Abaton-Kino

„Victoria“: Alles ist eine Frage der Einstellung

Sebastian Schipper
will sich von der
Schauspielerei
zurückziehen und
jetzt nur noch als
Regisseur arbeiten

Sebastian Schipper will sich von der Schauspielerei zurückziehen und jetzt nur noch als Regisseur arbeiten

Foto: picture alliance

Sebastian Schipper stellt seinen neuen Film vor. Für einen anderen Streifen stand der Regisseur in der HafenCity selbst vor der Kamera.

Hamburg. Er war Frank, Peter, Jan, Ludwig II., ein Chefredakteur und ein Notarzt. Jetzt möchte der Schauspieler Sebastian Schipper lieber wieder nur Regisseur sein, denn am Inszenieren hängt sein Herz besonders. Am heutigen Montag kommt Schipper ins Abaton, um sein neues Werk vorzustellen. „Victoria“ ist ein außergewöhnlicher Film, der mit seiner radikalen Erzählform bei der Berlinale schon viel Aufsehen erregt hat. Es geht darin um einen Banküberfall.

„Victoria“ ist in einer einzigen Einstellung gedreht, es gibt keine Schnitte. Zwei Stunden und 20 Minuten lang folgt die Kamera den Protagonisten unablässig durch die Berliner Nacht bis in den Morgen. Es beginnt in einem Club, in dem die Spanierin Victoria (Laia Costa) tanzt. Sie ist noch neu in der Stadt. Draußen trifft sie eine Clique, vier junge Männer, die etwas unbeholfen Kontakt mit ihr aufnehmen. Zusammen ziehen sie los. Es beginnt mit einem Zufall, dann kommt die Liebe ins Spiel, und als einige von ihnen in einen Bankraub geraten, wird aus der Geschichte ein Krimi.

Es ist ein kühnes Experiment, auf das Schipper und seine Mitstreiter sich da eingelassen haben. Und eine echte Novität. Es gab zwar schon Filme, die aussahen, als gäbe es in ihnen keine Schnitte – Alejandro Iñárritus „Birdman“ und Alfred Hitchcocks „Cocktail für eine Leiche“ – aber letztlich haben die Regisseure in diesen Filmen die Schnitte nur kaschiert.

Was war zuerst da, die Geschichte oder ihre Erzählform? „Das ist vonein­ander nicht zu trennen“, sagt Schipper. „Die Idee, einen einfachen Film über einen Banküberfall zu machen, hätte mich nicht gereizt. Ich habe mich dazu entschlossen, den Film in einer Einstellung zu drehen, weil ich finde, dass beim Filmemachen nicht immer auf denselben Baum geklettert werden muss. Die Wege scheinen mir zu sehr vorgezeichnet zu sein. Es gibt die Romantic Comedy, den Fantasyfilm, den Actionthriller oder eben den Arthouse-Film. Und oft ähneln sich die Filme doch sehr stark.“ In seinen bisherigen Regiearbeiten „Absolute Giganten“, „Ein Freund von mir“ und „Mitte Ende August“ stehen jeweils Männerfreundschaften im Mittelpunkt. Diesmal ist die Titelfigur eine Frau.

Bei der Berlinale lief „Victoria“ im Wettbewerb und gewann drei Preise

Die ungewöhnliche Herangehensweise machte minutiöse Vorbereitungen nötig, die dem Regisseur noch im Nachhinein Respekt abnötigen. „Es war der absolute Wahnsinn an Logistik, aber meine Assistentin Iris Jung hat das extrem gut gemacht. Dabei hat unser Film auch noch deutlich weniger gekostet als ein ,Tatort’. Und selbst der ist schon unterfinanziert. Unser Motto war: Lass uns den Wahnsinn provozieren, der Kino in seinem Herzen ist, und ins Unvorhergesehene aufbrechen.“

Bei der Berlinale selbst lief „Victoria“ dann im Wettbewerb und gewann drei Preise. Beim Deutschen Filmpreis am 19. Juni ist er einer der Favoriten und gleich sieben Mal nominiert.

Als Regisseur hat der 47-Jährige jetzt zum vierten Mal zugeschlagen. Womöglich kennen ihn noch mehr Filminteressierte als Schauspieler. Er spielte unter anderem im Nord-„Tatort“ mit Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller. Mittlerweile ist er dort ausgestiegen. „Schauspielerei habe ich eigentlich immer nur episodenhaft betrieben“, sagt er. „Jetzt werde ich mich ganz darauf konzen­trieren, Regie zu führen.“

Vorher ist er aber noch einmal auf der großen Leinwand zu sehen. Im Drama „Um jeden Preis“ des Dänen Anders Morgenthaler, das am 23. Juli ins Kino kommt, spielt Schipper den Partner von Kim Basinger. „Es war toll, mit ihr zu drehen. Sie ist eine Film-Ikone. Hätte sie zu Hitchcocks Zeiten ihre große Phase gehabt, hätte der bestimmt ein paar Filme mit ihr gemacht. Sie ist ein großer Star, wie es sie in den 50er- und 60er-Jahren gegeben hat.“ Elegante Blondinen wie die 61-Jährige passten in das Beuteschema des Thriller-Regisseurs. Kameramann bei „Um jeden Preis“ wie auch bei „Victoria“ ist der Norweger Sturla Brandth Grøvlen.

Zu Hamburg hat Sebastian Schipper ein ausgesprochen gutes Verhältnis

Morgenthalers Film wurde unter anderem in der HafenCity gedreht. Zur Hansestadt hat Schipper ein ausgesprochen gutes Verhältnis. „Ich habe meinen ersten Film in Hamburg gedreht, sehr intensive zweieinhalb Jahre dort gelebt und finde die Stadt top.“ Das schließt diese Zeitung ein bisschen mit ein. „Es war für mich ein großes Ereignis, als die Leser des Abendblatts ,Absolute Giganten‘ zum besten Hamburg-Film aller Zeiten gewählt haben. Das hat mir damals viel bedeutet.“

„Victoria“, Mo, 8.6., 20 Uhr, Abaton