. Ist es die Sonne? Oder transportiert warme Luft Gefühle und Gelüste einfach besser? Auf jeden Fall liegt Musik in der Luft, wenn der Sommer in Hamburg mal auf einen Freitag fällt. Oder auf einen Sonntag. Dann versammeln sich Hunderte am Reiherstieg in Wilhelmsburg, um beim „MS Artville Sonnenfest“ unter freiem Himmel zu den House-Beats von Felix Jaehn zu tanzen. Oder sie tummeln sich vor der „Trattoria 500“ in der Paul-Roosen-Straße auf St. Pauli, wo Sänger Armando Quattrone zur Gitarre greift. Beide, Jaehn und Quattrone, stehen im Großen wie im Kleinen für ein jährliches Phänomen: den Sommerhit.

Spätestens seit Eddie Cochrans Rock’n’Roll-Klassiker „Summertime Blues“ aus dem Jahr 1958 ist klar: Wenn die Sonne scheint, wenn es die Menschen vor die Haustür treibt, dann sind die Gedanken freier, die Herzen empfänglicher für einfache Melodien, einfache Botschaften. Und die Plattenfirmen haben ein Geschäft daraus gemacht. 1989 trieb „Lambada“ von Kamoa auch den stärksten Bewegungslegastheniker in die Tanzschule, um bei der nächsten Hochzeitsfeier mit der Brautmutter die Hüften zu schwingen wie ein außer Kontrolle geratenes Wohnwagengespann bei Sturm. 2002 verknotete sich die halbe Welt die Arme bei der Choreografie zu „The Ketchup Song (Aserejé)“ von der Band mit dem fantastischen Namen Las Ketchup. 2008 gaben wir mit Katy Perry zu: „I Kissed A Girl“. Das war „Crazy“, um es mit Gnarls Barkley 2006 zu sagen. Ein toller Song, wie auch Lykke Li mit „I Follow Rivers“ 2012.

Sie singen meist nur einen Sommer, aber das so richtig. Familienfeste, wo der DJ Lou Begas „Mambo No. 5“ nicht mindestens zwei Mal hintereinander auflegte, standen 1999 kurz vor der allgemeinen Eskalation. Zwar schämt man sich schon im Herbst dafür, O-Zones Heuler „Dragostea din tei“ (2004) gekauft zu haben, der für immer als unberührte Dateileiche im iTunes-Ordner verwest – aber hey, der Kuss auf der Tanzfläche in El Arenal oder Lloret de Mar war der „Hamma!“, wie Culcha Candela 2007 sang. Ein schöner Kuss. Und wie sie sich bewegte in ihrem Outfit. Wie hieß sie? „Maria“?

Der Sommer ist die beste Jahreszeit, um Hits zu generieren. Es erscheinen kaum wichtige Alben, nur ein paar Tausend verkaufte und heruntergeladene Songs reichen für eine Top-Ten-Platzierung in den Singlecharts und entsprechende Verbreitung im Radio. Und so pressen die Labels potenzielle Hits auf den Markt wie einen Tennisball durch einen Gartenschlauch. Einer wird sich durchsetzen und in Deutschland von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), ehemals Media Con­trol, zum offiziellen Sommerhit gekürt.

Planbar ist der Erfolg nicht. Das zeigt sich am Beispiel Felix Jaehn. Der 1994 in Hamburg geborene und im Klützer Winkel im Landkreis Nordwestmecklenburg lebende DJ und Produzent hat dieses Jahr mit seinem Remix von Jasmine Thompsons „Ain’t Nobody (Loves Me Better)“, im Original ein Discoklassiker von Rufus und Chaka Khan, den offiziellen deutschen Sommerhit abgeliefert, wie die GfK Montag meldete.

Der Anheizer für diesen Erfolg war ein anderer Track von Felix Jaehn: „Cheerleader“, ein Remix eines Liedes des Jamaikaners Omi, schoss Ende 2014, Anfang 2015 überraschend aus dem Nichts an die Spitzen der Charts in den USA, Großbritannien, Schweiz, Österreich, Frankreich, Australien, Kanada und auch Deutschland. Drei Millionen Mal verkauft und 200 Millionen Mal auf YouTube angesteuert. Hamma! Ultra Records freut sich, die anderen Labels haben das Nachsehen, trotz ungezählter Meetings, Powerpoint-Präsentationen und Marktforschungen rund um ihre geplanten Hits.

Hierzulande feiert man Jaehns anhaltenden Überraschungserfolg mit „Cheerleader“ als ersten deutschen US-Nummer-eins-Hit seit „Blame It On The Rain“ von den Lippenbewegern Milli Vanilli aus dem Jahr 1989. Dass Jaehn nicht viel mehr tat als ein paar fluffige House-Beats unter Omis 2012 veröffentlichte Gesangsspur zu legen und sein Remix wie ein wahlloser Griff in die Bausteine von Sounddatenbanken klingt – geschenkt. Hit ist Hit. Auch „Mambo No. 5“ und „Lambada“ basierten auf Songs, die 1949 und 1981 entstanden sind. „Gäbe es meinen Song nicht, gäbe es auch keinen Remix“, sagte Omi der „New York Times“.

Gäbe es meinen Song nicht, gäbe es auch keinen Remix – das gilt auch für den in Italien geborenen Sänger Ar­mando Quattrone. Der auf St. Pauli lebende Künstler veröffentlichte 2014 sein Album „Positivo“, eine Platte voller Gemüt, Urlaubsstimmung, Leichtigkeit. Remixer Florian Buba von der Klangkanzlei, einer Musikagentur für Werbeclips von namhaften Konzernen, wählte den Titelsong „Positivo“ aus, um auf Basis des Liedes einen Werbespot für einen bekannten Likör zu untermalen. Eingereicht wurde „Positivo“ auch für die „NDR 2 Sommerhit WM“, bei der die Hörer aus 16 Songs wählen konnten. Nach der letzten Runde gewannen nicht Felix Jaehns „Cheerleader“-Remix, Jason Derulos „Want To Want Me“ oder Aviciis „Waiting For Love“, sondern der noch weitgehend unbekannte Sonnyboy vom Kiez.

Sommerhits sind so wenig planbar wie das Wetter. „Vielleicht habe ich gewonnen, weil ich die Sonne im Herzen trage, vielleicht war es auch Glück, vielleicht auch beides“, erzählt Armando beim Treffen vor der Trattoria 500. Wer weiß, was noch kommt, ob das geplante zweite Album ein Erfolg wird. Er tanzt erstmal mit Freunden und Familie auf der Straße und feiert die Sonne, die pure Lebensfreude.

Und das werden wir auch nächstes Jahr tun. Bis dahin warten wir noch auf den Weihnachtshit – „Last Christmas“ von Wham! könnte ein Favorit sein – und dann wird es wieder Sommer. Mal sehen, auf was für einen Tag er fällt. Aber in Hamburg tanzt man auch gern am Mittwoch, wenn die Sonne scheint.