Theater Kontraste

„Mutti“-Autorin: „Politik ist gezwungen, sich darzustellen“

Bei ihr laufen die Drähte zusammen: Kerstin Hilbig, 54, hier ohne Merkeltypische
Kleidung und Perücke, spielt im Theaterstück „Mutti“ die Kanzlerin

Bei ihr laufen die Drähte zusammen: Kerstin Hilbig, 54, hier ohne Merkeltypische Kleidung und Perücke, spielt im Theaterstück „Mutti“ die Kanzlerin

Foto: Roland Magunia

Schriftstellerin Juli Zeh über die Inszenierung der Kanzlerin und die Idee, nach der Griechenland-Misere eine Komödie zu schreiben.

Hamburg.  Ob auf nationaler oder internationaler Bühne – die Bundeskanzlerin steht auch in diesem Sommer wieder im Blickpunkt. „Mutti“ – ein Spitzname, der Angela Merkel schon vor zehn Jahren von älteren Unions-Politikern verpasst wurde – entscheidet maßgeblich über Griechenlands und damit Europas Zukunft.

Mutti“ hat die Autorin Juli Zeh auch ihr Theaterstück genannt, das sie mit Charlotte Roos schrieb und das im Mai 2014 bei den Ruhrfestspielen Premiere hatte und seit diesem Mai auch im Theater Kontraste im Winterhuder Fährhaus auf dem Programm steht. In der grotesken Komödie schicken die Autorinnen Merkel, ihren Vize Sigmar Gabriel, Verteidigungsministerin von der Leyen und CSU-Chef Seehofer in eine Gruppentherapie, eine sogenannte Familienaufstellung – ausgerechnet am Tag des Endspiels der Fußball-WM. Merkel aber simst lieber mit „Jogi“ Löw über Taktik und kalkuliert damit, dass sie den Deutschen bei einem WM-Sieg ein weiteres 150-Milliarden-Euro-Rettungspakt für Griechenland verkaufen kann. Am Sonnabend war Juli Zeh, 41, Gast der Hamburger „Mutti“-Inszenierung.

Hamburger Abendblatt: Dass Angela Merkel bis heute als Kanzlerin amtiert, überrascht nicht. Aber hätten Sie zur Uraufführung 2014 gedacht, dass die in Ihrem Stück thematisierte Griechenland-Krise aktueller denn je ist?

Juli Zeh: Ja, damit hatte ich fest gerechnet. Es war völlig klar, dass sich die Krise durch die Politik von Brüssel und Berlin nicht auflösen, sondern nur hinauszögern wird. Was mich tatsächlich überrascht hat, ist, dass unsere Vorhersage, dass Deutschland im Jahr 2014 Fußball-Weltmeister werden wird, auch noch eingetroffen ist.

Auf die große Europa-Rede der Kanzlerin warten wir aber noch …

Zeh: ... und ich persönlich warte immer noch darauf, dass die Kanzlerin einsieht, dass Europa nicht nur ein Rechenbeispiel ist und auch nicht nur ein Modell zur Gewinnmaximierung für die deutsche Wirtschaft. Im Ausland wird ganz klar gesehen, wie sich Deutschland mit seiner neoliberalen Europapolitik ins Abseits stellt und wie das Freundschaftsgefühl zwischen den europäischen Partnern immer weiter schwindet. Hierzulande wird das gar nicht so richtig bemerkt.

War Ihr Stück ein Ausdruck des Ohnmachtsgefühls, nichts gegen das System Merkel unternehmen zu können?

Zeh: Es war eigentlich eher Faszination für das „System Merkel“. Für mich ist es ein großes Geheimnis, warum und wie es sein kann, dass diese Kanzlerin so unermesslich erfolgreich ist. Meine Co-Autorin und ich haben uns viel mit dem Charakter von Führungspersönlichkeiten auseinandergesetzt und versucht zu ergründen, welche Qualitäten heutzutage einen Manager – denn nichts anderes ist Frau Merkel ja – erfolgreich machen. Es geht nicht um Werte, nicht um Prinzipien, sondern um Anpassungsfähigkeit, Konfliktvermeidung und die Bereitschaft zum kalten Kalkül. Daraus ist die Idee für „Mutti“ entstanden.

Politik hat manchmal viel mit Theater zu tun. Wer inszeniert sich in der Europa-Krise am besten: Merkel, Gabriel oder Schäuble als Buhmann für die Griechen?

Zeh: Ich glaube, dass wir unseren Politikern in diesem Fall nicht vorwerfen können, übermäßig stark auf Inszenierung zu setzen. Ich bin sicher, dass es Merkel, Gabriel und Schäuble tatsächlich ernsthaft darum geht, die Krise zu lösen. Das Problem liegt vor allem darin, dass wir Deutschen dazu neigen, alles letztverbindlich besser zu wissen. Wir sind immer absolut sicher, im Recht zu sein, und schaffen es nicht, die Perspektive der anderen einzunehmen. Das kann man schön sehen am Verhalten der Mächtigen in diesen Tagen.

Inwieweit sind Sitzungen, ob nun mit oder ohne Krisen, und sogenannte Gipfel auf nationaler und internationaler Ebene nur noch politische Inszenierungen?

Zeh:Es ist natürlich immer auch Inszenierung dabei, aber wir dürfen nicht den Fehler machen zu glauben, es gebe keine „echte“ oder „authentische“ Politik mehr. Der Inszenierungsteil gehört besonders in Demokratien dazu, denn Politik ist gezwungen, sich nach außen darzustellen – das verlangt ja gerade das demokratische System, es soll „transparent“ sein. Also müssen die Politiker überlegen, was sie dem Volk zeigen und wie. Automatisch gerät man also als Politiker auf eine Bühne. Deshalb eignen sich politische Themen ja auch so verdammt gut fürs Theater.

Und worauf legen die Mächtigen am meisten wert?

Zeh: So lange man als Politiker noch nicht ganz oben ist, geht es vermutlich viel um Karriere und Intrige und den Versuch, die Leiter bis zum Ende zu gehen. Bei den Leuten, die schon Minister oder sogar Kanzler sind, habe ich in persönlichen Begegnungen immer wieder erlebt, dass sie tatsächlich das Beste für unser Land und die Gesellschaft wollen. Hochinteressant ist dann die Frage, was denn das „Beste“ ist. Wer entscheidet das? Bei diesen Fragen sind wir im Kern des politischen Problems.

Und wer führt bei den Gipfeln die Regie?

Zeh: Da muss man derzeit wohl klar sagen: die Deutschen. Also das größte Land mit dem größten Portemonnaie.

Für eine Gruppentherapie, wie Sie diese für „Mutti“ erdacht haben, ist die Ansammlung der Vertreter der Euro-Länder indes wohl zu groß?

Zeh: Leider. Ich glaube, eine solche Therapie wäre angebracht. Nicht umsonst spricht man von der europäischen „Familie“. Genau wie eine Familie tragen die Europa-Partner ihre Geschichten mit sich herum, voller Komplexe, Traumata, alten Kränkungen und so weiter. Psychologie spielt neben den harten Fakten eine große Rolle. Vielleicht wären sinnvolle Kompromisse leichter zu erzielen, wenn man mal aufarbeiten würde, was da alles unter der Oberfläche schwelt. Vor vielen Jahren habe ich im Ausland in einer deutschen Botschaft gearbeitet, und es gab alle paar Wochen ein Treffen von sämtlichen europäischen Botschaftern. Wenn sich da der Grieche zu Wort meldete, verdrehten alle anderen die Augen: „Passt auf, gleich fängt er wieder mit den Oliven an.“ Griechenland galt als narzisstisch und unbelehrbar, ein Land, das es nie verwunden hat, als Wiege der europäischen Kultur zu einem Schrottplatz der Demokratie geworden zu sein. Und das ist nur ein Beispiel – man könnte über jedes europäische Land ein psychologisches Profil erstellen.

Hat Sie die Griechenland-Misere oder ein Randaspekt der dauernden Krisensitzungen – auch als studierte Juristin – womöglich zu einem neuen Theaterstück oder Buch inspiriert?

Zeh: Ich habe tatsächlich darüber nachgedacht, ein Theaterstück zu schreiben, in dem einige der europäischen Länder als Personen auftauchen – ein Treffen der Allegorien gewissermaßen. Weil ich die erwähnten Psycho-Profile von Nationen so interessant finde. Daraus könnte man eine wunderbare Komödie machen: Wie Deutschland als Kraftmeier und Frankreich als abgetakelte Dame von Welt und das beleidigte England, das eigentlich gar nicht dabei sein will, und noch ein paar andere sich treffen und in einen herrlichen Streit geraten. Wer weiß, vielleicht schreibe ich es noch, wenn sich absehen lässt, wohin die europäische Reise gerade geht.

„Mutti“ bis 16.8., Zusatztermine: Di 4. u. 11.8., So 16.8., jew 19.30 Uhr, Wiederaufnahme: Juni 2016, Theater Kontraste, Karten unter T. 48 06 80 80