Hamburg

Jan Philipp Reemtsma verlässt nach 31 Jahren sein Institut

Jan Philipp Reemtsma legt die Verantwortung für das renommierte Institut für Sozialforschung endgültig in die Hände seines Nachfolgers

Jan Philipp Reemtsma legt die Verantwortung für das renommierte Institut für Sozialforschung endgültig in die Hände seines Nachfolgers

Foto: Axel Heimken / dpa

Der streitbare Wissenschaftler gibt die Verantwortung für das Institut für Sozialforschung ab. 31 Jahre forschte er zum Thema Gewalt.

Hamburg. Zeitenwechsel am renommierten Institut für Sozialforschung in Hamburg: Der Stifter und Gründer des Instituts, der Hamburger Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma, legt die Verantwortung endgültig in die Hände seines Nachfolgers, dem Göttinger Sozialwissenschaftler Wolfgang Knöbl.

31 Jahre nach der Gründung des Instituts hält Reemtsma an diesem Freitag sein Abschiedsreferat mit dem Titel „Gewalt als attraktive Lebensform“ - ein bezeichnendes Thema für den streitbaren Literaturwissenschaftler und Gewaltforscher.

Morddrohungen wegen Forschungsarbeit

1984 gründete Reemtsma in Hamburg das Institut für Sozialforschung (HIS), dessen Vorstand er bislang war. Die rund 60 Mitarbeiter erforschen vor allem Themen wie Gewalt, Folter und Armut und deren Folgen.

Ins öffentliche Bewusstsein hat sich Reemtsma seit 1995 mit der Wehrmachtsausstellung eingebrannt. Die umstrittene Wanderschau „Vernichtungskrieg: Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“ rückte das Bild von der angeblich sauberen Wehrmacht in Deutschland zurecht.

Es habe sogar Morddrohungen danach gegeben, sagte Reemtsma. 1999 entdecken Experten bei einigen Fotos falsche Deutungen und Zuordnungen. Reemtsma ließ die Dokumenten-Schau überarbeiten, die Botschaft aber blieb.

Vom Tabakindustriellen zum Soziologen

Am 26. November 1952 wird Jan Philipp Reemtsma in Bonn geboren. Er stammt aus der zweiten Ehe des Hamburger Tabak-Unternehmers Philipp Fürchtegott Reemtsma. Als der Vater stirbt, ist Jan Philipp sieben Jahre alt. Später studiert er in Hamburg Literaturwissenschaft und Philosophie. Mit 26 Jahren verkauft er seine Firmenanteile.

Als Literaturprofessor, Soziologe und Stifter hat sich der eigensinnige Denker Reemtsma große Anerkennung erworben. Literatur des 18. und 20. Jahrhunderts, Zivilisationstheorie und die Geschichte der menschlichen Destruktivität sind seine Schwerpunkte. 1981 hat er die Arno Schmidt Stiftung gegründet.

Entführung prägte sein ganzes Leben

Über sein Privatleben spricht der 62-Jährige sehr ungern. Seine Entführung zerrt den damals 44-jährigen Reemtsma aber ins Licht der Öffentlichkeit: 1996 wird er von mehreren Tätern verschleppt. 33 Tage ist er in einem Keller in Niedersachsen eingesperrt. Gegen umgerechnet 15,3 Millionen Euro Lösegeld lassen die Entführer Reemtsma frei. Eine Gewalterfahrung, die ihn sein ganzes weiteres Leben begleitet. (dpa)