„La tête haute“

Filmfestival Cannes gönnt sich mehr Anspruch

Die Crew des Eröffnungsfilms: Regisseurin Emmanuelle Bercot (M.) und die Schauspieler (v. l.) Sara Forestie, Rod Paradot, Catherine Deneuve und Benoît Magime

Die Crew des Eröffnungsfilms: Regisseurin Emmanuelle Bercot (M.) und die Schauspieler (v. l.) Sara Forestie, Rod Paradot, Catherine Deneuve und Benoît Magime

Foto: Ian Langsdon / dpa

Das gesellschaftskritische Sozialdrama „La tête haute“ mit Catherine Deneuve eröffnet das Internationale Filmfestival in Cannes.

Cannes.  Das Filmfestival Cannes ist mit einem höchst kontrastreichen Programm in die ersten Tage gestartet. Während am Donnerstag Tom Hardy und Charlize Theron in „Mad Max : ­Fury Road“ ein höllisches, pumpendes Action-Inferno durchkämpften, waren die Festspiele einen Abend zuvor mit deutlich leiseren Tönen eröffnet worden: In dem Sozialdrama „La tête haute“ – was übersetzt etwa so viel heißt wie „Erhobenen Hauptes“ – versucht Catherine Deneuve einem jungen Kleinkriminellen zu helfen.

Dem ersten Film wird bei einem Festival immer eine besondere Bedeutung beigemessen. Immerhin könnte dieser Eröffnungsbeitrag ein Zeichen für die Stimmung der kommenden Tage sein. Das Filmfest Cannes setzte zuletzt meist auf opulente und hochkarätig besetzte Werke wie etwa „Grace of Monaco“ mit Nicole Kidman. In diesem Jahr schlugen die Festspiele einen anderen Ton an.

Bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein gab es natürlich auch Glamour: Die Grande Dame des französischen Kinos, Catherine De­neuve, spielt eine der Hauptrollen. Über den roten Teppich flanierten außerdem Jurymitglied Sophie Marceau sowie Stars wie Julianne Moore, Naomi Watts und Isabella Rossellini. „Wir wollten den Menschen Tribut zollen, die im Hintergrund arbeiten“, erklärte Regisseurin Emmanuelle Bercot die Beweggründe für ihren Film „La tête haute“. Darin geht es um eine Jugendrichterin und einen jungen Kleinkriminellen. Bercot sah außerdem Parallelen zu den Terroranschlägen Anfang des Jahres in Paris. „Die Täter hatten alle schwierige Kindheiten“, sagte sie mit Blick auf die „Charlie Hebdo“-Attentäter. Vieles von dem habe sie auch während ihrer Recherchen bei Gericht und in Sozialämtern gesehen. „Kein Kind wird böse oder barbarisch geboren.“

Deneuve betonte ebenfalls die politische und soziale Dimension des Films. Es sei wichtig, dass ein Festival wie Cannes mit einem Werk wie diesem eröffne. „Es ist für das Filmfest eine Möglichkeit, auf das schwierige vergangene Jahr in Europa und vor allem in Frankreich zu reagieren.“

Keine neuen Facetten

Deneuve verkörpert in „La tête haute“ eine Jugendrichterin. Der kleine Malony steht bereits mit sieben Jahren zum ersten Mal vor ihr, als seine Mutter ihn völlig überfordert an die Behörden übergibt. Malony wird hin- und hergeschoben und gerät auf die schiefe Bahn. Er knackt Autos und rastet immer wieder höchst gewalttätig aus. Die Richterin und ein Sozialarbeiter versuchen ihm zu helfen, doch jeder neue Ansatz scheint fehlzuschlagen.

Deneuve strahlt in der Rolle der Richterin durchaus so etwas wie Mütterlichkeit und Verständnis aus. Der Fokus des Films aber liegt auf Malony. Der bisher unbekannte, 19 Jahre alte Rod Paradot verkörpert diesen Kleinkriminellen mit erstaunlicher Intensität. Sein Körper ist meist angespannt, innerlich brodelnd und zitternd bis in die Fingerspitzen, während seine Augen seine Verletztheit und Unsicherheit widerspiegeln.

Regisseurin Bercot gelingt es allerdings nicht, dem Thema wirklich neue Facetten hinzuzufügen. Da sind die viel zu junge Mutter, die hilflosen Sozialarbeiter, die verlorenen Kinder – das alles wirkt dann über zwei Stunden doch etwas zu schablonenhaft. Eine Chance auf die Goldene Palme zum Festivalende hat „La tête haute“ sowieso nicht: Der Film läuft außer Konkurrenz.

Die internationale Jury muss stattdessen aus 19 anderen Beiträgen ihre Favoriten auswählen. Er werde versuchen, die Filme wie jeder andere Kinogast zu sehen, sagte Jurypräsident Joel Coen. „Man muss sich emotional darauf einlassen.“

„Mad Max“ außer Konkurrenz

Sollte „La tête haute“ tatsächlich einen Ausblick auf die Festivalauswahl geben, so dürften in Cannes noch so einige gesellschaftskritische Beiträge zur Auswahl stehen – und die Jury wird einige emotionale Erfahrungen durchleben. Der Italiener Matteo Garronne zeigte an diesem Donnerstag seinen Beitrag „Il racconto dei racconti (Tale of Tales)“, eine Märchenerzählung mit Salma Hayek, Vincent Cassel und John C. Reilly. Garronne hatte 2012 für seine Mediensatire „Reality“ den Großen Preis der Jury gewonnen. Am Freitag stellt der griechische Regisseur Yorgos Lanthimos seinen ersten auf Englisch gedrehten Spielfilm vor: In der düsteren Zukunftsvision „The Lobster“ spielen Colin Farrell und Rachel Weisz mit.

Außer Konkurrenz wurde auch die Neuauflage der „Mad Max“-Reihe gezeigt, Tom Hardy spielt jetzt die Hauptfigur, die zuletzt Mel Gibson verkörpert hatte. Dieses Mal flieht Max durch eine apokalyptische Welt quer durch eine karge Wüste. Regisseur George Miller inszeniert eine spektakuläre und Testosteron geladene Verfolgungsjagd voller Explosionen, die schließlich nur im noch zugespitzteren Finale gipfelt. Immer mit dabei: Furiosa (Charlize Theron), die Max als weibliche Kampfmaschine in nichts nachsteht. Der Film läuft seit Donnerstag auch in Hamburger Kinos.

Die Auszeichnungen des Film­festivals von Cannes werden am 24. Mai von der internationalen, neunköpfigen Jury vergeben.