„Käthchen von Heilbronn“

Premiere am Thalia Theater: Küss mich, Käthchen

Foto: Angerer,Krafft/ZGBZGH

Zurückgenommene Regie, großartige Schauspieler: Heinrich von Kleists historisches Ritterspiel hatte Premiere am Thalia Theater.

Hamburg. Kleists „Großes Historische Ritterschauspiel“, das „Käthchen von Heilbronn“, bringt inszenatorische Schwierigkeiten mit sich. Wie stellt man Ritterromantik dar, die mit Femegericht und Schwertkämpfen fast schon als Parodie erscheint, wie ein brennendes Schloss, eine Einsiedelei, das Bad in der Grotte oder Gewitterstürme auf der Bühne? Wie Käthchens Gegenspielerin Kunigunde von Thurneck, die über so viele falsche Attribute verfügt, dass sie einer Schießbudenfigur gleicht? Oder einen Kaiser, der am Ende auftaucht und alles richten muss, als wäre das Drama eine Operette?

Überdies erzählt das Stück von gänzlicher Hingabe. Man muss heutzutage erst mal daran glauben, dass ein junges Mädchen sich vollkommen und gehorsam einem Mann ergibt und dabei nicht „50 Shades of Grey“ im Sinne hat. Hinzu kommt Kleists poetische Sprache, die sich in den 53 jäh wechselnden, verworren verknüpften Szenen zu heiligem Ernst aufschwingt, zu einem Weltbild aus Traum und Wahn.

Traumsicher verfolgt Käthchen ihren Traum von der einen großen Liebe

Doch es gelingt. So jedenfalls, wie es Regisseur Bastian Kraft am Wochenende am Thalia Theater zeigte. Er reduziert die 30 Rollen auf die Hälfte, konzentriert sich auf das Wesentliche, die Liebe. Seine Inszenierung lebt vor allem durch die großartigen Schauspieler: Birte Schnöink wahrt als Käthchen den poetischen Schmelz dieser Figur, ohne je ins Süßliche abzugleiten. Traumsicher verfolgt sie ihren Traum von der einen großen Liebe. Nie zeigt sie die krankhaften Züge ihres Wahns. Sie geht mit der Kraft des Natürlichen durch ihre Rolle, die sie durch das dunkelste romantische Land führt. Rührend, nicht rührselig, wie sie der himmlischen Suggestion folgt.

Jens Harzer ist ihr Märchenprinz Friedrich, Graf Wetter vom Strahl. Und Harzer, dieser talentierte Schauspieler, der gelegentlich in einen gehetzt wirkenden Manierismus abgleiten darf, zeigt diesmal eine störrisch klare Ausstrahlung. Er ist von der Liebe Käthchens ergriffen. Die verzwickte kleistsche Sprache, die nicht von dieser Welt scheint, beherrscht Harzer so mühelos, dass sie auch in unserer Welt verstanden wird und sich plötzlich entfaltet.

Was auf der Bühne passiert, versteht man durch die Sprache und das Spiel. Es ist das Experiment einer von Konventionen befreiten Begegnung zwischen Mann und Frau. Dass Kleist sie am Ende nur durch einen Deus ex Machina auflöst, einen urplötzlich auftretenden Kaiser, der alle in ihre Rollen verweist, ist seiner Zeit geschuldet. Und man fragt sich, ob es uns heute, 200 Jahre nach Kleist, gelingt, Liebe frei von Rollenbildern zu erleben.

Der dreistündige Abend beginnt vor dem Eisernen Vorhang. Dort klagt der Waffenschmied Theobald den Grafen vom Strahl an, er habe seine Tochter, das Käthchen, verführt. Sie liefe dem Grafen auf Schritt und Tritt hinter. Wolf-Dietrich Sprenger spielt diesen Vater bis ins Mark erschüttert. Er ist verzweifelt, wütend, sucht Antwort und Gerechtigkeit.

Der Graf, der das Käthchen verhören darf, um seine Unschuld zu beweisen, erfährt auch vom Mädchen nicht, warum sie ihm nachläuft. Er schickt sie zurück nach Heilbronn, zum Vater, und erkennt wenig später: „Ich bin geliebt.“ Diese schönste und größte aller Erkenntnisse spricht er dreimal aus, beseelt, beglückt, verzaubert. Später, als er diese Liebe verloren glaubt, verfällt er in Schwermut, in einen todesähnlichen Schlaf. Wie dem Käthchen erscheint auch ihm ein Engel.

Zuvor öffnet sich die Bühne (Peter Baur) zu einem runden Vorhang auf der Drehbühne, hinter dem eine gigantische Discokugel Punkte auf den Vorhangstoff schickt. Agieren die Schauspieler vor der Kugel, entsteht ein lebensgroßes Schattentheater auf dem Vorhang. Kleists Essay über das Marionettentheater, dessen natürliche Anmut die Abwesenheit von Verstand zeigt, lässt grüßen.

Großer Auftritt: Kunigunde von Thurneck. Im roten Seidenkleid verwirrt sie die Männer. Viktoria Trauttmansdorff spielt die berüchtigte Bühnenmegäre fordernd verführerisch, erst leise, dann böse, verrucht, verzweifelt, verboten. Es muss Spaß machen, diesen emanzipierten Männerschreck zu spielen. Besonders wenn man ihn ohne die Utensilien falsche Haare, falsche Zähne, falscher Körper spielen darf wie hier, sondern ihn ganz aus der entfesselten Angst vor Konkurrenz erschaffen kann. Nur ihrer treuen Rosalie (Sandra Flubacher) zeigt sie sich. Der Graf vom Strahl, wie alle Männer nur auf Äußerlichkeiten aus, rennt zu seiner Mutter (Marina Wandruszka) und erklärt: „Die begehr ich zur Frau! Nein?“ Der Graf hat in der Silvesternacht geträumt, er werde eine Tochter des Kaisers heiraten. Da Kunigunde vom Stamm der sächsischen Kaiser ist, glaubt er den Traum erfüllt. Doch so ganz traut er sich nicht: „Wohin flücht ich denn vor mir selbst?“

Kleists Traum- und Fantasiewelt stellen Bastian Kraft und sein Ensemble – dazu zählen unter anderem auch Sebastian Zimmler, Matthias Leja und Steffen Siegmund – so klar und realistisch dar, dass man deutlich ins Innere der Figuren schaut. Was macht die Liebe mit ihnen? Käthchen macht sie selbstbewusst und unzerstörbar, Kunigunde eifer- und rachsüchtig. Den Grafen macht sie unsicher, depressiv und später stark. Man muss an das Wunderbare, an seine Träume glauben.

Dass Käthchen und Graf denselben Traum hatten, dass sie füreinander bestimmt sind, macht das Ganze märchenhaft. Und was stört daran? Eigentlich nur die echt hässlichen Kostüme, die Männer in lappige schwarze Hosen, die Frauen zwar in rauschende Abendkleider, aber das Käthchen wiederum in ein Feinrippunterhemd mit Rüschenrock und derben Stiefeln gekleidet. Macht nichts. Der Applaus brandete am Ende trotzdem stark.