Trauer

Abschied von Udo Jürgens: Sein Herz brannte für die Musik

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Thomas Burmeister

Udo Jürgens starb am Sonntag bei einem Spaziergang an Herzversagen. Er wurde 80 Jahre alt. Ein Nachruf auf einen Künstler, der das Publikum über Jahrzehnte begeisterte. TV-Sender ändern ihr Programm.

Zürich. Er hat Klatschtanten humorvoll in den Sahnetod geschickt und griechischen Wein zum Ohrwurm gemacht. Er hat Spießigkeit und Heuchelei in ehrenwerten Häusern entlarvt. Und immer, immer wieder hat Udo Jürgens die Hoffnung und die Liebe hochleben lassen. Jetzt ist der große Entertainer im Alter von 80 Jahren an Herzversagen gestorben, am Sonntag gegen 16.25 Uhr im Krankenhaus von Münsterlingen in der Schweiz, während seiner jüngsten Tournee. Bei einem Spaziergang war er zusammengebrochen.

Hits mit klugen Texten zu wunderbaren Melodien waren sein Markenzeichen – und sind nun als Evergreens sein Vermächtnis. Seine Erfolge schmücken Rekordstatistiken: Jürgens komponierte in einer mehr als ein halbes Jahrhundert umspannenden Erfolgskarriere mehr als 1000 Songs, von denen etliche Superhits wurden. Er spielte mehr als 50 Alben ein und verkaufte mehr als 100 Millionen Tonträger.

Popmusik und geistiger Anspruch kein Widerspruch


Seine Live-Auftritte mit Hits wie „Es wird Nacht, Señorita“, „Aber bitte mit Sahne“, „Griechischer Wein“ oder „Immer wieder geht die Sonne auf“ waren Kult. Bei Tourneen durch Europa erlebten Millionen Udo Jürgens auf der Bühne – samt seiner legendären Zugaben im weißen Bademantel. Mehr als 1600 von ihnen soll er im Laufe seiner Karriere ins Publikum geworfen haben.

Schon als Junge spielte der 1934 in Klagenfurt geborene Sohn der großbürgerlichen deutsch-österreichischen Familie Bockelmann Mundharmonika und Akkordeon, bald auch Klavier. Doch beinahe wäre in der ungeliebten Hitlerjugend die Musikerkarriere des Udo Jürgen Bockelmann verhindert worden: Damals bekam das junge Talent eine so brutale Ohrfeige, dass dadurch seine Hörfähigkeit vermindert wurde. Krieg und Nachkriegszeit seien auch für ihn bedrückende Jahre gewesen, berichtete Jürgens 2004 in seinem Buch „Der Mann mit dem Fagott“. Damals entstand wohl schon jenes „unstillbare Harmoniebedürfnis“, zu dem Jürgens sich stets bekannte.

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Manch anderen in der Unterhaltungsbranche hätte so ein Grundgefühl zu watteweichem Schmusekitsch verleiten können. Jürgens hingegen bewies als „Chansonnier deutscher Sprache“, dass Popmusik und geistiger Anspruch keineswegs Gegensätze sein müssen. Dafür verlieh ihm die Republik Österreich 1985 den Berufstitel „Professor“ – und das, obwohl Jürgens längst in die steuerfreundliche Schweiz umgezogen war, wo der Millionär zuletzt in einer Villa am Zürichsee wohnte.

„Als Komponist und Textdichter ist es Udo Jürgens gelungen, unvergessliche Melodien mit mal heiteren, mal nachdenklichen und philosophischen Texten zu vereinen“, hieß es in der Laudatio, als er 2014 in Berlin für sein Lebenswerk vom Musikrechteverwerter Gema geehrt wurde.

Zur Wende heimlich Geld verteilt


Zur deutschen Hauptstadt hatte der Star eine besondere Beziehung. Auch als 1989 die Mauer fiel und Ostdeutsche zu Zehntausenden nach Westberlin strömten, war Jürgens gerade in Berlin. „Wir haben mehr als nur eine Träne zerdrückt, sind uns mit wildfremden Menschen in den Armen gelegen“, berichtete er der Nachrichtenagentur dpa. „Ich habe 5000 Mark genommen und den Leuten in die Tasche gesteckt, in Hundertern, ganz heimlich.“

Ein Jahr vorher schon sagte Jürgens mit dem Song „Moskau – New York“ das Ende des Kalten Krieges voraus: „In Berlin wird die Mauer von beiden Seiten zerschlagen, als gemeinsame Fackel wird Freiheit ins Morgen getragen.“

Die Prophezeiung geriet 1988 angesichts einer Kontroverse in den Hintergrund, die „der Moralist am Klavier“ („taz“) mit dem Song „Gehet hin und vermehret Euch“ auf demselben Album auslöste. Das Lied wurde als Angriff auf die Haltung des Vatikans zur Empfängnisverhütung gedeutet und bei vielen Rundfunkanstalten mit einem Sendeverbot belegt.

Den internationalen Durchbruch hatte sich der spätere „Schlager-Professor“ 1966 bei seiner dritten Teilnahme am Eurovision Song Contest (damals noch: Grand Prix Eurovision) mit einem Lied ersungen, das auf der langen Liste seiner Evergreens weit oben steht: „Merci, Chérie“.

Er liebte es, die Menschen glücklich zu machen


Lange danach sang Jürgens zur Begeisterung vieler Rentner „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an. Mit 66 Jahren, da hat man Spaß daran“. Doch auch mit fast 80 war für ihn an Ruhestand gar nicht zu denken. Da hatte er ein neues Album veröffentlicht – mit dem leicht koketten Titel „Mitten im Leben“.

„Dass ich dieses Album schreiben konnte, in diesem Alter, das erfüllt mich mit einer unheimlichen Hoffnung“, sagte er damals. Bei der zum 80. geplanten „Mitten im Leben“-Tournee war sein Ziel genau dasselbe wie bei all seinen früheren Bühnenshows: „Die Menschen sollen den Konzertsaal glücklich verlassen.“

„Die ZDF-Gala“ zum 80. Geburtstag von Udo Jürgens wird am heutigen Montag um 20.15 Uhr wiederholt. Die ARD zeigt am heutigen Montag um 20.15 Uhr die WDR-Dokumentation „Der Mann, der Udo Jürgens ist“ im Ersten. Am 25.12., 20.15 Uhr, ist Udo Jürgens außerdem in einer Aufzeichnung der „Helene Fischer Show“ im ZDF zu sehen.