TEDx-Konferenz

„Ist Analog das neue Bio?“ Neue Trends im Kurzvortrag

Bei der Konferenz in der Laeiszhalle hielten Fachleute aus den Bereichen Technologie, Entertainment und Design (TED) Kurzvorträge.

Hamburg. Es fängt schon mit einer Zumutung an. Kaum ist der kleine Saal der Laeiszhalle restlos gefüllt, fragt Moderator Stephan Balzer, wer denn ein Smartphone dabei habe. Es melden sich: alle. Bis auf einen (dem seins vermutlich morgens in die Toilette gefallen ist). Statt aber, wie nun erwartet, einen Hashtag, also ein Erkennungswort, bekannt zu geben, mit dem die Gäste während dieser TEDx-Konferenz in Hamburg ihre Eindrücke in die digitale Welt twittern sollen, verlangt Balzer etwas ganz anderes: „Macht Eure Geräte aus, hört einfach den Rednern zu und genießt diese analoge Erfahrung.“ Erstauntes Gemurmel. Das ist neu - zumindest in dieser Zielgruppe. Gelten doch die TED-Konferenzen als modern, technikfreundlich und kommunikativ.

Das aus den USA stammenden Format „TED: Ideas worth spreading“ steht für die mittlerweile weltweit (auf Englisch) abgehaltenen Konferenzen, bei denen Fachleute aus den Bereichen Technologie, Entertainment und Design (TED) Kurzvorträge über neue Ideen halten, die es „wert sind, verbreitet zu werden“. Die TEDx-Konferenzen, wie die am Montag in Hamburg sind die kleineren Ableger dieser Reihe. Der erstaunliche Auftakt passte dabei vielleicht ganz gut zu dem Motto der Hamburger Konferenz: „Exploring new territories“: Neue Gegenden erkunden. Dazu gehörte in der Laeiszhalle offenbar auch das Land Analogien.

„Ist Analog das neue Bio?“ überschrieb etwa der Berliner Autor André Wilkens, der zu diesem Thema auch gerade ein Buch geschrieben hat, seinen Vortrag. Er berichtet von einem DVD-Verleih, der 2013 in seiner Straße geöffnet hat - und erklärt, dass man da also so Datenträger persönlich aus einem Laden holen, zu Hause in ein Gerät stecken und am nächsten Tag persönlich in den Laden zurückbringen müsse. Großes Gelächter - so als sei unsere jüngere Technik-Vergangenheit aus heutiger Sicht ein genialer Witz. Er wolle herausfinden, ob das ein neuer Trend sein, so Wilkens, ob es ein Zurück zum Analogen gebe - vielleicht auch wegen all der Enthüllungen von Edward Snowden über die Datensammelei der Geheimdienste.

„Ich bin ein großer Freund des Digitalen“, betonte Wilkens. Es mache das Leben einfacher, bequemer und habe viele Vorteile auch für die Umwelt. Wenn er nun also in seinem Buch das Digitale wie ein Land erkundet habe, dann sei er nicht daran gegangen, wie jemand, der „Arbeitslager in Nordkorea sucht“ - sondern wie ein Italienliebhaber, der durch Rom streife.

Und doch habe er festgestellt, dass es da ein paar nicht so schöne Seiten gebe. Dass die Menschen zum Beispiel immer nur nach unten schauten (auf ihre Smartphones). Dass wir alle zu berechenbaren und berechneten Bürgern und Kunden würden. Dass wir immer gleich googlen und nicht einmal für zwei Sekunden versuchen, ein Problem durch Denken zu lösen.

„Wenn das Digitale ein Medikament wäre, würden wir es in der Apotheke mit einem langen Beipackzettel bekommen.“ Und natürlich würden wir uns die Liste der Nebenwirkungen durchlesen. „Das sollten wir beim Digitalen auch tun“, verlangt Wilkens - und plädiert dafür, die in der analogen Welt errungenen Werte und Gesetze im Digitalen zu erhalten. Und auch mal ein vollständig analoges Wochenende einzulegen: „Kartenspielen mit Freunden statt Angry Birds gegen die ganze Welt“. Es sei ja kein Zufall, dass die Zahl der Waldorfschulen im Silicon Valley besonders hoch sei. „Die Digitalunternehmer wollen, dass ihre Kinder mit echter Knete spielen.“ Das Analoge werde bald zum Luxus, das Digitale sei dann vor allem „für die ärmeren Leute“, sagt Wilkens nach seinem Vortrag im Gespräch.

Auch Daten-Journalist Marco Maas, ein wirklicher Eingeborener der Digitalwelt, sieht die Zukunft nicht mehr durchweg rosig. So zeigt er in seinem Vortrag nicht nur eindrucksvoll, wie die von der NSA gesammelten Daten in Form von Aktenschränken fast ganz Europa und Teile Afrikas überdecken würden, während die Stasi noch mit einem Stückchen Ost-Berlin auskam. Maas treibt auch die Frage um, wie wir künftig Nachrichten finden und konsumieren. Werden Google und Facebook entscheiden, was wir zu sehen bekommen an Nachrichten über die Welt? Wie können wir dafür sorgen, dass man uns nicht nur von Algorithmen Vorausgewähltes vorsetzt? Denn das würde ja unsere Gesellschaft letztlich von Grund auf ändern. Letztlich sei das eine Frage, die jetzt von Gesellschaft und Politik intensiv diskutiert werden müsse, so Maas. Leider aber fehle gerade in der Politik oftmals die nötige Kompetenz.

Natürlich ging es bei der TEDx-Konferenz, die sich stets durch eine bunte Mischung an Themen auszeichnet, aber auch um viele andere aktuelle Herausforderungen. Etwa um die Zukunft der Städte, denen der Obama-Berater Bruce Katz eine glorreiche Zukunft voraussagte - und eine größere Macht, als sie nationale Regierungen haben. Fred Jansen, Manager des Rosetta-Programms, erläuterte, wie man auf einem Kometen landet. Rose Wang erklärte, wie man die Welt durch das Essen von Insekten (statt Fleisch) besser machen könne - und Ngaire Blankenberg forderte uns auf, die Museen zurückzuerobern: Statt leise und andächtig durch sie zu schleichen, sollten die Menschen die Museen mit Leben, Kreativität und durchaus auch mal mit Lärm füllen.

In den Pausen, so der Auftrag von Moderator Balzer, sollten die Besucher übrigens jeweils zwei neue Menschen kennenlernen. Und zwar nicht über Facebook oder Twitter. Sondern: persönlich. Der Geräuschkulisse nach zu urteilen, hat das ganz gut funktioniert. Es waren jedenfalls an diesem Montag in der Laeiszhalle durchweg mehr menschliche Stimmen zu hören als fiepende und piepende Digitalmaschinen. Und es wurde sehr wenig nach unten geschaut.

Infos und Videos zu der Konferenz im Internet unter tedxhamburg.de