Hamburg

Reemtsma-Nachfolger: „Ich glaube an das gedruckte Wort“

Wolfgang Knoebel , neuer Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, im Treppenhaus des Instituts

Wolfgang Knoebel , neuer Leiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, im Treppenhaus des Instituts

Foto: Andreas Laible

Seit dem 2. April ist Wolfgang Knöbl neuer Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung. Fokus soll er Süden Europas sein.

Hamburg. Seit dem 2. April ist Wolfgang Knöbl neuer Direktor des Hamburger Instituts für Sozialforschung (HIS) und damit Nachfolger von Jan Philipp Reemtsma, 62, der das Institut 1984 gegründet hat. Knöbl, 52, der an der Freien Universität in Berlin habilitiert hat, kommt von der Georg-August-Universität Göttingen. Dort war er seit 2002 als Professor für international vergleichende Sozialwissenschaften tätig. Zudem war er Gastprofessor in New York und Toronto.

Hamburger Abendblatt: Wie sieht Ihr Fazit nach rund 80 Tagen im neuen Job aus?

Wolfgang Knöbl Der Wechsel von einem Universitätsbetrieb an eine private Forschungsinstitution ist schon eine enorme Umstellung. Das Hamburger Institut für Sozialforschung ist größer und komplexer, als es die reinen Zahlen vermuten lassen. Mir ist schnell klar geworden, dass die Möglichkeiten, die sich hier bieten, noch größer sind als ich zunächst erwartet hatte. Nun gilt es, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitzunehmen auf die neue Reise und gleichzeitig verstärkt neue Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu rekrutieren und einzustellen.

Was bedeutet es für Sie, Nachfolger einer so prägenden Persönlichkeit wie Jan Philipp Reemtsma zu sein?

Knöbl : Natürlich werde ich nicht die Bekanntheit von Jan Philipp Reemtsma erreichen. Ich werde mich bemühen, das Institut als eine Art kollektiver Leistung in der Öffentlichkeit erkennbar werden zu lassen. Andererseits ist mir durchaus bewusst, dass dieses Haus auch in 20 Jahren noch Reemtsma-Institut genannt werden wird.

Sie könnten, hat Reemtsma geschrieben, der Geschichte des Instituts ein „interessantes Kapitel in eigener Handschrift“ hinzufügen. Wie definieren Sie Ihre Handschrift?

Knöbl : Ich komme aus einem Bereich der Soziologie, der vor allem zwei Merkmale hat: Er ist stark theoriebezogen und gleichzeitig von einer extrem engen Verbindung zwischen Geschichtswissenschaft und Soziologie geprägt. Ich möchte die Theoriearbeit am Institut noch ausbauen. Außerdem wünsche ich mir eine stärkere Internationalisierung des Instituts, an dem bislang überwiegend deutsche Wissenschaftler gearbeitet haben. Zudem sollte der geografische Schwerpunkt der Forschung ein wenig verlagert werden...

Was meinen Sie damit konkret?

Knöbl : Das Institut war immer sehr stark mit Phänomenen der deutschen Geschichte verknüpft, sei es die NS-Zeit, z.B. mit der Wehrmachtsausstellung, aber auch die 68er-Protestbewegung oder die RAF. Auch der Stalinismus spielte natürlich eine Rolle, schon lange wird im HIS zum Kalten Krieg geforscht – und es gab Bezüge zu Frankreich und den USA. Mir schwebt vor, unabhängig von aktuellen oder zukünftigen politischen Krisen, einen Schwerpunkt des HIS weiter nach Süden zu verlagern, das heißt konkret in die europäische Mittelmeerregion.

Das Institut hat die Schwerpunkte mehrfach verändert, seit 2013 stehen Krisenforschung, Nachkriegszeiten und Zukunftsproduktion im Vordergrund. Werden Sie das so weiterführen?

Knöbl : Nein, in dieser Form nicht. Was natürlich nicht heißt, dass nicht einzelne Forscher zu diesen Themen am Institut weiterarbeiten werden. Wir haben gerade eine Ausschreibung für Doktoranden und Habilitanden zum Thema Makrogewalt gehabt, also kollektive Gewalt mit einer meist stark politischen Komponente wie in Kriegen oder Revolutionen. Gewalt war ja eines der zentralen Themen des HIS, hier gibt es also Kontinuitäten. Außerdem widmen wir uns Themen wie der Verletzlichkeit von Demokratien mit Fokus auf den Süden Europas.

Denkt man an die angestrebte Reform der EU-Nachbarschaftspolitik, die sich ja auch auf nordafrikanische Staaten und dortige Demokratisierungsprozesse fokussiert hat – wird sich das Institut auch mit dieser Region beschäftigen?

Knöbl : Wir sind kein so großes Institut mit Kapazitäten, die den ganzen Mittelmeerraum abdecken können. Wir werden auf Europa beschränkt bleiben, natürlich immer mit der vergleichenden Perspektive. Aber wir wären schlecht beraten, wenn wir uns etwa auf aktuelle Themen wie die Flüchtlingspolitik stürzen würden und direkt in die Politik hineingingen. Da gibt es genug andere Institutionen, die diesbezüglich forschungsmäßig präsent sind.

Es geht Ihnen also in erster Linie darum, eigene Schwerpunkte zu setzen und nicht der öffentlichen Debatte hinterherzuhecheln.

Knöbl : Das HIS versteht sich wie bisher als Forschungs- und nicht als Politikberatungsinstitut. Wir sind dabei natürlich abhängig von den Forschungspersönlichkeiten, die auf dem Markt sind. Gibt es also Forscherinnen und Forscher, die jene Themen, die uns vorschweben, auch sinnvoll bearbeiten können? Für die aktuelle Ausschreibung zu Makrogewalt haben wir interessante Bewerbungen aus der ganzen Welt erhalten.

Geht es Ihnen eher um einen wissenschaftlichen Diskurs oder um das Eingreifen in die öffentliche Diskussion?

Knöbl : Wir wollen natürlich auf dem Gebiet der Forschung mit Universitäten konkurrieren. Aber Forscher, die im HIS arbeiten, müssen auch sehen, dass wir einen Verlag haben, eine Zeitschrift herausgeben und demnächst eine Internetplattform betreiben. Deshalb müssen sie auch so offen sein, dass sie mehr als reine Forschung betreiben, sich nämlich auch der Öffentlichkeit publizistisch zuwenden können.

Dieser aufklärerische Ansatz war ja auch immer ein Markenzeichen des Instituts.

Knöbl : Ja, deshalb werden wir auch die Verlagspolitik so weiterführen. Bei der Zeitschrift „Mittelweg 36“ streben wir wieder eine engere Verklammerung zwischen der im Institut betriebenen Wissenschaft und den Inhalten der Zeitschriftenartikel an. Ob man das jetzt Aufklärung nennt, darüber kann man streiten. Wir wollen Themen anbieten, bei denen man mit Resonanz in der Öffentlichkeit rechnen kann.

Was unterscheidet das Institut wesentlich von der Universität?

Knöbl : Universitäten legitimieren sich unter anderem durch die Zahl der abgeschlossenen Habilitationen oder Promotionen. Wir dagegen sind nicht abhängig von der Zahl, sondern davon, welches Renommee mit diesen Publikationen auch in der Öffentlichkeit erreicht wird.

Wie soll die geplante Internetplattform in die künftige öffentlichkeitswirksame Arbeit des Instituts integriert werden? Wird sie ein Schwerpunkt der Arbeit werden zu Ungunsten des Buches?

Knöbl : Man sollte die negative Haltung gegenüber dem Buch nicht kultivieren. Ich glaube nicht, dass das Buch in den nächsten Jahren große Akzeptanzprobleme bekommen wird. Natürlich diskutieren auch wir über E-Books. Aber so richtig tangiert es uns zurzeit nicht ...

Sie glauben also an das gedruckte Wort?

Knöbl : Ja, ich glaube an das gedruckte Wort (lacht). Der „Mittelweg 36“ ist eine der wenigen Zeitschriften, die nicht vom Auflagenrückgang betroffen sind. Die Plattform, die Soziopolis heißen soll, ist im Übrigen kein Sprachrohr des Instituts. Sie soll in Zusammenarbeit mit einer Plattform der Humboldt Universität die sozialwissenschaftliche Debatte bündeln. Es ist ein Serviceangebot an die sozialwissenschaftliche Community. Wir hoffen natürlich, dass dies auch auf das Institut zurückstrahlt.

Das Institut ist in der Vergangenheit ja auch immer als politisch wahrgenommen worden. Wird das so bleiben?

Knöbl : Ich würde es überhaupt nicht ausschließen, dass sich das Institut in bestimmten politischen Fragen deutlich verortet. Aber meine ganze Sozialisation an der Uni ist eher skeptisch gegenüber dieser starken politischen Position. In der aktuellen politisch unübersichtlichen Lage ist es extrem problematisch, politisch Wertendes oder Normatives in die Forschung einfließen zu lassen. Politische Zeitdiagnosen, auch hier am Institut, sollten auf einer verlässlichen empirischen Grundlage erfolgen.

Es hat also keinen Sinn, Sie um eine Stellungnahme zur aktuellen Flüchtlingspolitik zu bitten?

Knöbl : Nein, da sollten Sie Leute fragen, die sich lange mit dem Thema beschäftigt haben.

Noch einmal zu Jan Philipp Reemtsma. Er hat ein Buch über das Boxen geschrieben, liest Romane von Stephen King – wie halten Sie es mit dem Populären?

Knöbl : Ich schaue wahnsinnig gern Fußball. Vielleicht ist das ja keine richtige Leidenschaft, aber ich kann mich gut darüber unterhalten. Wie ich mich auch über Romane unterhalten kann.

Sie planen aber nicht, ein Buch über Fußball zu schreiben?

Knöbl : Nein, das kann ich nicht.