Schauspielhaus Hamburg

Der Skandal um „Die Neger“ verpuffte in tödliche Langeweile

Die Besucherauslastung des Schauspielhauses war an diesem Abend überschaubar. Genets Stück „Die Neger“ hat in seinem Uraufführungsjahr 1959 für Tumulte gesorgt. Heute wirkt es aus der Welt gefallen.

Hamburg. Die Hamburger Premiere von Jean Genets Clownerie „Die Neger“, im Vorfeld mit allerlei Protestaktionen und aufgeregten Skandalnachrichten garniert, entpuppte sich als theatrales Hochamt zelebrierter Langeweile und verpuffte als Rohrkrepierer, ohne Zerstörungen zu hinterlassen. Die tödlichste Gefahr am Theater, die Langeweile, wurde beizeiten vom Zuschauer als Gefährdungspotenzial erkannt. Er ging sediert in Deckung.

Die Besucherauslastung des Schauspielhauses war an diesem Abend ohnehin überschaubar. Genets Stück „Die Neger“ hat in seinem Uraufführungsjahr 1959 für Tumulte gesorgt – nicht nur der Titel, sondern auch Genets Ansinnen, alle Vorurteile und bizarren Vorstellungen, die Schwarze von Weißen haben und umgekehrt, in eine Sprache zwischen Poesie und Banalität, Obszönität und Geschwätzigkeit zu bannen – und wirkt heute seltsam aus der Zeit gefallen. Zumal Regisseur Johan Simons alles getan hat, um diese Koproduktion mit den Wiener Festwochen und den Münchner Kammerspielen in wunderschönen, bisweilen berückend poetischen Bildern aus Schattenspielen und Laterna-Magica-Effekten zu feiern. Jedes Wort scheint ihm heilig, selbst wenn es nicht einmal die Tinte auf dem Papier wert ist.

Der erhoffte (?) Skandal blieb nicht nur in Wien aus, auch in Hamburg war nichts außer freundlichem Beifall zu vernehmen. Nun ist es ohnehin schwierig, Schauspieler, die unter schwarzen und weißen Ganzkopfmasken ihre Mimik verstecken, zu beurteilen. Sie erschöpfen sich hier in gestischer und pantomimischer Ritualsprache mit gelegentlichen, wohltuenden Ausfällen aus ihren Rollen, um daran zu erinnern, dass das Ganze ein Spiel ist um einen Ritualmord an einer nackten weißen Frau, deren perfekter, aus Wachs geformter Körper im Lauf der Vorstellung dahinschmilzt. Weil Genet aber „Die Neger“ als Clownerie bezeichnet, wird uns Kasperltheater vorgeführt, bei dem wir darauf warten gefragt zu werden, ob wir alle da sind.