Musik-Festival

„Rising Stars“ in der Laeiszhalle: So klingen exzellente Klassik-Talente

Foto: Hernandez

Pflicht-Termin für Hamburgs junge Klassik-Fans: Eine Woche lang stellt die europaweit organisierte Konzertreihe „Rising Stars“ im Kleinen Saal der Laeiszhalle vielversprechende Talente vor.

Hamburg. Dieser junge Mann tut nichts, um seine Hörer zu fesseln. Er sitzt einfach da hinter seinem Cello und hat sein Publikum vom ersten Ton an am Haken. Ob er eine Brahms-Sonate spielt oder Strawinskys „Suite italienne“ oder, wie an diesem Nachmittag im Studio E der Laeiszhalle, einen Satz aus Bachs gefürchteter D-Dur-Suite für Cello solo, es ist alles da: ein schmelzend warmer, geschmeidiger Ton, eine lockere Virtuosität, ein schier berstendes musikalisches Temperament und dazu eine unmittelbare Beredtheit, als spräche er durch sein Instrument.

Dabei ist das gar kein Konzertauftritt. Michael Petrov, der Bulgare aus London, kommt gerade vom Flughafen und muss sich vorm Sponsorendinner noch umziehen, er ist also weder ausgeruht noch eingespielt, noch kennt er den Raum. Egal. Für einen echten Profi sind das alles keine Hürden. Wer auch unter solchen Bedingungen noch soviel Präsenz und Souveränität aufbietet, der hat das Zeug zum Solisten.

Das ist das Holz, aus dem die „Rising Stars“ geschnitzt sein sollen, so stellen sich die Veranstalter das vor. In Hamburg also die Elbphilharmonie Konzerte. Am 17. Januar sind sie wieder eine Woche lang im Kleinen Saal der Laeiszhalle zu hören, die jungen und noch unbekannten Hochbegabten, die abseits der breiten Öffentlichkeit schon beachtliche Karrieren hingelegt haben.

Petrov, geboren 1990 in Sofia, lebt in London, seit er 15 ist. Seine Eltern haben ihn hingeschickt, damit er an der weltberühmten Yehudi Menuhin School ausgebildet werden konnte. Heute studiert er an der nicht minder berühmten Guildhall School of Music & Drama. Mit seinen 24 Jahren ist er schon als Solist mit dem Philharmonia Orchestra, dem Royal Philharmonic Orchestra und dem English Chamber Orchestra aufgetreten, um nur einige zu nennen, ganz zu schweigen von seinen ungezählten Stipendien und Preisen. Nach Hamburg kommt er mit dem Pianisten Ashley Fripp. Der wiederum ist nicht einfach nur sein Duopartner, sondern wurde seinerseits zum „Rising Star“ gekürt.

15 bis 18 Konzerte eine „riesige Chance“

Der Festival-Flyer, dessen Sterne in Goldknopfoptik auf den Walk of Fame in Hollywood anspielen, macht es deutlich: Das Publikum hat es mit einer handverlesenen Auswahl zu tun. Jedes Jahr verständigen sich die Intendanten großer europäischer Konzerthäuser über sieben Künstler, die sie eine Saison lang kreuz und quer durch den Kontinent schicken. ECHO heißt der Kreis, European Concert Hall Organisation, mittlerweile zählt sie 21 Mitglieder. Allein in Deutschland sind es vier, nämlich neben den Elbphilharmonie Konzerten die Kölner Philharmonie, das Festspielhaus Baden-Baden und das Konzerthaus Dortmund. Und die einigen sich meist auf einen deutschen Kandidaten beziehungsweise auf ein Ensemble.

So kommen die ausgewählten Sieben in den Genuss ungeteilter Zuwendung der ECHO samt Beiprogramm und Schnellkursus in Sachen Selbstpräsentation. Für die Auftritte in Hamburg gibt es routinemäßig noch Konzerteinführungen und Education-Auftritte dazu.

Das Wichtigste aber sind natürlich die Konzerte selbst. Es ist erstaunlich, wie schwierig es selbst für hervorragende, vielfach preisgekrönte Musiker ist, an Auftritte zu kommen, die auch wahrgenommen werden und die Karriere befördern. 15 bis 18 Konzerte in einer Saison sind für jeden von ihnen eine riesige Chance. „Viele Musiker werden sonst nur in ihrem Heimatland bekannt und bleiben ein Leben lang lokale Größen“, hat Intendant Christoph Lieben-Seutter beobachtet. „Das Gütesiegel eines internationalen Konzerthauses hilft da weiter.“

Die Musiker lernten aber auch, was es bedeute, auf Tournee zu sein und sich mit unterschiedlichsten Publikumsarten auseinanderzusetzen. „Birmingham ist etwas anderes als Athen“, sagt Lieben-Seutter und lacht. Dieses Jahr präsentiert er seine aufstrebenden Sterne zum vierten Mal in Form eines Festivals, kompakt in einer Woche, statt in einer ganzjährig laufenden Konzertreihe. Man freue sich über wachsenden Zuspruch, sagt Lieben-Seutter; das Publikum sei oft so jung wie die Musiker selbst, aber auch Kammermusikfans seien darunter.

Allein zwei Streichquartette kommen nach Hamburg, eins aus Portugal und eins aus Frankreich, und dazu ein, wenn man so will, Krypto-Streichquartett, nämlich das deutsche SIGNUM Saxophone Quartett. Die vier Wahlkölner picken sich aus der Streichquartettliteratur sehr bewusst heraus, was für ihre Klangpalette passt; aber natürlich haben sie auch Alexander Glasunows Saxofonquartett im Programm, eines der wenigen Originalwerke für diese Besetzung.

Die Abfolge der Abende und die Stückauswahl wirken zufällig

Zu hören gibt es außerdem einen Belcanto-Abend, ein Klavier-Solorecital, ein Jazz-Trio und eben Petrov und Fripp. Gerade in dieser Buntheit offenbart sich die dramaturgische Schwäche der Unternehmung. So aufregend es zweifellos ist, sich von der Energie junger Musiker überfluten zu lassen, so zufällig wirken die Abfolge der Abende und die Stückauswahl. Eine inhaltliche Klammer, die so unterschiedliche Formationen verbände, würde der Woche noch eine andere Exklusivität verleihen. Immerhin soll ab dem nächsten Jahr an jedem Abend eine Auftragskomposition aufgeführt werden, hat die ECHO beschlossen „In puncto zeitgenössischer Musik haben sich die Künstler bei ihren Programmvorschlägen bislang eher zurückgehalten“, sagt Lieben-Seutter.

Michael Petrov hat da offenkundig keine Berührungsängste. Nach der funkelnden 6. Bach-Suite gibt er im Studio E eine von Henri Dutilleux’ „Trois strophes sur le nom de Sacher“ aus dem Jahre 1976 zum Besten, die auch bei seinem Konzert erklingen werden: eine Musik, die das Cello förmlich stürmt und kein Extrem fürchtet, nicht die zitternden Eisflächen in verschwindendem Pianissimo und nicht die krachenden Läufe, bei denen sich der Spieler auch noch selbst zupfend selbst begleitet.

„Dieses Stück zu studieren, war meine erste Begegnung mit zeitgenössischer Musik“, erzählt er. „Ich habe es wie eine Landschaft erforscht. Von den ersten Noten an dachte ich, der Komponist ist ein Genie.“

Mehr wird Petrov womöglich beim Künstlergespräch sagen, das jedem Konzert vorangeht. An diesem Abend schultert er seinen Cellokasten und verabschiedet sich. Draußen wartet der Fahrer. Das Aufgehen ist harte Arbeit für einen Stern.

„Rising Stars – Das Festival“ 17. bis 23.1., jeweils 19.30, Laeiszhalle, Kleiner Saal. Jeweils eine Stunde vorher: „Vorgestellt – Das Künstlergespräch“. Karten zu 21,- (erm. 10,-) unter T. 35 76 66 66; Internet: www.elbphilharmonie.de