Hamburg

Prachtband erzählt von leidenschaftlichen Comic-Liebhabern

 Thomas Wilde, 57, ist ein begeisterter Sammler der „Mosaik“-Serie, die 1955 in der DDR gestartet wurde und bis heute läuft

Thomas Wilde, 57, ist ein begeisterter Sammler der „Mosaik“-Serie, die 1955 in der DDR gestartet wurde und bis heute läuft

Foto: HA

Insgesamt 15 Sammler haben Alex Jakubowski und Sandra Mann in ihrem Prachtband „Die Kunst des Comic-Sammelns“ porträtiert.

Hamburg.  „Die ganze Kindheit wehte mich an, als ich einen kleinen Stapel Mickey-Maus-Hefte von 1952 auf dem Flohmarkt entdeckte und dann war mir klar: Das sammle ich jetzt, davon will ich alles haben“, erinnert sich Peter Orban. Er ist einer von insgesamt 15 Sammlern, die Alex Jakubowski und Sandra Mann in ihrem großformatigen Prachtband „Die Kunst des Comic-Sammelns“ porträtieren.

14 Männer und eine Frau haben die beiden getroffen, sich von deren Leidenschaft erzählen, deren herausragende Sammelstücke zeigen lassen. Interessant ist dabei, wie sehr sich die Geschichten ähneln. Es geht um „lebenslange Obsessionen, um die „Komplettheits-Manie“, natürlich um Kindheitserinnerungen und das Herzrasen, wenn ein lange gesuchtes Objekt der Begierde endlich auftaucht. Innerhalb dieser Koordinaten allerdings ist die Spannbreite groß. Sie reicht vom Manga-Fan Carola Leonhard, die sich regelmäßig wie ihre Lieblingsfiguren verkleidet, bis zu Heinz Fürst von Sayn-Wittgenstein, der die weltweit größte, millionenschwere Sammlung mit Arbeiten von Carls Barks („Donald Duck“) besitzt und sagt, zum Lesen der Comics fehle ihm die Zeit.

Überhaupt sind es die vielen kleinen, sehr persönlichen Geschichten, die mindestens zur Hälfte den Reiz dieses Bandes ausmachen. Etwa die Erinnerung an lange Urlaubsfahrten, für die von den Eltern Comics gekauft wurden, „damit der Junge Ruhe gibt“. Welche Konsequenzen dies später haben würde, konnte niemand ahnen.

Zwar sagt Peter Orban, der 1974/75 den ersten deutschen Comic-Preiskatalog erstellte: „Mit dem Alter wird man ruhiger.“ Doch beim Durchblättern der 280 Seiten entsteht zumeist ein anderer Eindruck. Nämlich der, dass der Sammelvirus vielleicht für eine Weile abgeschwächt werden kann, jedoch immer wieder um sich greift. Dann ist die Not groß, wenn ein Heft der Serie „Hot Jerry“, Wert 500 Euro, trotz Aufbewahrung in einer Schauvitrine, von einem Holzwurm angeknabbert wird. Oder eine der extrem selten auftauchenden Originalzeichnungen von Bill Watterson („Calvin und Hobbes“) so teuer ist, dass sie wohl auf ewig unerschwinglich bleibt.

Natürlich unterscheiden sich Comicsammler nicht grundsätzlich von anderen Sammlern – auch wenn ihre Präsenz in Serien wie „The Big Bang Theory“ oder „Die Simpsons“ (der Comicladentyp!) sie als besonders seltsam, als echte Nerds eben, herausstellt. Doch ob Schallplatten, Fußballtrikots oder eben Comis: Alle echten Sammler eint, dass sie enorme Mühen für ihr Hobby auf sich nehmen, dass sie Geld, Freizeit und sehr viel Stauraum investieren. Viele von ihnen lieben die Ordnung, die Systematik, die aufregende Jagd nach Raritäten, die wichtiger sein kann, als das rare Stück selbst. Und sie alle müssen sich von Nicht-Infizierten gelegentlich belächeln lassen. Auch Christian Schmidt-Neumann, der sich auf gezeichnete Widmungen von Comiczeichnern spezialisiert hat. Um ein solches Unikat von Milo Manara seiner Sammlung hinzuzufügen, stand er einmal bereits am frühen Morgen bei Minusgraden Stunden vor der Öffnung einer Ausstellungshalle an, wartete dann bis zum Abend in einer Reihe weiterer Fans, immer in der Angst, dass Manara die Audienz beenden könnte – und bekam schließlich sein Bild. Ein Moment großen, hart erkämpften Glücks.

Für Außenstehende ebenfalls kurios: Diskussionen über die Beschaffenheit von Heftklammern bei alten Micky-Maus-Ausgaben („Ist das etwa Rost?“) oder den speziellen Modder-Duft der „Akim“-Piccolos aus den 50er-Jahren. Der eine, Thomas Wilde aus Leipzig, hat mit dem Notverkauf der russischen Gesamtausgabe der „Mosaik“-Heftchen seine Scheidung finanziert, ein anderer kann die Autoren des vorliegenden Buches leider nicht in seine Wohnung lassen, weil die sammlungsbedingt nicht begehbar ist. Kuriositäten überall.

Dazu gibt es wunderbare, oft doppelseitige Fotos von Sandra Mann, auf denen die Sammlungen oder besonders interessante Details präsentiert werden. Verbindendes Element: der mindestens zufriedene, oft sogar glückliche Blick der mit ihren Schätzen Porträtierten. Darunter übrigens auch Alexander Bubenheimer, der sein Hobby zum Beruf gemacht hat: Er ist Vertriebschef der Panini-Comics Deutschland. Auf 30.000 Hefte schätzt er seine Sammlung. Genauer weiß er es nicht, das Gros lagert ordentlich verpackt in weißen Pappkartons im Keller seines Eigenheims, und es ist kein Exemplar dabei, das er nicht gelesen hätte.

Wie sagt Onkel Dagobert in einem alten Donald-Duck-Heft so schön: „Sammler sind glückliche Menschen“ Dieses Buch lässt daran kaum Zweifel.

„Die Kunst des Comicsammelns“ von Alex
Jakubowski und Sandra Mann, Edition Lammerhuber, 280 Seiten, 49,90 Euro