Autobiografie

Thomas Gottschalk im Abaton: Jetzt liest er auch noch

Thomas Gottschalk im Hamburger Abaton Kino vor der Lesung seines neuen Buches

Thomas Gottschalk im Hamburger Abaton Kino vor der Lesung seines neuen Buches

Foto: Michael Rauhe

Es gibt eine Zeit nach „Wetten, dass..?“: Showmaster Gottschalk hat eine Autobiografie geschrieben. Die stellte er in Hamburg vor.

Hamburg.  65, das ist das Alter, mit dem man normalerweise in Rente geht. Prominente schreiben spätestens jetzt eine Autobiografie. So wie Thomas Gottschalk, der jetzt erst öffentlich Geburtstag feierte und dann nach Hamburg reiste. Hier genauer: Im Abaton-Kino, Grindelhof, stellte der „TV-Titan“ („Bild“) gestern Abend sein Buch vor. Der Raum war bis auf den letzten Platz gefüllt – knapp 300 waren also da, und kaum einer von ihnen dürfte den Showmaster je so intim erlebt haben. Für Fans wunderbar, für alle anderen mindestens interessant.

Man konnte ihn jetzt ja mal persönlich in Augenschein nehmen, diesen Mann, der es lange schaffte, das Land fernsehtechnisch zu einen. Wer das als Lebensleistung vorzuweisen hat, der wird na klar mit Applaus, ja mit Jubel empfangen. Und diesen Vertrauensvorschuss nahm Gottschalk gerne, den brauchte er; dies hier in Hamburg, gestand er gleich mal, sei seine erste richtige Lesung, ohne jeden anderen Programmpunkt. Profi, der er ist, machte er seine Sache dann gut, weil er aus seinem Buch die richtigen Passagen auswählte: die von der eigenen Entjungferung etwa. Oder die, in der für ihn, der einst Hollywoodschönheiten im Arm hielt, nun plötzlich nur Carmen Geiss übrig geblieben ist. So fühlt sich der Herbst der Karriere also an.

Mit dem Phänomen Gottschalk ist, ähnlich wie mit „Wetten, dass..?“, der Sendung, mit der Gottschalks Name untrennbar verbunden ist, nicht immer ganz sanft umgegangen worden. Darauf kommt er an diesem Abend und im Buch immer wieder zurück: Wahrscheinlich hat er, wie eigentlich alle Berühmtheiten, den Tadel mehr im Gedächtnis behalten als das Lob.

Wer wollte, konnte jetzt wieder angesichts seiner von ihm selbst (mit-)moderierten Geburtstagsfete bei RTL eine gewisse Fassungslosigkeit zur Schau stellen – oder sich vor der Glotze gedankenmäßig dahin treiben lassen, wo nichts mehr Form und Sinn haben muss. Wo man sich über Show und Zerstreuung freut und Leute wie Krüger, Jauch und Waalkes mit Gottschalk entertainen, als wären immer noch die Achtziger oder Neunziger. Es war sehr deutsch, rührend, authentisch, bemüht, sehr, sehr unsmart und in seiner Harmlosigkeit wieder mal faszinierend.

So harmlos und auch fröhlich, wie sich der leger alternde Gottschalk in seiner erstaunlich lesenswerten Autobiografie „Herbstblond“ gibt, in der er sich sehr freundlich der eigenen Vita und den Personen zuwendet, mit denen er so zu tun hatte. Anekdotenhaft navigiert der große Fernsehmann hier durch seine Karriere, berichtet von frühen Berufswünschen (Journalist) und anschließendem Werdegang in Radio und Fernsehen, wo Gottschalk mit seiner verhältnismäßig frechen (verglichen mit Raab und Böhmermann war er ein Waisenknabe) Art gut ankam. Verkaufen konnte sich Gottschalk immer; logisch, dass der Abend im Abaton ein Selbstläufer ist. Das Publikum ist für einen wie ihn eigentlich zu klein. Er scheint es trotzdem zu genießen.

Genauso wie es ihm ein Leichtes ist, mit der Niederschrift seiner Lebensstationen gleichzeitig auch ein Stück Fernsehgeschichte zu erzählen. So einer wie Gottschalk wäre heute nicht mehr möglich, was auf eine Art ja auch schade ist, aber insgesamt eher besser: Hätten wir damals schon Internet gehabt, wir wären nie auf „Wetten, dass..?“ angewiesen gewesen und schon gar nicht auf „Die Supernasen“.

In „Herbstblond“ versucht Gottschalk, der Showmaster der Nation aus einer Zeit, in der es noch Showmaster der Nation gab, all die bösen Kritikerworte, die ihn bei „Wetten, dass..?“ immer begleitet haben, durch Vorwärtsverteidigung zu entkräften.

Er nennt sich dann selbst einen „Dampfplauderer“, der nichts anderes kann, als Stille mit Sätzen zu füllen. Lebenserinnerungen haben notgedrungen immer auch etwas Bekenntnishaftes, und der gute Witz bei Gottschalk ist, dass er eigentlich schreibt, wie er moderiert: Er kommt schnell zur Pointe, er kalauert auch mal ganz unbeschwert, er breitet – sozusagen symbolisch – die Arme aus, indem er immer wieder betont, dass er lediglich ein Diener derer ist, die ihm ihre Aufmerksamkeit schenken. Er nimmt sich als Anwalt der Kurzweil sehr wichtig, er macht die maximale Selbstironie zum Schutzschild – das ist ja immer effektiv.

Und er legt seine Arbeitsweise gnadenlos offen, die immer auf die Oberfläche zielt und das Publikumsumarmende zur Maxime macht: Vorbereitung auf Interviewpartner, ein echtes Interesse an Themen waren da irritierenderweise nie vonnöten.

Durfte man das Gottschalk je zum Vorwurf machen? Er gab dem Volke, was es wollte, weil Gottschalk immer ein Mann des Volkes für dasselbe zu sein gedachte. Und nur deswegen wurde aus dem Anwaltssohn aus Franken einer der bekanntesten Deutschen überhaupt – 98 Prozent der Menschen in diesem Land kennen ihn. Was einerseits in den digitalen Zeiten der Aufmerksamkeitsspreizung ein unvorstellbar hoher Wert ist, und andererseits eine Tatsache, die Gottschalk in seinem Buch zu erwähnen natürlich nicht vergisst. Wer sein Leben zu Papier bringt, muss eitel sein, und wenn er geschickt ist wie Gottschalk, dann kokettiert er damit. Ständig. „Das Glück meines Lebens habe ich erst begriffen, als ich dieses Buch geschrieben habe“, sagt Gottschalk einmal an diesem Abend.

Seine Stimme klang übrigens ramponiert, er wird nicht schlecht gefeiert haben – oder einfach dem Tribut zollen, was seine Profession ist: „den Leuten gute Laune zu bereiten“, wie er sagt, und zwar wortgewaltig. Für Fragen aus dem Publikum reichte es trotzdem noch und zum Signieren der Bücher auch. Die Zeiten, in denen sich zehn, gar 20 Millionen vor dem Fernseher versammelten, um ihn zu sehen, sind vorbei. Er macht das Beste draus.