Tanz-Kritik

Mit Essen spielt man nicht? Auf Kampnagel wird alles zum Tanz

Foto: pa

Die Choreografen Sebastian Matthias und Boris Charmatz faszinieren beim Tanz-Festival auf Kampnagel mit Beobachtungen aus dem Alltag. Und überschreiten dabei die Grenzen des guten Geschmacks.

Hamburg. Was der Tanz heutzutage alles sein kann, belegten am Wochenende zwei individuelle, kraftvolle Abende auf Kampnagel. Der regelmäßig in Hamburg arbeitende Sebastian Matthias lädt zunächst in „Synekism/ Groove Space“ die Zuschauer zu einem unbestuhlten Parcours ein. Ein paar Turngeräte stehen in der Mitte, ein Reck, eine Art Holzstiege, Sitzkissen. Instinktiv erwandern sich viele Zuschauer den Raum und werden, ohne direkt zu spielen, zu performen, Teil der Choreografie. In einer Ecke erklingen aus vier Lautsprechern urbane Klangfetzen, Verkehrslärm, dann Orchesterklang, zerrissene Elektronik. Drei Tänzerinnen und vier Tänzer in Straßenkleidern beginnen virtuos sich verrenkend mit improvisiert wirkenden, aber genau gesetzten Bewegungen. Auf faszinierende Weise werden das Nebeneinander und die Vielfalt im Stadtraum und seiner Gesellschaft erlebbar.

Wo Matthias aus einer abstrakten Anordnung spielerische Bewegung gewinnt, verwandelt der gefeierte Franzose Boris Charmatz eine Alltagsverrichtung in eine Körperskulptur. Aus einem Workshop am Hamburger Studiengang Performance Studies heraus entwickelte der Tanzerneuerer die Idee seiner neuen Arbeit „Manger“. Es geht also ums Essen. Vierzehn Performer beginnen unter ein paar Leuchtröhren auf leerer Bühne beherzt mehrere Din-A4-Lagen von Esspapier zu verzehren. Vielmehr sie knabbern, stopfen und schlingen. Stöhnend, auch mal würgend.

Körperskulpturen summen Beethoven

Anschließend beginnen sie erst sich am Boden liegend zu verrenken, später im Kontakt miteinander zu verknäueln. Gleichzeitig summen sie bekannte Melodien von Beethoven bis zu Animal Collective. Die Körperskulptur aus diesen so grundverschiedenen, erstklassigen Tänzern, funktioniert simultan auf drei Ebenen des Ausdrucks. Vor allem das gleichzeitige Essen und Bewegen verlangt dem Ensemble alles ab. Den Zuschauern dämmert langsam, dass sie es hier nicht mehr mit synchronen Körpern und gestreckten Beinen zu tun bekommen wie im Ballett.

„Manger“ ist eher ein philosophischer Abend über Aspekte des Stoffwechsels, eine Art mobiles Abendessen zwischen Ruhephasen, Partyzuckungen und Realitäten wie Essstörungen, ein Tabu im Tanz, die hier akut einen jungen Mann auf der Bühne zu befallen scheinen. Auf einer höheren Ebene verhandelt Boris Charmatz, der immer auch ein politischer Künstler ist, die Gewohnheiten, wie wir Realität verarbeiten, etwa Nachrichten, vor allem die schlechten natürlich.

Die Performance hat sich seit der Uraufführung bei der Bochumer Ruhrtriennale noch weiter radikalisiert. Die Bewegungen wurden weiter in eine Art Essenz eingekocht. Charmatz, der in Hamburg bereits mit „Enfant“ und „Levée des conflits“ begeisterte, hat mal wieder alle verblüfft.