Unterhaltung

Baustellenbesuch in Hamburgs größtem Theater

Foto: Marcelo Hernandez

Das Mehr! Theater auf dem Großmarktgelände wird am 7. März eröffnet. Konzerte, Musicals und Sportveranstaltungen sind hier möglich.

Hamburg. Halbfertige Stuhlreihen, Teile der Bühne im Rohzustand. Eine vage Ahnung vom Ausmaß des Zentralparketts. Großes Durcheinander auf den ersten Blick, überall wird gestrichen und geschraubt, gemacht und getan. Aber das wird schon noch ... Nathalie Heinrich ist kräftig optimistisch, als wir über provisorische Holztreppenstufen Richtung Balkon kraxeln. Auf dieser Hochtief-Baustelle ist – ganz anders, als man es jahrelang bei der Elbphilharmonie gewohnt war – alles im Terminplan. Geht also. Wenige Wochen vor der Eröffnung am 7. März bietet das Mehr! Theater noch viel Platz für Fantasie, wie es hier demnächst aussehen könnte. Was hier passieren soll, das ist allerdings schon klar: so ziemlich alles, was man für Geld und Publikum auf eine Bühne stellen kann.

Hier sollen zukünftig zwar vor allem Musical-Produktionen wie „Dirty Dancing“ oder Shows wie die Queen- Sause „We Will Rock You“ gezeigt wer- den. Aber wie im Berliner Admiralspalast soll das Bunte-Teller-Prinzip gelten: Rock- oder Pop-Konzerte so ziemlich aller Geschmacksrichtungen gingen, irgendetwas mit Theater, Entertainment-Sortiment, aber auch Sportveranstaltungen, TV-Shows oder Gala-Events. Zur Eröffnung reist immerhin das London Symphony Orchestra an, um zu zeigen, dass – im Rahmen dieses Möglichen – auch Klassik machbar wäre. Heinrichs Terminvorplanung reicht momentan bis 2017. Wer kommen könnte oder schon fest gebucht hat? Betriebsgeheimnis, noch.

„Das Haus hat viele Möglichkeiten, es ist wie ein Verwandlungskünstler“, sagt Heinrich, als wir zurück in ihrem Büro sind. Sie ist, von einer Mischung aus Vorfreude und Lampenfieber seit Monaten unter Druck gehalten, hier die Theaterleiterin. Wie auch an fünf anderen deutschen Standorten des von Maik Klokow geleiteten Unterhaltungskonzerns Mehr! Entertainment aus Düsseldorf, der mit dieser ungewöhnlichen Adresse eine neue Facette in das Hamburger Location-Angebot bringt. Das Mehr! Theater auf dem Großmarktgelände wird keine Einweg-Spielstätte wie die Musical-Häuser von Stage Entertainment. Klokow investierte 30 Millionen Euro, nachdem die Stadt bei der Suche nach einem geeigneten Standort diese Location angeboten und sie gefallen hatte. Der Pachtvertrag läuft bis mindestens Ende 2034. Eintagsfliegen sehen anders aus.

Für Hamburgs Kulturlandschaft entsteht eine neue Anlaufstelle

In der Musicalstadt Hamburg ist Klokow kein Unbekannter, er war jahrelang so etwas wie der Kronprinz von Stage-Gründer Joop van den Ende, ging dann 2008 nach einer Portion Theaterdonner eigene Wege. Jetzt ist er wieder hier, als Konkurrent des Platzhirschs in einer deutschen Stadt, in der man als Stücke-Anbieter nicht fehlen darf. „Um gute Lizenzen für Produktionen zu bekommen, brauchen wir auch ein Standbein in Hamburg“, erklärt Heinrich, „wenn man auf dem internationalen Markt präsent sein will, muss man hier spielen.“ Olaf Scholz’ launiger Richtfestspruch, das London sich jetzt schon mal warm anziehen könne, war zwar nett gemeint. Doch so weit ist es, bei aller Liebe zum Genre, noch längst nicht.

Für Hamburgs Kulturlandschaft entsteht dennoch eine neue Anlaufstelle, die sich als sehr vielseitig erweisen kann, und als sehr lohnend. Wenn der für seine Scheußlichkeit berüchtigte CCH-Saal 1 durch den Umbau ab 2017 auf längere Zeit wegfällt und Veranstalter ihren Künstlern die Rumpelästhetik der Alsterdorfer Sporthalle nicht zumuten möchten – hier könnten sie hin. Hier wäre Platz, und das nicht zu knapp. In der denkmalgeschützten Halle Baujahr 1962, unter ihrem riesigen Wellendach, könnten auch jene Tour-Produktionen gezeigt werden, für die ansonsten nur in den spielfreien Sommermonaten Platz in den Staatstheatern ist. Staatliche Einrichtungen haben schon angefragt, berichtet Heinrich, und warum sollte es keine Zusammenarbeit mit dem Thalia oder dem Schauspielhaus geben? Alles in allem hat dieses Bespielungskonzept, das sich keine ausgedehnte Sommerpause gönnen wird, durchaus etwas von der sprichwörtlichen eierlegenden Wollmilchsau.

Das gilt auch für die Saalkonzepte: Fest stehen die hinteren Sitzreihen im Parkett und der Balkon, alles andere ist variabel. Bei der Gala-Bestuhlung ist im Parkett Platz für 480 Gäste auf den 4000 Quadratmetern Fläche. Die Stan- dardsituation mit Guckkasten-Bühne erlaubt 2200 Plätze. Bei zentraler Bühnenposition sind 2400 Plätze möglich, damit ist dieses Theater das größte der Stadt (das neue Stage Theater an der Elbe hat 1850 Plätze, die Neue Flora 1965); bei unbestuhltem Parkett sind sogar 3500 Besucher drin.

Die freistehende Bühnenrückwand trägt das 60 Tonnen schwere Bühnendach mit, an dem neben der Beleuchtung auch die gesamte Obermaschinerie befestigt wird. Vor der 25 mal 20-Meter-Bühne ist ein Orchestergraben einsatzbereit. Für Klassik-Projekte wie das Konzert mit dem LSO gäbe es eine Bühneneinrahmung mit Reflektor-Elementen oberhalb des Orchesters, die den Klang trotz bis zu 20 Meter Raumhöhe in den Griff bekommen sollen. Künstlergarderoben, Technik und Verwaltung werden in den beiden Untergeschossen einquartiert. Feste Seitenwände zu den Foyers gibt es nicht, was bedarfspassende Raumgestaltung erlaubt.

Strategische Herausforderungen gibt es dennoch. Die neue Adresse mit ihren Anfahrtswegen muss von den Besuchern erst gelernt und buchstäblich erfahren werden. Für Gastspiel-Produktionen peilt Heinrich in erster Linie Hamburger an und alle, die im Umkreis von etwa einer Stunde wohnen. Eine wirklich gut erreichbare U-Bahn-Station wäre toll, schwärmt sie, aber das bleibt womöglich ein teurer Wunsch, sollten die Olympia-Pläne dabei nicht nachhelfen. Parkplätze für Pkw und Busse sind nicht das Problem, denn das Areal ist groß genug. Ein Zustand, auf den die Elbphilharmonie-Intendanz mit ihrer räumlichen Enge vor dem Konzerthaus-Eingang womöglich neidisch wird. Doch die alltägliche Logistik – Gemüse- und Blumenlaster raus, Publikum rein – will ab Anfang März erst noch eingespielt sein.

Für die bei jungen Mädchen legendäre Ich-trage-Obst-durchs-Bild-Szene aus „Dirty Dancing“ (ab Mai im Spielplan) ist der Standort jedenfalls ideal: Direkt hinter der Bühnenrückwand beginnt die Großmarkthalle. Da gibt’s frische Wassermelonen satt.