Klassik

Pinchas Zukerman, Geigerlegende und Genussmensch

Foto: Marcelo Hernandez

Der heute 66-Jährige hat eine Bilderbuchkarriere hingelegt. Schon vor 40 Jahren konzertierte er mit den Philharmonikern Hamburg, dieses Wochenende führt er mit ihnen Beethovens Violinkonzert auf.

Hamburg. Pinchas Zukerman ist, in Zentimetern gemessen, nur durchschnittlich groß. Aber wer ihn zum Gespräch trifft, dem begegnet eine Persönlichkeit gewissermaßen in Überlebensgröße. Man braucht ihn nur anzutippen, schon breitet er die Arme aus und sagt etwa: „Man lernt nur durch Wiederholen, weil das Gehirn so langsam ist.“ Dass die Antwort mit der Frage nicht notwendig zu tun hat, geschenkt; ein Zukerman lässt sich nicht einhegen. Doch seine Sätze sind wie Ausrufezeichen, schlicht, wahr, wuchtig. Ihre volle Wirkung aber beziehen sie erst aus dem Zusammenspiel mit Zukermans Gestik. Ob er sich zum Fenster dreht und über das Gewitter draußen staunt, ob er mit einer Hand ans Kinn fasst oder einen Arm auf der Stuhlkante ruhen lässt, er tut es mit einem untrüglichen Gespür für Timing. Ein alter Bühnenhase eben.

Und eine wandelnde Geigerlegende. Zukerman, geboren 1948, blickt auf eine Bilderbuchkarriere zurück. Seit er mit gerade einmal 13 Jahren von dem Geiger Isaac Stern und dem Cellisten Pablo Casals, beide ebenfalls Abgesandte des Streicherolymps, entdeckt und flugs von seinem Heimatland Israel aus zum Studium an die an die renommierte New Yorker Juilliard School befohlen wurde, scheint sich unter seinen gedrungenen Geigerfingern alles in Gold verwandelt zu haben, was er anfasste. Rund 110 Plattenaufnahmen umfasst seine Diskografie; er tritt rund um den Globus auf und gehört zu jener Trias von Geigern, die über Jahrzehnte die akustischen Geschmacksknospen von Geigenliebhabern weltweit geprägt haben. Stern, Zukerman und Perlman, diese Namen standen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für einen satten, runden Ton, für leuchtendes Vibrato, überirdische Perfektion und einen kräftigen Zugriff aufs Instrument in der Nachfolge eines Heifetz oder Oistrach, vollkommen unangekränkelt von den Erkenntnissen der historischen Aufführungspraxis. Die setzte sich erst später durch; ihre bisweilen geräuschhafte, das Hässliche nicht scheuende Klangästhetik muss für Ohren der alten Schule schlicht eine Beleidigung sein.

Bei Zukermans Probe mit den Philharmonikern für deren 5. Philharmonisches Konzert an diesem Sonntag und Montag kommt denn zwischendurch auch mal Unterrichtsatmosphäre auf. Ohne Aufhebens macht er dem Dirigenten Bertrand de Billy ein Zeichen, dreht sich zu den Streichern um und erklärt in einer Mischung aus Englisch und jiddisch gefärbtem Deutsch, an welcher Stelle sie im langsamen Satz von Beethovens Violinkonzert den Bogen auflegen, wie sie das Handgelenk halten und wie sie vibrieren sollen, damit sich der Piano-Beginn schon vom Tonansatz der ersten Note an im Raum entfaltet. Zukerman denkt die Saalakustik mit. Allein in dieser kleinen Szene zeigt sich seine eminente solistische Erfahrung. Und er zögert nicht, das Orchester zu einem vor Energie bebenden Vollfett-Sound anzustacheln, wie er ihn haben will und auf seiner „Dushkin“ genannten Guarneri del Gesù mühelos vormacht. Der stilistische Vergleich mit Beethovens Sinfonie Nr. 3 „Eroica“, die nach der Pause erklingt, wird spannend.

Wenn ein Instrument einen Klang produzieren kann, dann soll es ihn auch produzieren, das ist offenkundig Zukermans Credo. „Die Menschheit hat sich immer fortentwickelt“, sagt er, „warum sollten wir uns in klanglicher Hinsicht zurückentwickeln?“

Auch sonst macht er keinen Hehl aus seiner Meinung. Eltern? Sind in erster Linie aufgefordert, ihre Kinder ziehen zu lassen, wenn die soweit sind. So hart es für ihn war, als halbes Kind von zuhause fortzugehen, künstlerisch sei es der richtige Schritt gewesen. Sein Lehrer Ivan Galamian wollte es so, der sich als Wegbereiter einer modernen Geigentechnik stark mit den natürlichen Bewegungsabläufen auseinandergesetzt hat. Zukerman, seit Langem selbst Lehrer bekannter Geiger, erschließt sich die Musik von der Geige her. Bis heute verbringt er täglich Stunden mit den allereinfachsten und gerade deshalb so schwierigen Grundlagenübungen: den Bogen halten, ein Gleichgewicht finden, leere Saiten streichen, solche Dinge.

Im übrigen ist er dem Genuss nicht abgeneigt. Von einem 40 Jahre zurückliegenden Gastspiel erzählt man sich bei den Philharmonikern, Zukerman habe bis kurz vorm Konzert noch mit einem Orchestermusiker Tennis gespielt. Ausgerechnet Tennis! Des Teufels für jeden Geiger! Nun, offenbar nicht ganz für jeden. Die stark verschwitzten Kontrahenten kamen gerade noch rechtzeitig zum Konzert, Zukerman packte seine Geige aus – und spielte, als hätte er sich so ausgiebig eingespielt, wie es die reine Lehre will.

Weihnachten und Hanukka feiert er mit Begeisterung: „Ich kaufe viele Geschenke“, erzählt er und zeigt sein Smartphone, das ein Bild seiner dreijährigen Enkeltochter ziert. Nur mit der Religion hat er es nicht, persönlich nicht und erst recht nicht politisch, wenn es um den aussichtslos festgefahrenen Konflikt zwischen Israel und Palästina geht: „Die Religion stört beide Seiten. Ohne sie wären wir längst soweit, uns zu versöhnen.“

Das Konzert am Sonntag widmet Pinchas Zukerman den Toten von Paris.

5. Philharmonisches Konzert 11.1., 11.00, und 12.1., 20.00, Laeiszhalle. Restkarten unter T.356868