Sat.1-Reihe

25 Jahre deutsche Geschichte, übersichtlich angeordnet

Ulrich Meyer moderiert die dreiteilige Sat.1-Reihe „Wir sind Deutschland“, in der auch Prominente aus Kultur, Politik und Sport zu Wort kommen

Ulrich Meyer moderiert die dreiteilige Sat.1-Reihe „Wir sind Deutschland“, in der auch Prominente aus Kultur, Politik und Sport zu Wort kommen

Foto: Andre Kowalski / SAT1

Die Sat.1-Reihe „Wir sind Deutschland“ ist ein gutes Beispiel dafür, dass Ranglisten die Menschen immer wieder faszinieren.

Die Liste der Fernsehsendungen, die sich in irgendeiner Form mit 25 Jahren Wiedervereinigung beschäftigen, bis zum Ende dieses Jahres wird sie auf beeindruckende Länge angewachsen sein: Und dank „Wir sind Deutschland“ kann sich Sat.1 sicher sein, auf ihr zu landen. Wenn es nach dem Ausstrahlungsdatum geht, sogar ganz weit vorn.

Auf der Liste der besten Fernsehshows des Jahres wird sie allerdings eher nicht zu finden sein. Denn die auf drei Teile – „Unsere Helden“, „Unsere Schlagzeilen“ und „Unsere aufregendsten Momente“ – angelegte Reihe macht ziemlich genau das, was auch ein sogenannter Listicle bei „Buzzfeed“, „Heftig.co“ oder ähnlichen Webportalen tut: Er ködert die Menschen mit dem Versprechen von Ordnung, von Überblick, Popularität und einem Gefühl von Gemeinschaft.

Im Netz tragen solche Zusammenstellungen dann Titel wie „Zehn Dinge, die Sie tun sollten, bevor Sie in Rente gehen“, „Zwölf geniale Dinge, die du mit Nagellack machen kannst“ oder „24 Wahrheiten, die nur Eltern von kleinen Kindern kennen“. Hinter der zugespitzten Überschrift verbirgt sich meist eine Menge an Information, die mit dem Wort übersichtlich noch äußerst wohlmeinend beschrieben ist. Trotzdem generieren Listicles Unmengen von Klicks. Denn wir lieben Listen. Ob geordnet oder ungeordnet, mit vielen oder wenigen Einträgen und nahezu egal zu welchem Thema, Listen funktionieren immer. Eben weil sie Schneisen in die überbordende Menge von Informationen schneiden, weil sie vermeintlich klare Verhältnisse schaffen: Was drauf ist, ist wichtig, was nicht dabei ist, darf man getrost vergessen.

Sat.1 geht mit „Wir sind Deutschland“ allerdings noch ein paar Schritte weiter als der meist in wenigen Minuten zusgammengeschriebene Listicle im Netz. Nicht nur, dass man gleich die ganze Nation als Zielgruppe in den Blick nimmt, dazu kommt auch noch der historische Anspruch: 25 Jahre deutsche Geschichte, übersichtlich angeordnet an drei Fernsehabenden.

Dazu gesellen sich Prominente wie Edmund Stoiber, Klaus Wowereit, Til Schweiger oder Smudo, durch deren Kommentare dem rückblickenden Rundumschlag noch mehr Relevanz verliehen werden soll. Es mag dem gesamtdeutschen Anspruch geschuldet sein, dass Sat.1 seine „Helden“ nach ebenso undurchsichtigen wie vielfältigen Maßstäben ausgewählt hat. Kultur- und Ereignisgeschichte, Sozial- und Kriminalgeschichte, alles wird zu einem von Moderator Ulrich Meyer nur mühsam zusammengehaltenen Sammelsurium verquirlt.

Der einzige rote Faden, der unter anderem Kaufhauserpresser Arno „Dagobert“ Funke und Radsportler Jan Ullrich, die Diddl-Maus und die Helfer bei der Oderflut 1997 zu „Helden“ erklärt, scheint zu sein, dass alle irgendwann in irgendeiner Form in den vergangenen 25 Jahren in Erscheinung getreten sind. Und dass man sich mit relativ großer Sicherheit an sie erinnern kann – ob positiv oder negativ scheint erst einmal egal zu sein.

Vielleicht hat die auf den ersten Blick wahllose Zusammenstellung aber auch Methode und appelliert nicht nur an die persönliche Erinnerung, sondern auch an eine andere Funktion von Listen: Sie fordern Widerspruch heraus. Das klappt schließlich sogar mit Rangfolgen, die auf ganz objektiv messbaren Eigenschaften wie Verkaufszahlen beruhen. Darüber, dass das augenblickliche Lieblingsbuch nicht auf der Bestsellerliste vertreten ist, kann man sich trefflich aufregen. Umgekehrt funktioniert das Ganze sogar noch besser: „Was hat die/der/das denn da verloren?!“

Hat man erst einmal draufgeklickt oder eingeschaltet, interagiert man mit einer Liste, ganz automatisch. Ob man sie nun in Gedanken ergänzt oder kürzt, sich über sie amüsiert oder ärgert oder sie einfach als Gedächtnisstütze nutzt.

„Wir sind Deutschland“ ist vielleicht keine besonders gute Fernsehshow; dafür ist sie zu wenig durchdacht, drückt zu sehr auf die Tränendrüse und versucht, allen gleichzeitig zu gefallen. Trotzdem wird sie ihr Publikum finden: Denn sie ist ein gutes Beispiel dafür, dass Listen faszinieren.

„Wir sind Deutschland – Unsere Helden“,
Mi 20.15 Uhr, Sat.1