Schauspielhaus

„Schuld und Sühne“ – Das Böse ist jeder und überall

Lina Beckmann (und Charly Hübner, r.) als Axtmörder mit Bart und Seelenuntiefen: Beckmann, die in mehreren Rollen überzeugt, als Rodin Raskolnikovs Alter Ego

Lina Beckmann (und Charly Hübner, r.) als Axtmörder mit Bart und Seelenuntiefen: Beckmann, die in mehreren Rollen überzeugt, als Rodin Raskolnikovs Alter Ego

Foto: Klaus Lefebvre

Vier Stunden „Schuld und Sühne“ am Hamburger Schauspielhaus: anspielungsreich, düster - und ein wenig lang. Eine Kritik.

Hamburg.  Wäre Charly Hübner nicht ohnehin schon einer der coolsten (weil als Bukow im Rostocker „Polizeiruf“ angenehm uncooler) Ermittler der deutschen Fernsehlandschaft – nach dieser Premiere hätte er den Job sicher. Lässiger als sein koteletten­bewachsener Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch in roten Stiefeln und Discohemd, mit Wallehaar und Fluppe zwischen den Fingern, ist in vier Stunden „Schuld und Sühne“ am Schauspielhaus jedenfalls keine andere der Bühnenfiguren – wobei man zugeben muss, dass das Dostojewski-Epos auch nicht direkt als Lässigkeits-Wettbewerb angelegt ist.

Die „Außergewöhnlichen“ sind laut Raskolnikovs Theorie anderen überlegen

In einer deprimierenden, von Anstreichern passend zur Stimmungs- und Soziallage schwarz gemalerten Bretterbude kehrt Rodion Raskolnikov an den Tatort zurück. Der mittellose Jurastudent hat einen Doppelmord begangen, allerdings, so meint er, im Dienste einer übergeordneten Sache: Raskolnikov hat eine Theorie entwickelt, die es intellektuell oder moralisch überlegenen, „außergewöhnlichen“ Menschen (zu denen er sich natürlich selbst zählt) erlaubt, ja, sie geradezu verpflichtet, „unwertes“ Leben zum Wohle des allgemeinen Fortschritts aus dem Weg zu räumen.

„Verbrechen und Strafe“ heißt Fjodor M. Dostojewskis 800-Seiten-Werk von 1866, das manchem als bester Kriminalroman aller Zeiten gilt, in einigen Übersetzungen. Ein in seiner Nüchternheit vielleicht korrekter, aber nicht ganz treffender Titel, geht es doch nicht allein um die juristische Abfolge, sondern vor allem auch um das innere Ringen, um die Last des Gewissens, die Rechtfertigung vor sich selbst. Ein vermeintlich altmodischer Begriff wie „Sühne“ trifft den Kern dieser Auseinandersetzung da sehr viel genauer.

Karin Henkel, die sich im Malersaal des Schauspielhauses schon mit den ersten 100 Seiten des Romans beschäftigt hatte (damals noch als Theaterprobe inszeniert), nimmt sich diesmal den gesamten Stoff vor. Dabei konzentriert sich die Regisseurin zum einen auf die Kriminalstory mit den wunderbar geratenen Szenen zwischen Raskolnikov und Retro-Ermittler Hübner und zum anderen auf die inneren Stimmen des von der eigenen Handlung zunehmend überforderten Täters.

Henkel nimmt die Übersetzung des Namens (das russische „raskol“ heißt „abgespalten, zerspalten“) wörtlich und fächert die Hauptfigur zur multiplen Persönlichkeit auf. Raskolnikov – den Jan-Peter Kampwirth als ein abgerissenes, irrlichterndes Psycho-Kerlchen mit fettigen Strähnen und Flusebart wirklich stark spielt – wankt durch ein Delirium, halb ist es womöglich dem Hunger geschuldet, halb auch der eigenen seelischen Untiefe. Die Ausein­andersetzung mit sich selbst erscheint ihm dabei als Dialog mit den bösen Geistern, die er rief. Immer stärker lastet der Druck, die eigene Tat nach außen nicht zu verraten und sich gleichzeitig Absolution zu erteilen.

Lina Beckmann und Angelika Richter, als zusätzliche Raskolnikovs beide ebenfalls mit angeklebten Fusselbärtchen, sind Engelchen und Teufelchen auf seiner Schulter, vielmehr: Teufelchen und Teufelchen, innere Dämonen, die am Mikro an den Bühnenseiten, aber auch direkt am Ohr des Raskolnikov oder gleich komplett an seiner Stelle flüstern und reden und laut denken und seine ohnehin schon wunden Nerven strapazieren. Ein schlüssiges und deutlich theatraleres Prinzip, als hätte Henkel ihre Hauptfigur durch endlose Monologe geschickt.

Endlos ist die ganze Sache nämlich auch so schon genug. Vier Theaterstunden mögen angesichts der Fülle des Romanstoffs verschwindend wenig sein. Im Schauspielhaus aber werden diese Stunden dann doch sehr ermüdend, Wiederholungen lassen manche Szenen redundant und nicht nur lang, sondern auch weilig erscheinen. Die (in allen Rollen wie immer grandiose) Lina Beckmann, die den düsteren Grundton als Raskolnikovs Mutter im großgepunkteten Rock, mit glänzenden Puffärmeln und ebenso glänzender Schlichtheit des Gemüts bricht, verschafft natürlich Erleichterung durch Komik, ähnlich wirken auch die Szenen mit Untersuchungsrichter Porfirij Petrowitsch sowie mit der in Selbstmitleid, Missbrauch, Elend und Suff versinkenden Familie Marmeladow. Schnapsleichen, die anfangs ein jaulendes, wodkaseliges Jammerkonzert geben und nur ein Beispiel sind für das gesamte derangierte Dostojewski-Personal, das sich emotional, finanziell und moralisch eher selten im Griff hat.

Drei Musiker liefern depressiven Live-Rock zu flackernden Grablichtern

Musikalisch wird das Ganze durch drei dauermelancholische Musiker (Kay Buchheim, Alain Croubalian, Friedrich Paravicini) untermalt, die depressiven Live-Rock abliefern, während die Grablichter flackern und ausgiebig Gebrauch von der Drehbühne gemacht wird. Lauter verschachtelte, mit Symbolen, Zeichen und Anspielungen aufgeladene Räume eröffnen sich da, die man wohl auch als Sinnbild für die vertrackte Psyche des Rodion Romanowitsch Raskolnikov, einer Art Anders Breivik der russischen Weltliteratur, verstehen soll (Bühne: Thilo Reuther). Hier baumelt drohend eine Schlinge, dort werden dem übergroßen Jesus-Porträt die Augen schwarz übertüncht. Die Seitenwände neigen sich erdrückend. Und der Zuschauer wähnt sich mal im überlangen Fiebertraum, mal (Kostüme: Nina von Mechow) auf einer 80er-Jahre-Bad-Taste-Party.

Das Ganze erfordert vom Publikum einiges an Konzentration und Ausgeschlafenheit. Das Ensemble (neben den bereits Erwähnten auch Michael Prelle, Bastian Reiber und der in seiner Smartheit fabelhaft ekelhafte Götz Schubert als pädophiler Swidrigailow) zeigt diese Konzentration seinerseits durchgängig, hat ergreifende Momente und wird auch dafür am Ende mit Bravos und reichlich Applaus belohnt.

„Schuld und Sühne“ wieder am 2., 6. und 10. Juni, Deutsches Schauspielhaus , Kirchenallee 39, Karten unter T. 24 87 13