Interview-Langfassung

Britische Feministin: „Sex ist nicht das Problem!“

Laurie Penny arbeitet als Kolumnistin, hat mehrere Bücher veröffentlicht und betreibt
seit 2010 den Blog „Penny Red“

Laurie Penny arbeitet als Kolumnistin, hat mehrere Bücher veröffentlicht und betreibt seit 2010 den Blog „Penny Red“

Foto: picture alliance

Laurie Penny stellt ihr aktuelles Buch in Hamburg vor. In ihrem neuen Werk prangert sie an, dass der Feminismus auf der Stelle tritt.

Hamburg.  Seit Jahren schreibt Laurie Penny für den „Guardian“ und die „Times“. Mit ihrem Buch „Fleischmarkt“, erschienen im Hamburger Nautilus Verlag, wurde sie 2012 bekannt und zur derzeit wichtigsten Feministin. In direkter Sprache, manchmal schmerzvoll, aber auch lustig, prangert Penny in ihrem neuen Buch „Unsagbare Dinge. Sex, Lügen und Revolution“ an, dass der Feminismus auf der Stelle tritt, eingeschnürt durch die Härten des globalen Kapitalismus. Und dass wir uns alle etwas vormachen in Sachen Geschlechtergerechtigkeit.

Hamburger Abendblatt: Laut Gesetz sind Männer und Frauen längst gleichberechtigt. Warum sagen Sie trotzdem, dass wir eine „Massen-, Geschlechter-, Sex- und Liebesmeuterei“ brauchen?
Laurie Penny: Eines der größten Probleme im Hinblick auf den heutigen Feminismus ist, dass weiter so viel Ungleichheit existiert, die sozialer, nicht rechtlicher Natur ist. Auf dem Papier haben wir Gleichheit in vielerlei Hinsicht, aber es gibt keinen klaren Weg, um etwa die Arbeitsteilung zu Hause zu regeln. Es geht um ein breiteres Konzept von Gerechtigkeit. Deshalb muss die Meuterei, von der ich spreche, sowohl persönlich als auch politisch sein. Intime Dinge wie Sex, Liebe und Selbstachtung berühren weitere Bereiche wie Geld, Arbeit und gesellschaftliche Macht. Davon handelt dieses Buch.

Sie haben eine enorme Wut im Bauch. Ist diese Wut etwas Gutes?
Penny: Was ich schreibe, kommt manchmal sehr wütend rüber – und ich schreibe definitiv mit einem Sinn für tiefe Ungerechtigkeit und mit einem Verlangen, die Welt zu verändern. Es muss aber auch Mitgefühl, Freundlichkeit und Sinn für Humor geben, weshalb ich versuche, die Wut mit ein paar dreckigen Witzen aufzulockern.

Sie sagen, die „Prinzessin im Kopf“ muss zerstört werden ...
Penny: Die Prinzessinnen-Propaganda erlebt eine schockierende rosa Renaissance. Sie erwärmt auch erwachsene Frauen, die es besser wissen müssten, für das uralte Märchen von der einzigen wahren Liebe. Das Problem dabei ist: Die Prinzessin existiert nur zur Erbauung des Helden. Ohne ihn ist sie nichts.

Wann gilt eine Frau als liebenswert, und was sollte sie lernen?
Penny: Auf Frauen und Mädchen lastet großer Druck, nett, süß und hübsch zu sein, gehorsam und gefällig. Von klein auf wurde uns beigebracht, unsere Persönlichkeit zu unterdrücken im Dienst der Romanze – üblicherweise der mit Männern. Wir lernen, Hochzeit und Mutterschaft als einen essenziellen Teil unserer Lebensziele anzusteuern – aber jetzt müssen wir natürlich auch noch in unseren Karrieren erfolgreich sein, und wir bekommen gesagt: Wenn wir uns nicht in einer bestimmten Weise benehmen, werden wir allein enden. Männern erzählt man das nicht in demselben Ausmaß. Kleine Mädchen lernen, dass sie zu wählen haben: dazwischen, ihr Leben in seiner ganzen Fülle zu leben, oder eben geliebt zu werden – und wer will nicht geliebt werden? Das berührt viele unserer intimen Entscheidungen. Wenn wir uns dieser Wahl aber verweigern, gewinnen wir Macht hinzu.

Warum ist eine „Schlampe“ – Sie benutzen diesen Begriff – etwas Positives?
Penny: Eine „Schlampe“ ist ein Mädchen, eine Frau, die sich weigert, die Bedingungen ihrer eigenen Unterdrückung zu akzeptieren. Die sich weigert, nach den Regeln zu spielen, die ihr von anderen auferlegt werden. Die mehr vom Leben verlangt. Ich werde eine Schlampe genannt, wann immer ich etwas sage, das Männern unbequem ist. Und mir geht’s prima damit. Es zeigt, dass du eine Schlampe sein kannst und dennoch ein guter Mensch, der ein glückliches Leben führt.

Sexualität vor allem weibliche, sagen Sie, wird in der Mainstream-Öffentlichkeit sehr schmalspurig dargestellt...
Penny: So ist es. Ich kann Ihnen gern ein paar sexuelle Trends nennen, die davon abweichen: arme Frauen, die vögeln, lesbische Frauen, die vögeln, alte Frauen, die vögeln, dicke Frauen, die vögeln, hässliche Frauen, die vögeln, herrische, arrogante Frauen, die vögeln... Sexarbeiterinnen, die wie Arbeiterinnen behandelt werden wollen statt wie Aussätzige. Männer, die sanft und unterwürfig sind im Bett. Männer, die keinen Penetrations-Sex mögen oder für die Sex eine überwältigende emotionale Erfahrung ist, und so weiter.

Ist das Patriarchat wenigstens gut für die Männer?
Penny: In meinem Buch spreche ich viel über männliche Privilegien und die Tatsache, dass diese nicht mit Macht identisch sind. In dieser sexistischen Gesellschaft ist es immer noch wesentlich einfacher, ein Mann als eine Frau zu sein. Aber das bedeutet nicht, dass Männer immer nur vom Patriarchat profitieren. Das Patriarchat verletzt auch Männer. Es gibt rigide Geschlechterrollen vor, verlangt, dass Jungs und Männer gewalttätig, hart und gefühllos sein sollen, und zieht sie in ein System, in dem der Fitteste überlebt, in einen Wettbewerb, der sicherstellt, dass nur wenige Männer gewinnen werden. Deshalb ist das Patriarchat so tief mit dem Kapitalismus verbunden. Und: Das alles lässt sich nicht trennen von Rassismus, ökonomischer Ungleichheit und anderen Formen der Ungerechtigkeit, deshalb müssen in Veränderungsprozesse auch die Männer involviert werden.

Deshalb sollte sich der Feminismus auch mit Männerfragen befassen?
Penny: Ich bekomme viele E-Mails von Männern und Jungen, die schreiben, wie verloren sie sich fühlen, zerrissen von widerstreitenden Anforderungen, die sich fragen, wie sie sich verhalten sollten und wofür sich zu kämpfen lohnt. Ich glaube, dass die nächste Generation junger Männer an der Seite von jungen Frauen aufwachsen wird, und gemeinsam mit ihnen verändert, wie wir über Geschlechter, Macht und Identität denken. Ich denke, es geschieht bereits, und das ist wundervoll.

Dennoch: Deutsche Männer bilden die Weltspitze im Konsum von Pornografie. Wo liegt das Problem?
Penny: Sex ist nicht das Problem! Das Problem ist, dass es den Leuten so schwer fällt, mit Sex ohne Brutalität, Gewissensbisse und Frauenverachtung umzugehen. Seit Langem wird Pornografie als Rechtfertigung benutzt, um den Zugang zum Internet insgesamt einzuschränken. Letztlich geht es hier um die Kontrolle von Menschen. Ich frage mich aber: Gab es jemals in der Geschichte der Menschheit ein Spektrum sexueller Abenteuer, von der Ehe bis zum Schlamm-Wrestling, das frei von Gewinnsucht und Manipulation war? Ich oute mich gern, ich breche eine Lanze für Sex und Liebe im Netz.

Warum ist das Internet für Sie so extrem wichtig?
Penny: Im Netz wurde ich erwachsen. Das Internet ist ein neues Land ohne Gesetze oder Grenzen, und ich sehe nicht ein, warum die alten Regeln - Männer reden, Frauen werden gevögelt - hier noch länger angewandt werden sollten. Das Internet hat zwar Frauenfeindlichkeit und sexuelle Schikane alltäglich gemacht, aber davor war es etwas anderes: Es hat Frauen und Queers einen Raum gegeben, über Grenzen hinweg zu kommunizieren, sich auszutauschen. Über das Internet wurde das feministische Revival Mitte der 2000er Jahre möglich.

Laurie Penny liest und diskutiert heute 19.30 Uhr, Uebel Gefährlich, Ballsall, Tickets: 12/9 Euro;