Wettbewerb

„Jugend musiziert“: Übung macht den Meister

Der Bundeswettbewerb
„Jugend
musiziert“ kann ein
Karriereschritt sein
– ist aber natürlich
vor allem eine
Veranstaltung, die
mit Leidenschaft zu
tun hat

Der Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“ kann ein Karriereschritt sein – ist aber natürlich vor allem eine Veranstaltung, die mit Leidenschaft zu tun hat

Foto: Erich Malter

2400 Teilnehmer zwischen 13 und 22 Jahren treten in Endrunde von „Jugend musiziert“ an. Hamburg ist erstmals seit 2001 Austragungsort.

Hamburg.  Es ist fast ein Naturgesetz. Bahnstreik ist immer dann, wenn er am allerwenigsten passt. „Wir wüssten nicht, was wir machen sollten“, sagt Edgar Auer. „Der Streik könnte uns alles zerschießen.“ Kurz vor Wettbewerbsbeginn und mitten in der Vorbereitungsphase droht ein Lokführerstreik, bis Pfingsten könnte das Ganze gehen. Ausgerechnet. Denn genau in diesen Tagen wird Hamburg zum Schauplatz eines deutschlandweiten Finales. Es werden allerdings keine Fans mit bunten Schals über den Kiez ziehen, die Polizei wird keine Straßen sperren. Es wird nicht einen Deutschen Meister geben, sondern eine vierstellige Zahl von Preisträgern.

Rund 2400 Teilnehmer zwischen 13 und 22 Jahren treten in der Endrunde des Wettbewerbs „Jugend musiziert“ an, solistisch oder im Ensemble, an 34 Hamburger Orten von den Konzertsälen bis zum Lokstedter New Living Home, von der Niendorfer Kirche bis zur Akademie Hamburg für Kunst und Kultur in Harburg und dazu in etlichen Hamburger Schulen. Macht rund 1700 Wertungsspiele, alle öffentlich, der Eintritt ist frei. Natürlich liegen die Uhrzeiten längst fest. „Die könnten wir nicht wegen eines Bahnstreiks spontan verlegen“, sagt Auer, der als Projektleiter für die kommenden Tage mit seinem Team in der Staatlichen Jugendmusikschule untergekommen ist. „Die Teilnehmer müssen einfach rechtzeitig von zuhause losfahren.“

„Jugend musiziert“, das kennt jeder, der entfernt mit musizierenden Kindern zu tun hat. Der Wettbewerb ist das allgegenwärtigste, sichtbarste Zeichen für den einzigartigen Humus, auf dem das Musikleben in Deutschland gedeiht. Jedes Jahr findet er flächendeckend im ganzen Land statt. Er beginnt auf Regionalebene, wo die Preise recht großzügig vergeben werden – um möglichst viele Kinder zum Üben für den Landeswettbewerb zu motivieren. Dort wird schon stärker gesiebt. Und wenn der Wettbewerb auf der Bundesebene ankommt, hat er sich vom Breitensport zur Eliteauslese verwandelt.

Ein erster Bundespreis, wie die höchste Auszeichnung knapp genannt wird, ist ein solider Ausgangspunkt für eine glänzende Karriere. Die Geiger Anne-Sophie Mutter, Frank Peter Zimmermann und Christian Tetzlaff haben den Bundeswettbewerb gewonnen, die Klarinettisten Sabine Meyer und Jörg Widmann, die Pianisten Lars Vogt und Igor Levit, um nur einige der großen Namen zu nennen. Unzählige Preisträger bevölkern die deutschen Orchester. Doch so mancher wird lieber Arzt oder Jurist und hält sich die Musik frei vom Leistungsdruck.

Der Preis, das ist zunächst einmal eine Urkunde, unterschrieben von der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Doch das Wichtige dabei ist nicht das Stück Papier. Am meisten profitieren die Preisträger über Jahre hinweg von den vielgestaltigen Fördermaßnahmen. „Für mich ist es ein riesiges Erlebnis, wenn jemand, den ich als Zwölfjährigen gefunden habe, 15 Jahre später eine tolle Karriere macht“, sagt Irene Schulte-Hillen, Präsidentin der in Hamburg ansässigen Deutschen Stiftung Musikleben. Die Stiftung ist eines von vielen Instituten, die an die Auszeichnungen im Wettbewerb anknüpfen. Sie laden die Preisträger ins Bundesjugendorchester ein, sie vergeben Stipendien, fördern Meisterkurse und würdigen besonders herausragende Interpretationen.

In Hamburg findet das Mammutunternehmen zum dritten Mal statt, zuletzt war die Hansestadt im Jahre 2001 Austragungsort. Seither ist die Zahl der Teilnehmer um die Hälfte angewachsen. Vor allem aber ist der Wettbewerb bunter geworden. 19 Solo- und fünf Ensemblekategorien umfasst er dieses Jahr. Es treten nicht nur die traditionellen Formationen wie Duos aus Klavier und Streichinstrument an, es gibt auch Wertungsspiele für das türkische Zupfinstrument Baglama, Musical oder Besondere Ensembles. Was könnte der Wettbewerb besseres tun, als mit dem gesellschaftlichen Wandel Schritt zu halten?

Der Zuspruch gibt ihm recht. In den höheren Altersgruppen dagegen sinken die Zahlen. „Wir wissen aus Gesprächen, dass manchen jungen Musikern, die auf das Abitur zugehen, der schulische Druck zu groß wird, um die eigenen musikalischen Ansprüche noch erfüllen zu können“, sagt Reinhart von Gutzeit, der Vorsitzende des Wettbewerbs. G8 lässt grüßen.

Druck muss man aushalten können. Konradin Seitzer, heute erster Konzertmeister bei den Philharmonikern Hamburg, war zum ersten Mal mit 14 Jahren dabei. „Ich habe schon eine Anspannung empfunden“, sagt er. „Aber erst später im Studium habe ich die kindliche Unbedarftheit verloren und auch die Konkurrenzsituation anders wahrgenommen.“

Bei „Jugend musiziert“ hindert besagte Konkurrenzsituation jedenfalls nicht die Zimmerpartys in der Horner Jugendherberge. Dort sind die Teilnehmer untergebracht, und manche bleiben nach ihrem Wertungsspiel extra noch da, wenn die Eltern längst abgereist sind. „Die freuen sich da das ganze Jahr auf das Wiedersehen“, erzählt die Teambetreuerin Andrea Schröer.

Jeder von ihnen freut sich übrigens auch über Publikum. Die Termine sind auf der Website des Wettbewerbs zu finden, sie könnten sich allerdings kurzfristig ändern. Das Orga-Team strickt nämlich gerade an einem Notfallplan im Falle eines Bahnstreiks. „Den Teilnehmern, die wegen des Streiks Hamburg und ihren Wertungsort nicht pünktlich erreichen könnten, würden wir einen neuen Termin zuteilen“, sagt Auer. Dann lacht er und fügt hinzu: „Das wird sportlich!“ Aber sonst wär’s ja auch kein Wettbewerb.

Infos: www.jugend-musiziert.org/bundeswettbewerb