Popstar im Interview

Joss Stone: „Ich mache meine Musik ja nicht für mich“

Popstar oder Mädchen von nebenan? Beides. Joss Stone bei ihrem Hamburger Interviewtag im Café Hadley’s am Schlump

Popstar oder Mädchen von nebenan? Beides. Joss Stone bei ihrem Hamburger Interviewtag im Café Hadley’s am Schlump

Foto: picture alliance

Die Musikerin hat mit „Water For Your Soul“ ein wunderbar sommerliches Reggae-Album aufgenommen.

Hamburg. Wer Joss Stone trifft, hat das Gefühl, mit einer guten Freundin zusammenzusitzen. Im Bed & Breakfast des Cafés Hadley’s am Schlump empfängt sie ihr Gegenüber, als sitze sie im eigenen Wohnzimmer. Sie strahlt, bietet Tee und Kekse an und erzählt mit diesem britischen Akzent, in dem viel Humor mitschwingt. Das Temperament der 28-jährigen Britin ist auch auf ihrem neuen Album „Water For Your Soul“ zu hören. Ein Gespräch über Streiten, Freiheit, Ausprobieren.

Joss Stone: Okay, was wollen Sie ­wissen?

Hamburger Abendblatt: Oh, diverse Dinge, um ehrlich zu sein. Ich habe gelesen, dass viele Ihrer neuen Songs auf Diskussionen mit Freunden beruhen ...

Stone: (hakt sofort ein) Ja, stimmt! Sie müssten mal bei mir in der Küche sitzen! Es geht da verdammt lebhaft zu.

Verstehen Sie Ihre Songs demnach auch als Aufforderung, seine Meinung zu äußern, auch zu streiten über ein Thema?

Stone: Unbedingt. Es ist einfach gut, wenn Menschen miteinander reden. Es ist gut, die Dinge auszudiskutieren. „Können wir nicht einfach anerkennen, dass wir unterschiedlicher Meinung sind“, lautet ein Vers in meinem Song „Star“. Das war eine der Wendepunkte in der Beziehung zu meinem Freund. Es ist wie in der Politik. Bei den Wahlen im Mai haben alle meine Freunde etwas anderes gewählt. Aber es ist okay, dass jeder seine Ansichten hat. So soll es sein. Die meisten Kriege starten, weil die eine Seite nicht die Überzeugung der anderen akzeptieren kann. Die müssten mal reinen Tisch machen. Aber ich denke, ich stelle es einfacher dar, als es ist. Also: Gott sei Dank regiere ich nicht die Welt! (lacht)

Ihre Platte verbreitet eine unglaublich positive Stimmung, aber die Texte sind nicht ausschließlich unbekümmert. Zum Beispiel in „Let Me Breathe“. Die Protagonistin des Songs bittet ihre einstige Liebe, den Kontakt nach der Trennung wirklich komplett abzubrechen, damit sie wieder frei atmen kann.

Stone: Oh, ich hasse diese Situation! Letztlich bittet man darum: Sei gemein! Lass mich in Ruhe! Bitte, sei ein Arschloch! Aber nein, dass passiert nicht. Also muss man sich selbst befreien. Es ist nicht die Aufgabe von jemand anderem. Aber das ist hart.

Apropos Freiheit. Sie sind mit einem Wohnmobil durch Europa gereist. Ist das für Sie ein Weg, sich noch unabhängiger zu fühlen?

Stone:Das einzige Mal, als ich mich komplett unfrei gefühlt habe in meinem Leben, war mit diesem Plattenlabel (Anm. d. Red.: Stone hatte starke Differenzen mit EMI, wie ihr viertes Studioalbum „Colour Me Free!“ zu veröffentlichen sei. Sie gründete danach ihr eigenes Label Stone’d Records.) Seitdem habe ich das Gefühl, ich kann überall hingehen und machen, was ich will.

Was Sie mit Ihrer Welttour ja letztlich auch tun. Bei jeder Station spielen Sie Sessions mit Musikern aus dem jeweiligen Land. Ist Ihre Herangehensweise da jedes Mal ähnlich oder stoßen Sie auf ganz unterschiedliche Energie-Level?

Stone: Es ist jedes Mal anders. Aber ich versuche immer, in das einzutauchen, was die einzelnen Musiker gerade tun. Auf keinen Fall übernehme ich da das Ruder. Ich möchte Teil ihrer Sache werden. In Bahrain etwa fing ein Mann in einer ganz anderen Tonleiter zu singen an. Ich habe das geliebt. Er hat mir so viel Energie gegeben, dass ich es letztlich auch ausprobiert habe. Zudem versuche ich, die Stücke in der jeweiligen Landessprache zu singen. Ich will dem Ganzen mit möglichst viel Respekt begegnen. Ich lerne so viel! Es ist ein Austausch auf Augenhöhe.

Sie kooperieren gerne, auf „Water For Your Soul“ zum Beispiel mit Damian Marley. Wie lief das ab?

Stone: Die Energie war wirklich cool, eine richtige Party-Stimmung. Damian ist wunderbar. Er ist eine ganz eigene Seele. Der ganze Raum kann voller Leute sein – wenn er spricht, hören alle zu. Er hat etwas, das ich nie zuvor erlebt habe.

Haben Sie bei den Sessions nicht manchmal gedacht: Wahnsinn, ich sitze hier mit dem Erbe des Reggae – und spiele tatsächlich Reggae mit ihm?

Stone: Nicht wirklich. Klar weiß ich, wo er herkommt. Und ich habe Respekt davor. Und wenn er mir Komplimente macht zu meiner Musik, habe ich das Gefühl, ich bin auf dem richtigen Weg. Seine Unterstützung hilft definitiv. Aber wenn wir zusammen arbeiten, ist er einfach Damian, dieser wundervolle Engel in Menschengestalt, mit dem ich abhängen darf.

Ihre Platte geht stilistisch weg vom Soul und Blues, hin zu Reggae, auch zu Hip-Hop und Weltmusik. Hat sich dadurch auch die Art verändert, wie Sie an Ihre Lieder herangehen?

Stone: Mein Ansatz ist jedes Mal ein anderer. Ich ändere einen Rhythmus oder eine Melodie so lange, bis der Song unterhaltsam und erfreulich klingt. Ich mache meine Musik ja nicht für mich, ich mache sie für alle.

Der Titel Ihres Albums – „Water For Your Soul“ – besagt sehr eindeutig, wie wichtig Musik für das Seelenleben ist. Inwiefern begleitet Musik Ihren Tag? Stehen Sie auf und legen als Erstes eine Platte auf?

Stone: Nein. Es ist lustig: Früher habe ich ständig Musik gehört. Aber mittlerweile finde ich, dass in der Stille eine unglaubliche Schönheit liegt. Wenn ich Musik höre, möchte ich kreativ sein, sie nutzen und ein Teil von ihr werden. Wenn ich mich unterhalten will und nebenbei läuft Musik, kann ich mich nicht so gut auf das Gespräch konzentrieren. Wenn ich zu Hause bin, lege ich aber Vogelstimmen auf. Ich habe in allen Räumen Lautsprecher. Und ich höre das Zwitschern in der Küche, überall. Es beruhigt alle. Das mag ich. Vor allem am Morgen.