Kampnagel

Choreograf Akram Khan bringt Strawinsky-Mythos auf die Bühne

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Irmela Kästner

Foto: Louis Fernandez

Im Rahmen des Lux-Aeterna-Festivals gastiert der Choreograf Akram Khan an vier Abenden mit seiner Compagnie auf Kampnagel. Zu sehen ist seine Produktion „iTMOi“.

Hamburg. Es ist ein gewagtes Unterfangen, an das sich der britische Choreograf Akram Khan im Jubiläumsjahr von „Le sacre du printemps“ herangetastet hat. Schließlich hatte der Komponist zu Lebzeiten noch jeden Choreografen beschuldigt, sein Werk nicht verstanden zu haben. Das Tanzstück „iTMOi“ – der Titel steht für „In The Mind Of Igor“ – aber feiert seit der Uraufführung im Mai 2013 weltweit Erfolge. Im Sinn von Igor Strawinsky? Vielleicht weil es auf Strawinskys Komposition verzichtet. Auch wenn sich Khan ausgiebig mit der originalen „Sacre“-Partitur beschäftigt hat, entschied er sich für eine neue Musik und hat dafür gleich drei zeitgenössische Komponisten eingespannt. Vom 12. bis 15. Februar 2015 ist „iTMOi“ mit der Akram Khan Company bei Lux aeterna auf Kampnagel zu Gast.

Eine archaische Welt im Spiegel der Gegenwart lässt „iTMOi“ auferstehen, das an den „Sacre“-Mythos zwar anknüpft, sich darüber hinaus aber an Strawinskys weiterem Werk und Leben orientiert, erläutert Khan im Telefoninterview. Und während er durch die Freisprechanlage über Kindheitsmythen und Opferkulte räsoniert, steuert er gleichzeitig sein Auto durch den Metropolendschungel von Londons Straßen, die Stimme aus dem Navi und das Heulen von Blaulichtsirenen liefern den passenden Soundtrack. Deutlicher lässt sich kaum vermitteln, wie das Leben des umtriebigen Tausendsassas mit bengalischen Wurzeln tickt. Um die Jahrtausendwende entdeckt und zum Erneuerer einer urbanen Welttanzkultur erklärt, hat Akram Khan binnen weniger Jahre die Spitze der internationalen Tanzkunst erklommen. Bei der Feier für Olympia 2012 hat er mitinszeniert. Die English National Opera will nun eine „Giselle“ von ihm. Starballerina Sylvie Guillem wünscht sich eine Choreografie für ihren Bühnenabschied.

Geschenkt wurde dem mittlerweile 40-Jährigen der furiose Erfolg nicht. Von Kindesbeinen an trainierte er bei seinem Meister Sri Pratap Pawar den nordindischen Tanz Kathak mit seinen komplexen Rhythmen und Figuren. Er kennt Disziplin, weiß was Verzicht bedeutet, und schlägt sogleich die Brücke zu seiner Sicht auf aktuelle Opferbereitschaft. „Wir wollen heute immer alles und zwar sofort. Jeglicher Verzicht wird sogleich als Opfer empfunden. Die Bedeutung des Begriffs wandelt sich.“

„iTMOi“ ist eine Auftragsarbeit, die erste, die Khan für seine Compagnie kreiert hat. Alistair Spalding, Direktor des Sadlers Wells Theatre und Großbritanniens einflussreichster Tanzmanager wollte am Jahrestag der Uraufführung einen „Sacre“ von Khan in London zeigen mit anschließendem Gastspiel am wiedereröffneten Originalschauplatz Théâtre des Champs Elysées in Paris. „Kannst Du mir die Telefonnummer von Strawinsky geben?“ habe er Spalding spontan gefragt. „Mir war in dem Moment nicht bewusst, dass er tot ist. Ich habe bislang immer mit lebenden Komponisten gearbeitet. Und ich hätte so viele Fragen gehabt.“

Vor allem behagte Akram Khan das Etikett der Reifeprüfung nicht, das einem „Sacre“ anhaftet. „Bin ich etwa kein vollwertiger Choreograf, solange ich mich nicht an dieser Komposition abgearbeitet habe?“ Für ihn hat sich nach Pina Bauschs „Sacre“ das Thema ohnehin erledigt. „Wenn ich die Musik höre, dann sehe ich Pinas Stück, sehe ich ihre Bewegungen, höre ich Strawinskys Musik.“

Leben, Tod, Bruch: Die Begriffe hat er seinen Komponisten an die Hand gegeben. Sein langjähriger Kollaborateur Nitin Sawhney, Jocelyn Pook, die für Khans Solo „Desh“ die Musik geschrieben hat, und Ben Frost, tragen klassische bis experimentelle oder auch folkloristische Klänge bei. Die Widersprüchlichkeit in Strawinskys Leben als revolutionärer Komponist und orthodoxer Christ, die Vielfältigkeit seiner musikalischen Einflüsse, die Komplexität seines kompositorischen Denkens haben es Khan angetan. Selbst wenn sich ihm dessen Logik bisweilen nicht erschließt. „Aber genau darin liegt die außergewöhnliche Schönheit. Es ist wie mit der Natur. Sie folgt ihrer eigenen Logik. Wir meinen zwar, die Natur zu kontrollieren. In Wirklichkeit aber kontrolliert sie uns.“ Der Mensch im Clinch mit der Natur, beschreibt Khan sein Motiv. „In meiner bengalischen Kultur ist die Natur weiblich. Aber das Weibliche muss hier nicht sterben, es ist der Mann, der stirbt. Strawinsky selbst wird geopfert.“ Nun gut, man müsse das im übertragenen Sinn sehen, räumt Khan ein. Letztlich sei er aber überzeugt, dass der Komponist bewusst riskiert habe, der Aufführung von „Sacre“ seine Karriere zu opfern.

Abraham soll aus Liebe zu Gott seinen Sohn Isaak töten: Der biblische Opfermythos – Khans Mutter hat ihn ihrem Sohn vorgelesen – findet sich ebenfalls in „iTMOi“ wieder. Niemals würde sie ihn opfern, habe die Mutter auf die kindliche Nachfrage versichert. „Warum“, hat Khan sie in Vorbereitung des Stücks gefragt, „hast du dir selbst widersprochen, wenn du doch ein moralisches Gleichnis aufstellen wolltest?“ Um Zweifel zu säen. Zu zweifeln sei oft lehrreicher als Gewissheit zu haben, habe sie geantwortet. Im Sinn von Igor Strawinsky? Unter erneutem Aufheulen von Polizeisirenen räumt Khan ein: „Vielleicht ist es doch eher im Sinn von Akram“. Und den beschäftigt im Moment vor allem, dass er vor vier Wochen zum zweiten Mal Vater geworden ist.

Akram Khan Company: „ITMOI“ Do, 12.2. bis So, 15.2., jeweils 20.00, Kampnagel, Jarrestraße 20, Karten von 12 bis 36 Euro unter T. 27 09 49 49; www.kampnagel.de