Schauspielhaus

„Onkel Wanja“ schwankt zwischen Komik und Melancholie

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Karin Beiers Tschechow-Inszenierung „Onkel Wanja“ feierte am Hamburger Schauspielhaus Premiere. Die Aufführung konnte jedoch nicht überzeugen. Manches wirkt willkürlich und ungenau.

Hamburg. Zwischen den Dramengöttern Shakespeare und Tschechow hat sich Karin Beier bisher eindeutig für Shakespeare entschieden. Mehr als ein Dutzend seiner Stücke hat sie inszeniert. An Tschechow versuchte sie sich erst einmal, vor 15 Jahren, als sie den „Kirschgarten“ in Köln auf die Bühne brachte. An Tschechows müde gewordenen Menschen, jenen Verträumten, Verzweifelten, Vereinsamten, die sich sehnen, über ihr vertanes Leben staunen, die Hirne, Herzen, Leiber und Seelen verrenken, um einen Sinn oder Ausweg zu erkennen, hat sie schon damals demonstriert, dass sie nicht mehr in die Wirklichkeit gehören.

Keinen Verweis auf unsere Zeit gibt es auch in Beiers Tschechow-Inszenierung „Onkel Wanja“, die am Wochenende am Schauspielhaus Premiere hatte. Hier leben zwar noch jene vor Langeweile und Hoffnung vergehenden Enttäuschten und müde Gewordenen in der Provinz, aber sie wirken fremd, scheinen gar nichts mehr mit uns zu tun zu haben. Sie musizieren mit Klavier, Balalaika, Plattenspieler und Blechblasinstrumenten, sie singen Russisches oder suchen „put, put, put“ ein Huhn, sie schleppen Lampen und Stühle heran, auf die sie sich dann zum Schlafen legen und im Hintergrund gongt gelegentlich eine Klangröhre.

Die Bühne, das ist die aufgerissene Scholle, ein matschiger, endloser Acker aus Erdklumpen über den sich ein schmaler, heller Steg windet, auf dem gespielt wird. Zu Beginn läuft Marina (Juliane Koren), die alte Kinderfrau, hier ein paar Mal hin und her mit einem Samowar und präsentiert uns damit die klassische Assoziation ans russische Theater. Aber russisch ist hier nicht sehr viel, soll es auch nicht sein. Doch was dann? Vieles wird ausprobiert. Mal bewegen sich die Schauspieler in Zeitlupe, mal agieren sie wie in einem Slapstick. Einer träumt russisch von „smjerts“ (Tod), einer schnarcht, drei Männer tanzen synchron wie im Musical, einer will ein großes Werk mit dem Titel „Kann die Pelzkapuze die Pelzmütze ersetzen?“ schaffen. Was erzählt uns das? Man weiß es nicht. Ein bisschen Komik, ein bisschen Klamauk, etwas Trauer und Melancholie ergeben noch keinen stimmigen Theaterabend.

Ein bisschen von diesem und jenem

Manches wirkt willkürlich, ungenau. Den alten Tschechow, sterbensschön dargebracht, den will man nicht mehr. Den neuen Tschechow, bei dem man sich über diese Verzweifelten totlacht und sie beispielsweise in ein Auto setzt, schon gar nicht. Man will ein bisschen von diesem, ein wenig von jenem. Doch Komödie und Tragödie, Redseligkeit und stummes Begehren, Sehnsucht und Wahn scheinen hier nur touchiert, nicht wirklich ausgeleuchtet. Nur Eines ist sicher: Spätestens wenn die Schauspieler auftreten und sich Beine-baumelnd mit ihren Gummistiefeln auf den Steg setzen, denken wir an die vielen Jürgen-Gosch-Inszenierungen, in denen die Schauspieler stets nebeneinander saßen und gelegentlich auch mehr als Beine baumeln ließen.

Kein Wunder! Johannes Schütz hat diese Bühne entworfen, Goschs langjähriger Bühnenbildner. Hier nun sitzen der fesch gekleidete, trinkfreudige Arzt Astrow (Paul Herwig), die mit rotem Kopftuch bäuerisch ausstaffierte Sonja (Lina Beckmann) und der im viel zu weiten, weißen Hemd bullig scheinende Wanja (Charly Hübner) zusammen, räsonieren über die Liebe, das Leben und den Professor (Oliver Nägele). Der bewunderte Wichtigtuer war mit Wanjas verstorbener Schwester verheiratet. Seit Jahrzehnten bezieht er die Einnahmen aus dem Gut, für das sich Wanja und Sonja, die Tochter des Professors aus erster Ehe, abrackern. Seine zweite Frau Elena (Anja Lais) taucht göttinnengleich mit ihm hier auf. Wanja liebt diese Frau schon lange vergeblich. Sie findet das lästig. Aber für eine kurze Affäre mit dem Arzt hätte sie was übrig. Den über den Stumpfsinn des Lebens verbitterten Arzt wiederum liebt Sonja verzweifelt und vergebens. Als der Professor verkündet, er wolle das Gut verkaufen, schießt Wanja zwei Mal auf ihn. Doch er trifft nicht. „Peng, schon wieder daneben“, sagt er und meint damit wohl alles in seinem Leben.

Von Verzweiflung und Pragmatismus

Bevor sich alles auflöst, der Professor, seine Frau und der Arzt abreisen, lässt Regisseurin Beier Schnee vom Himmel fallen. Es sieht wunderbar aus. Alles taucht in Watte. Alle enttäuschten Hoffnungen, verletzten Gefühle. Und letztlich, wenn Sonja zu ihrem Onkel sagt: „Du hast in deinem Leben keine Freuden gekannt, aber warte, warte Onkel Wanja, warte... wir werden ausruhen... wir werden ausruhen“ ist damit ja das kalte Ende, der Tod gemeint. Zwei Stunden haben wir da den Schauspielern zugeschaut, der wie immer großartigen Lina Beckmann, die als Sonja ein rührendes Bauerntrampel spielt, das so innig den Arzt anschmachtet. Eine Frau, die so glücklich ist, wenn sie liebt, dass sie herumhüpft und albern wird. Und die ihre Verzweiflung darüber, nicht geliebt zu werden, ins Pragmatische wendet und anfängt zu arbeiten.

Charly Hübners Wanja trauert über sein vertanes Leben, aber gibt bis zuletzt die Hoffnung nicht auf, dass Elena ihn lieben könnte. Er bringt ihr Blumen, weint, reißt sich das Hemd herunter. Mal ist er Trauerkloß mit leisen Tönen, mal Berserker mit zarter Seele, der bittet und bettelt. Paul Herwigs alkoholisierter Arzt kennt leider nicht viel mehr als einen nölenden Ton. Und Anja Lais, deren Elena mal davon träumte Konzertpianistin zu werden und die nun an einen dicken alten Mann gebunden ist, spielt die Kapriziöse. Elena ist genau die Art Frau, die so tut, als sei sie aufregend. In Wahrheit ist sie langweilig, hohl. Die Männer fliegen gerne auf ihr Getänzel und Getue rein. Marlen Diekhoff spielt die Mutter, die sich für nichts als den Professor und ihre Magazine interessiert. Und Yorck Dippe lungert als sitzengelassener Gutsbesitzer und Underdog am Klavier. Ein trauriger Haufen.

Aus all diesen isolierten Einzelgängern formt sich keine stimmige, aussagekräftige Inszenierung. Tschechow wollte in seinen Tragikomödien „das Leben so beschreiben, wie es ist; und weiter weder piep noch pup“. Hier gibt es leider zu viel „piep und pup“.

Weitere Termine: 19.1., 31.1., 11.2.